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Das jüdische Echo · 1915-08-06 · 31 (6.8.1915) · p. Seite 250

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
31 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 250 (sequence 6)
Language
German
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250 Das Jüdische Echo Nr. 31 habe auch einen guten Grund gehabt, denn der Kaiser sei hinter einem Vorhang verborgen gewesen und habe die ganze Unterredung angehört. Zum Schlüsse habe sich dann der Vorhang überraschend geteilt, der Kaiser sei hervorgetreten, habe von Angesicht zu Angesicht einige Fragen an ihn gerichtet und sich dann wieder hinter den Vorhang zurückgezogen. * „Und das war alles?", sagte Tycho und konnte sich eines Lächelns nicht enthalten. Der Rabbi erwiderte das Lächeln mit einem traurigen Kopfnicken. „Ich verstehe Euch wohl, Herr de Brahe, wir brauchen darüber nicht viele Worte zu wechseln. Euch scheint es eine kleine Gunst. Ich aber danke dem Ewigen, gepriesen sei er, daß zum ersten Mal seit Jahrhunderten ein Mächtiger der Erde sich herbeiläßt, unsere Lehre zu erforschen. Möge hierdurch mein bedrücktes Volk erhört werden, um aller Menschen willen, wie geschrieben steht: das Wort des Herrn wird wieder von Zion ausgehen und die Lehre von Jerusalem." Tycho betrachtete erstaunt den Mann, dem das Volk den ehrenden Beinamen des „Bescheidenen", aber auch des „hohen Rabbi Low", gegeben Vntte. Er verstand nun diese Verbindung und, da er in seiner aufgerüttelten Seele alles mit sich in Bezug zu setzen neigte, sah er plötzlich in diesem Juden ein edles Beispiel der Festigkeit und des Stolzes bei äußerer Erniedrigung. Mit welcher Natürlichkeit nahm der Rabbi für seine gering geschätzte Nation gar ein Lehramt vor der ganzen Menschheit in Anspruch! Dies nun fand Tycho freilich etwas übertrieben, doch hätte er gern mehr davon erfahren. Er bedauerte in diesem Augenblick wieder einmal, daß er so wenig von jüdischen Sitten und Denkwürdigkeiten wußte, obwohl er schon mehrmals mit Juden in Verkehr getreten war und sich stets für dies.es seltsame Volk interessiert hatte. So nahm er die letzten Worte des Greises auf und fragte: „Bedrückt? Wer bedrückt denn Euer Volk so sehr?" „Da mögt Ihr Euch freilich nicht leicht hineindenken können," erwiderte Rabbi Löwe. „Die Geschichte der Völker ritzt in ihre Tafeln unsere Prüflingen nicht besonders tief ein, so werden sie denn leicht ausgelöscht. Wir aber können nicht vergessen, was unsere alte Gemeinde in Prag, die man eine „Mutter in Israel" nennt, erduldet hat. Wir lesen ja Jahr für Jahr am Versöhnungstag das Klagelied des gelehrten Abigdor Kara, eines Vorgängers in meinem Amte, seine Verdienste mögen uns beistehen in dieser Wp.1t und in der künftigen Welt! Und worüber klagt er? Darüber, daß der Pöbel in die Judenstadt eindrang, „mit Axt und Beil bewaffnet, als gelte es einen Wald zu fällen", wie es in dem Liede heißt. Und weiter heißt es: „Die Bewohner fanden sich mit Familie und Gesinde im Gotteshause ein und an heiliger Stätte fielen sie durch Schwert und Flamme." Es heißt auch noch: ..Wir bejammern den Tod des frommen Rabbi, seines Bruders und einzigen Sohnes, kein W'eiser, kein Gelehrter ersteht wie er. mit ihm princr Würde und Glanz zu Gmbe! Um deir sicheren. Schändung zu entgehen, gab er. der geistige Lehrer, der Hochgeachtete seines Volkes, seiner Familie und sich mutvoll den Tod." Gierig hörte Tycho zu. Und nun erschien ihm wirklich das Volk der Juden, heimatlos und flüchtig? wie er, stets angefeindet wie er, in seiner Lehre mißverstanden wie er und dennoch an ihr festhaltend, ausgeraubt und verwundet wie er, dieses Volk der Mißerfolge, förmlich als ein Symbol seines eigenen Lebenswandels. Es fiel ihm ein, daß er sich schon früher einmal mit Ahasverus, dem ewigen Juden, verglichen hatte. Heute aber mußte sich das Rätsel lösen, das fühlte er, von diesem Rabbi hatte er Auskunft über die Wurzel seines Schicksals zu erbitten, über den Grund all seiner verfehlten Unternehmungen, über alle Kränkungen, Beleidigungen, Gefahren innen und außen, die er seiner Lehre wegen erlitt, und heftig rief er aus: „Nun sagt mir aber, wie ist es möglich, dies alles auszuhärten?? Und all dies um ein Nichts, um ein paar Buchstaben?" „Es ist gar nicht die Frage, wie wir es aushalten," sprach der Alte mit weicher Stimme, die sich während des Gespräches mehr und mehr besänftigt hatte, „wir haben eine Lehre: Gott ist nicht um des Gerechten willen da, um ihm zu dienen und ihn zu stützen, sondern der Gerechte ist da, um Gott zu dienen und ihn zu stützen." „Steht das wirklich in Eueren Büchern?" rief Tycho, in seinen geheimsten Ahnungen angerührt. „An vielen Stellen. So ist uns im Traktat Berachoth überliefert, daß der Hohepriester einmal in das Innerste des Innern eintrat, um Räucherwerk darzubringen, da sah er den Ewigen, gepriesen sei er, auf einem hohen Stuhle sitzend, geschmückt mit seinem Namen „Akatriel", das ist „Der in Unendlichkeit Gekrönte", und der Ewige sprach: Jischmael, mein Sohn, segne mich! Und als der Priester ihn zu Ende gesegnet hatte, da neigte Gott, der Herr der Heerscharen, das Haupt gegen ihn. Hieraus lernen wir zweierlei: daß der Herr den Tempel gewürdigt hat, sich in ihm niederzulassen und daß er den gerechten Menschen sogar würdigt, ihm, dem Heiligen, die Wohltat eines Segens anzutun." Rabbi Löwe war eifrig geworden und dabei in jene heilsam singende Betonung der Sätze gekommen, mit welcher der Talmud vorgetragen wird. Er hatte, wie in Verzückung, die Augen halbgeschlossen, und wiegte den Oberkörper in langsamen Rhythmen hin und her. Sein Antlitz drückte zugleich Inbrunst des Gefühls wie Scharfsinn der Unterscheidung aus, welch letztere aber keine leere Spitzfindigkeit, sondern freudige Sorgfalt war, der Erhabenheit des Gegenstandes angemessen. So war hier im Dienste Gottes aus dumpfer Innigkeit und Bewußtheit, aus ebendenselben beiden widerstrebenden Richtungen, die Tychos Seele zerrisisen, eine lebendige Einheit geworden, die sich, unmittelbar auf Tycho übertrug und ihn als etwas Naheverwandtes schon durch den bloßen Tonfall der Worte überzeugte: „Ist denn Gott nicht allmächtig?" zitterte Tycho. „Bedarf es unserer Hilfe, unseres Segenspruches?" Rabbi Löwe fuhr fort: „Auf eben dieses weist Rabbi Tarion hin, indem er die Worte der Schrift anführt: Bauet mir ein Heiligtum und sodann will ich da wohnen. — Und sodann! Das heißt also: nicht ehe das Heiligtum für meinen Dienst entstanden ist. Wenn Ihr aber wollt, so sage ich: das, was Rabbi Tarfon sagt, ist mehr als das vorige. Denn vom Hohenpriester wurde nur ein einmaliger Segen verlangt, vom ganzen Volk aber die große Arbeit des Baues. — Woraus aber kann man ersehen, daß der Ewige, gepriesen sei er, unsere Hilfe nicht befiehlt, sondern auch klagt, wenn sie nicht geleistet wird? Wir haben die Lehre: Als Rabbi Jose einmal auf Reisen war, und in den Ruinen Te.Hisalems betete, da hörte er ein Bath Kol, eine göttliche Stimme, girrend wie eine Taube, und sie sprach: Bei deinem Leben und bei dem Leben deines Hauptes! Nicht in dieser Stunde allein spricht es so, sondern Tag für Tag dreimal smicht es so: Wohl dem Könige, den man preist

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