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Das jüdische Echo · 1915-08-06 · 31 (6.8.1915) · p. Seite 249

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
31 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 249 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31 Das Jüdische Echo 249 literarisches Echo Dr. Stefan Rudnyckyj: Ukraina und die Ukrainer. Mit einer ethnographischen Übersichtskarte. 2. Auflage. Verlag Carl Kroll. Berlin 1915. Kein 8° 48 S. Mk. 1.—. Dmytro Donzow: Dfie ukrainische Staatsiidee und der Krieg gegen Rußland. Ebenda. 1915. 8°. 68 S. Mk. 1.—. Dr. Wladimir Kuschnir: Die Ukraine und ihre Bedeutung im gegenwärtigen Krieg gegen Rußland. 2. Auflage. Verlag der „Ukrainischen Rundschau", Wien. 1915. 8°. 38. S. Preis 50 Heller. Die ukrainische Bewegung ist für uns Juden wegen mancher Ähnlichkeiten, die die zionistische mit ihr aufzuweisen hat, außerordentlich interessant. Die Ukrainer liegen heute noch ohnmächtig in Ketten, die ihnen die Russen und Polen geschmiedet haben. Man will sie als selbständiges Volk nicht anerkennen, sondern erklärt sie aus eigensüchtigen Trieben als — welcher Unsinn — russifizierte Polen oder polonisierte Russen. Die ukrainischen Idealisten klagen dabei noch über innere Widerstände. „Die russische Ausrottungspolitik in der Ukraine hat im Laufe von zwei Jahrhunderten fast zum vollkommenen Abfall der höheren Klassen von dem Volke geführt, das zum nationalen Tode verurteilt zu sein schien — eine Erscheinung, die fast überall, obwohl nicht in demselben Maße (?), beobachtet wird, wo ein Volk unter fremder Herrschaft leben muß." Das hindert den freieren Teil der Ukrainer, die in Österreich lebenden Ruthenen, nicht, für sich und ihre unerlösten Volksgenossen auf das gute Recht der Selbstbestimmung zu pochen. Die unendlich schwierige und, wenn sie in diesem Kriege nicht gelöst wird, noch viele Generationen beschäftigende Frage, schreckt die Führer der ukrainischen Nation nicht, das schier unmöglich Dünkende, die Errichtung eines eigenen Staates im Süden Rußlands zu erstreben. Aber „die großen historischen Probleme brauchen Jahrhunderte für ihre Lösung, gleichviel ob diese Lösung sich auf dem Wege friedlicher Entwicklung oder gewaltsamer Völkerkämpfe vollzieht" (Dmytro Donzow). Schon vor Bismarck, mit und nach ihm hat man die Wünsche der Ukrainer in die weltpolitische Rechnung mit einbezogen. Wird Rußknd nicht durch Absplitterung der unterdrückten Fremdvölker, wie Polen und Ukrainer, auch an Landbesitz geschwächt, dann erholt es sich mit seinen Hilfsquellen auf der Bahn des technischen Fortschrittes wieder so weit, um über kurz oder lang den Anschlag gegen die mitteleuropäische Kultur mit Erfolg ausführen zu können. Sind auch die Zukunftshoffnungen des jüdischen Volkes noch schwerer zu verwirklichen, weil ja die Ukrainer den Boden, auf dem sie nach Freiheit streben, okkupieren, so wird die Lektüre der ukrainischen politischen Literatur doch so viel zeigen, daß in dieser Welt auch das Unwahrscheinlichste zur Tat werden kann, mögen die vernünftigen, in der Entwicklung liegenden Forderungen auch zuerst von solchen Menschen aufgestellt werden, die man so gerne als unpraktische Träumer und Phantasten ins Narrenhaus schicken möchte. Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße 4/u Telephon 23 804. Zeitungs-Echo Die „Jugend" muß, auf ihre weite Verbreitung Rücksicht nehmend, wie Schmock, der Journalist mit der Fähigkeit, rechts und links zu schreiben, allen Lesern etwas Liebes bringen. So macht sie sich in einer der letzten Nummern auf der einen Seite über Nikolai Nikolajewitsch lustig, um auf einer anderen ein halbseitengroßes Bild zu bringen, dns jedem rüden antisemitischen Witzblatt zur Zierde gereichen würde. Es stellt einen galizischen Juden dar, der einem Soldaten für 20 Pfennige ein Ei anbietet, mit der Bemerkung, daß der Krieg bekanntlichermaßen doch Milliarden koste. Der Witz ist schlecht, die Zeichnung verrät wenig Künstlcrschaft. Nicht unsere Empfindlichkeit ist es, die uns veranlaßt, auf die grobe Gewöhnlichkeit der Verhöhnung, die man vergebens in irgendeine Rubrik des Humors einzureihen versuchen wird, hinzuweisen. Aber es ist taktlos, daß ein Blatt von dem Range, den die „Jugend" in Anspruch nimmt, einer urteilslosen Menge in ihren niedrigen Instinkten entgegenkommt. Feuilleton Tycho Brahe und der hohe Rabbi Low Von Max B r o d. Wir entnehmen mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers den folgenden Abschnitt dem neuen Romane von Max Brod, „T ycho Brahes Weg zu Qot t", dessen Schluß im Juniheft der „W e i ß e n Blätter" enthalten ist und der demnächst als Buch im Verlage von Kurt Wolff in Leipzig erscheint. Tychos Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblick höchsten Zornes von drei sonderbaren Gestalten ergriffen, die aus den inneren Empfangsräumen des Kaisers kamen. Es waren Juden,, wie man an ihren schlichten langen Kleidbrn und den gelben breitkrempigen Hüten erkannte: der Rabbi Löwe ben Bezalel nebst zwei Begleitern, dem soeben die unerhörte Ausz'eichnung widerfahren war, vor den Kaiser berufen zu werden. Tycho, der schon bei seinem ersten Aufenthalte in Prag unbefangen genug gewesen war, den gelehrten Rabbiner der Prager Gemeinde in seiner Wohnung aufzusuchen, besann sich auch hier keinen Augenblick, dem schnell dahinschreitenden Greis, der sich offenbar der plötzlichen Stille und der deutlichen Verachtung aller Anwesenden möglichst rasch zu entziehen suchte, freundlich entgegenzugehen und ihn zu allgemeinem Erstaunen in die Vorhalle zu begleiten, indem er sprach: „Ich hoffe, daß Ihr bei der Majestät des Kaisers Gnade gefunden habt und beglückwünsche Euch dazu." Der Rabbi schaute um sich und atmete auf, da er die Höflinge nicht mehr sah. Die fleckige Röte seiner Wangen verriet, daß er eben eine bedeutungsvolle Stunde hinter sich hatte, und wie es großen Männern ziemt, bemühte er sich auch gar nicht, seine Aufregung zu verbergen, so daß sein langer weißer Bart und die braunen Augen mit ihrer stillen Würde zu seiner hastigen Stimme gar nicht passen wollten. Er erzählte, daß ihn Fürst Bertier, der Vertraute des Kaisers, sehr freundlich empfangen und in einen Saal geführt habe, wo er ihn mit auffallend lauter Stimme nach gewissen kabbalistischen Methoden fragte. Die laute Stimme

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