Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 31 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Das Jüdische Echo Nr. 31 „Du hältst also" — sagten die zarischen Demokraten — „zu den Juden, du bist ein Freund der Österreicher!" „Was soll man da tun?" Und die terrorisierten Bauern kamen zum Herrn J. und frästen ihn, als einen langjährigen Richter, wie sie sich zu verhalten haben. „Wenn wir das Geraubte nicht mitnehmen" — klagten sie — „werden uns die Russen aufhängen. Wenn wir es wiederum nehmen, sagt man, daß wir die Juden plünderten." Und dieser teuflischen, demagogischen Taktik bedienten sich die moskowitischen Eroberer sehr ausgiebig. Daß dies eine planmäßige, großangelegte Aktion war, beweisen die Proklamationen, die im Lande verbreitet wurden. Sehr bezeichnend ist in dieser Beziehung die Proklamation der berüchtigten Brüder Gerlowskyj aus Tschernowitz; sie atmet einen „echtrussischen" Geist, wie ihn das „Schwarze Hundert" aufweist und pocht an die niedrigsten, gröbsten Instinkte der unwissenden Menge, um sie gegen die Juden zu hetzen. Die reaktionären Instinkte der Massen wurden zu den räuberischen Zwecken der zarischen Politik ausgenützt. Und diese Politik ist nicht heutigen Datums. Dieser „Schwarze Hunderf'-Politik der jüdischen Pogroms bediente sich die russische Regierung auch früher öfters. Anfangs der Achtziger Jahre sollten die Judenpogrome ein Gegenmittel gegen die russische Revolution sein. Zu Beginn unseres Jahrhunderts nahm die zarische Regierung wiederum zu dieser Pogrompolitik Zuflucht, um die immer höherschlagenden Wellen des Volkszornes gegen das Ghetto abzulenken. Der berüchtigte Plehwe gab völlig zielbewußt den Anstoß zu dem schrecklichen Judenpogrom in Kischyniew im Jahre 1902.*) Und nun wandeln in den Fußstapfen derselben „echtrussischen" Staatsmänner die moskowitischen Eroberer. Sie verfolgen dabei ein zweifaches Ziel. Vom wilden Haß der urwüchsigen Barbaren geleitet, fallen sie über die arme jüdische Bevölkerung her, die vom Schicksal unter die ihr in Bezug auf den Glauben, die Sprache und die Sitten fremden Völker geworfen wurde. Und gleichzeitig wollen sie den Zorn und den Haß der unterjochten Völker gegen diieses unglückliche Volk richten. Und den moskowitischen Eroberern gelang es hie und da manche Kreise der vom Zarismus unterjochten Völker irrezuführen. Hat sich doch der berüchtigte Führer der allpolnischen Partei in der Reichsduma, Dmowski, nicht geschämt, zynisch zu erkären, daß anstatt eines Aufstandes gegen den Zarismus in Warschau — ein Aufstand gegen die Juden, der „Judenboykott" ausgebrochen sei . . . Dasselbe Argument erhoben auch die galizischen Russophilen der strengeren und laxeren Observanz, indem sie die Judenpogroms als eine würdige Introduktion der „Befreiungsaktion" des Zarismus predigten. Aber das ukrainische Volk folgte nicht dem Rufe dieses barbarischen Kannibalentums. Die russische Presse selbst hebt es mit Enttäuschung hervor, wie falsch Rußland über die Stimmung unseres Volkes von allerlei Renegaten, a la Bendasjuk und Gerowski, informiert wurde. Die Pogromseuche konnte in unserem Lande keinen Nährboden finden. , ,. . Der gegenwärtige Krieg hat uns anschaulich gezeigt, was für ein ungeheueres Unglück in jeder Hinsicht für unser Land der Sieg des Zarismus wäre und wie sehr für die Lösung der Judenfrage und des Problems des friedlichen Zusammenlebens der Völker unseres Landes die Zerschmetterung Rußlands notwendig ist. Nur die Zerschmetterung des Zarismus, die Befreiung der Ukraina und der anderen von Rußland unterjochten Völker kann der jüdischen Bevölkerung die Gelegenheit bieten, sich der moskowitischen Barbarei zu entledigen. Das mittelalterliche Ghetto wird dann verschwinden und die Juden werden als freie Mitbürger der freien Völker auf dem Boden, der ihnen vom Schicksal besehieden, endlich frei aufatmen können. Nicht irgendwo in der Ferne, in dem Palästinaland, wohin ihre Träume von der grenzenlosen Verzweiflung getragen werden, sondern auf diesem Boden, wo sie geboren wurde und wo sie aufgewachsen ist, wird die jüdische Bevölkerung sich eines ruhigen Daseins erfreuen, denn „Aus dieser Erde quillen meine Freuden Und diese Sonne scheinet meinen Leiden." A n m. d. R e d. Die Ukrainer haben schon wiederholt Verständnis für die Lage des jüdischen Volkes gezeigt. Gehören sie doch selbst einer Nation an, die durch ein widriges Geschick staatlich gespalten ist und die starke Hand mächtigerer und glücklicherer Herren zu fühlen bekommt. Der größere Teil von ihnen lebt in Südrußland, wo ihr kulturelles und politisches Leben mit despotischen Mitteln unterdrückt wird. Der weitaus kleinere in Ostgalizien, das ihm als Domäne von den Polen streitig gemacht wird. Dieser Umstand hat dazu geführt, daß die Ruthenen schon wiederholt Wahlbündnisse mit der jüdischen Bevölkerung eingegangen sind. Die Ruthenen und Juden Galiziens sind natürliche Verbündete zur Behauptung ihres nationalen Daseins. Aber nicht alle wissen sich, wie der Wahrheit gemäß festgestellt werden muß, von antisemitischen Instinkten frei. Ob es: nur die russophilen Elemente sind, mag dahingestellt bleiben. Und ob das gute Verhältnis, das Hankewytsch anerkennenswerter Weise wünscht, auch dann unverbrüchlich sein wird, wenn die Ruthenen in politischer Hinsicht schnellere Fortschritte als die Juden machen werden, läßt sich nicht voraussagen. Denn alle unsere geschichtlichen Erfahrungen lehren, daß die Juden immer — auch dann, wenn sie die Majorität bilden oder in gleicher Stärke mit Nichtjuden ein Gebiet bewohnen, zu sekundärem Einfluß und in die Opposition der um ihr Recht Kämpfenden gedrängt werden, so daß es keineswegs der Weisheit letzter Schluß sein kann, die jüdischen Kolonisationsbestrebungen im Orient, die ja nicht ausschließlich auf wirtschaftlich-materiellen Gründen beruhen, abzulehnen. *) Ein charakteristisches Moment. Von dem ^^^"^^^^^"B Schreiben Plehwes an den Generalgouverneur von Beßarabien betreffend den Judenpogrom brachte p jj fß f4 5 a Nachricht der Petersburger Mitarbeiter der „Times". Wegen dieser Indiskretion wurde er aus Petersburg ausgewiesen. Heute preist die „Times" die „zivilisatorische" Mission des zarischen Rußlands, des Bundesgenossen der westeuropäischen „Demokratie". Tempora mutantur. tedaktion bestimmte Sendungen sind von nun an ausschließlich zu richten an die Adresse des Herrn Dr. Max Mayer, München, Schwanthalerstr. 95