Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 31 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Das Jüdische Echo 247 sie als solche nicht anerkannt werden, um die Glaubensbrüder, zumindestens aber, um hartbedrückte Menschen, mit denen uns irgend ein Etwas verbindet, und für die sonst so viele Worte grenzenlosen Mitleids geflossen sind. Ist es den deutschen Juden damit wirklich ernst gewesen, dann dürfen sie nicht in der Stunde der Gefahr in erster Linie an den eigenen Schutz denken, sondern müssen die Flüchtlinge nicht nur willkommen heißen und unterstützen, sondern auch auf Mittel sinnen, wie den Notständen abzuhelfen sein werde: sie müssen alle Hebel in Bewegung setzen, damit ohne Härten die kommende Auswanderung an Punkte gelenkt wird, wo den Wanderern Ruhe vor Verfolgungen winkt. Das und nichts anderes werden „alle vernünftigen Menschen" erwarten und billigen. Hätten sich die Ausführungen Wolffs in diesen Bahnen bewegt, so wäre dagegen nichts einzuwenden gewesen. Sie würden das Eingeständnis enthalten haben, daß die Juden Deutschlands allzuviel unterlassen und versäumt haben, und aufgerufen haben, nachzuholen, was schon längst Pflicht ist. Aber so weit geht die Humanität der von ihrem Stamm und Glauben abgetriebenen Juden, die im „Berliner Tageblatt" ihr Sprachrohr haben, nicht. Da muß man schon an den Satz denken: Gott bewahre uns vor unseren Freunden, vor uiisern Feinden wollen wir uns selber hüten. N. W. Das jüdische Elend*) Von Mykola Hanke wytsch. Aus dem ostgalizischen Städtchen Sniatyn kam vor kurzem, als die Russen den Rückzug aus unserem Lande antraten, die kurze, lakonische Nachricht: „Der 12. Juni bleibt für immer im Gedächtnis derjenigen haften, die in Sniatyn verbleibend, die ganze Zeit der Herrschaft der Knute und der Nagajka hindurch bis zum Ende ausharrten. An diesem Tage verließen die Russen Sniatyn. Vor dem Verlassen der Stadt versammelten sie auf dem Ringplatz 4352 Juden, von denen sie 19, wie man in der Stadt erzählt, unterwegs aufgehängt haben sollen. Die ganze jüdische Bevölkerung wurde hierauf aus der Stadt hinausgeführt und über die Grenze in der Richtung nach Beßarabien getrieben. Die Szenen, die sich damals auf dem Ringplatz abspielten, spotten jeder Beschreibnung, es wäre schwer, das Weinen der Greise, das Jammern der Frauen und das Geschrei der Kinder in entsprechender Form zu schildern. Die jüdische Bevölkerung wurde gänzlich ausgeplündert, die christliche ein wenig geschont." Solche Nachrichten kommen aber von allen Seiten. Dies ist kein vereinzelter Ausnahmsfall - in dieser Barbarei ist eine Methode zu merken. Die moskowitischen Barbaren bedienten sich in ihrem Raubzug gegen unser Land verschiedener Methoden, verschiedener Wege. Indem er die revolutionäre Tradition Polens und die öffentliche Meinung Westeuropas fürchtete, richtete Nikolaj Nikolajewitsch an das polnische Volk das bekannte Manifest: „Wir werden Polen vereinigen und unter der zarischen Knute — pardon! — unter dem zarischen Szepter wieder ins Leben rufen!" Auf die Erfüllung dieser Versprechungen kann Polen lange warten! Zugleich beschlossen die *) Aus den „Ukrainischen Nachrichten", Mitteilungen des Bundes zur Befreiung der Ukraina. 2. Jahrg. 17. Juli. 1915. moskowitischen „Befreier" die Ukraina, das ukrainische Volk, gänzlich zu vernichten, mit der Wurzel auszurotten. Sie verkündeten offen, daß die Ukrainer als Nation zugrunde gehen müssen! Es gibt doch keine ukrainische "Nation! Aber am schwersten, am empfindlichsten wurde von der russischen Invasion die jüdische Bevölkerung unseres Landes getroffen. Die russischen Eroberer beschlossen einfach, die Juden als Menschen zu vernichten, sie aus der Welt gänzlich zu schaffen. Den Juden gegenüber benahmen sich die moskowitischen „Befreier" wie die Kriegerscharen des antiken Assyrien — die massenweise ganze Ansiedlungen in ferne Länder übersiedelten, ganze Dörfer mit Feuer und Schwert rücksichtslos zerstörten. Aber nicht nur auf diese Weise trachteten die russischen Barbaren die jüdische Bevölkerung zu erdrücken. In Befolgung ihrer traditionellen, teuflischen, demagogischen Methode nützten sie alle zwischen der jüdischen und der ursprünglichen Ortsbevölkerung bestehenden Gegensätze sozialen Charakters, Sitten- und Religionsvorurteile, die infolge der patriarchalisch, mittelalterlichen Rückständigkeit bis jetzt im Osten Europas vorherrschen, zu ihren Zwecken aus. Und wie die zarische Regierung künstlich und gewaltsam, rücksichtslos und in der Gänze das alte mittelalterliche Ghetto erhält, so trachtet sie auch diese mittelalterliche Barbarei überall in unser Land zu verpflanzen, ebenso in Westwie auch in Ostgalizien. Die moskowitischen „Befreier", die als Verbündete der westeuropäischen Demokratie in den „Befreiungskrieg" ziehen, waren in unserem Lande Vorkämpfer der osteuropäischen, mittelalterlichen Barbarei. Und eben hier wird das jüdische Problem zu einem Problem unseres Landes, unseres ukrainischen Volkes; und das Elend des vom barbarischen Zarismus unterdrückten, gewürgten, mißhandelten Judentums wird zu unserem Elend, dem Elend der vom Zarismus unterjochten Völker. Dies ist keineswegs eine Phrase, sondern eine schreckliche Wirklichkeit! Dies ist eine tragische Frage, die vom Weltkrieg von neuem aufgerollt wurde. Denn schauen wir uns weiter das unglückliche, von der moskowitischen Invasion heimgesuchte Sniatyn an: „Der vorstädtische Mob, der sicherlich mit Kenntnis der russischen Behörden die Wohnungen dfer »abwesenden Besitzer plünderte, bringt nun unter dem Drucke unserer Behörden die gestohlenen Kleider, Geräte und Wertgegenstände zurück. Im Feuer, das von der unseligen Hand eines russischen Soldaten gelebt wurde, brannte ein Teil der zum Ringplatz führenden Gasse, die Apotheke und das Haus des Bürgermeisters nieder. Ein Teil der Armenischen Gasse ist ebenfalls abgebrannt." Die moskowitischen Barbaren — manche sentimentalen Leser mögen mir den unzarten Namen verzeihen! — luden stets einfache Leute, und vor allem die Bauern ein, die jüdischen Geschäfte, jüdisches Vermögen und jüdische Häuser zu plündern. Sie beschränkten sich nicht auf die Einladungen. Sie zwangen manchmal die Bauern mit Terror, die jüdische Habe zu plündern. Der pensionierte Oberlandesgerichtsrat J. war ein Augenzeuge dieser Demagogie der zaristischen „Demokraten". Dies war in der Bukowina. Die Russen kamen, plünderten die jüdischen Geschäfte und Häuser und begannen die jüdische Habe unter die Bauern zu verteilen. Wer von ihnen das Geraubte nicht mitnehmen wollte, fiel in Ungnade.