Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 31 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Das Jüdische Echo Nr. 31 Aber sie scheuen weniger vor einem Sturze am Ende ihrer abschüssigen Laufbahn als vor einer rechtzeitigen Umkehr. Wovor sich nämlich diese Volksvertreter fürchten, erhellt eine Bemerkung des Krakauer Tageblattes „Qlas narodu" vom 9. Juli, das zu der Erklärung schreibt, „die Unzufriedenheit der Freunde Oro ß und Rauch sei so weit gegangen, daß ein gewisses Krakauer Tageblatt, welches dem Abgeordneten Dr. G r o ß nahesteht, (ebendemselben, der seinen Namen nicht hergab), eines schönen Tages eine Aktion behufs En tf e r n u n g der genannten beiden Herren a u s dem öffentlichen Leben einleiten sollte". Hält man zu dieser Indiskretion noch die Tatsache, daß in dem Augenblicke, wo das russische Heer aus Qalizien vertrieben wurde, polnische Zeitungen und zwar die Organe ebenderselben jüdischen Abgeordneten Dr. v. Löwenstein und Dr. Aschkenasy, zweier Unterzeichner (!), ihre alte Judenhetze wieder aufnahmen, dann wird wohl das Wirken der „Vertreter der galizischen Judenheit" genügend stigmatisiert sein. Solche Taten leisten sich jüdische Männer zu einer Zeit, wo die Lage ihres Volkes an Verzweiflung grenzt. Und wollen wir retten, was noch zu retten geht, dann sind wir gezwungen zu sagen, daß heute, wo der äußere Feind uns so schweres Unglück zufügt, alle Versuche von jüdischer Seite, eine Partei-, Klassen- oder einseitige Interessenpolitik zu treiben, im Keime erstickt werden muß. Deshalb ist es auch notwendig, sich mit einem verführerischen Leitartikel zu beschäftigen, den Theodor Wolff, der Chefredakteur des „Berliner Tageblattes", am 19. Juli veröffentlicht hat. Er nimmt den „Avanti" zum Ausgangspunkt, der sich über die Heuchelei, daß dieser Krieg der Befreiung aller unterdrückten Völker gelte, lustig macht. Wie haltlos die Behauptung der Vierverbandsmächte sei, wird an den Juden Rußlands demonstriert. An deren Tragödie knüpft Wolff an, um den Polen die Leviten zu lesen, die sich sogar nicht entblödeten, in den besetzten Gebieten die Hilfsarbeit, die gleicherweise Polen und Juden zugute kommen sollte, nach Möglichkeit zu durchkreuzen. Während nun Wolff auf der einen Seite die Polen wegen ihrer antisemitischen Machenschaften angreift, gibt er ihnen auf der anderen selbst eine Waffe in die Hand, indem er die polnischen Juden als „gemischte Elemente" bezeichnet. Was e r also nicht liebt, sollen die anderen nicht hassen. Lassen wir ihn aber selbst zu Worte kommen, damit es nicht scheint, als ob wir willkürlich zitierten. Er meint, indem er Unzusammenhängendes zusammenwirft und verkoppelt: „Je weiter sich die Dinge jetzt entwickeln und je mehr Gebiete besetzt werden, desto notwendiger ist es, alle Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen. Man muß dabei genau so alle Sympathien und Antipathien, Empfindlichkeiten und vorgefaßten Meinungen ausschalten, wie auch sonst in der Politik. Es genügt nicht Antipathie zu empfinden, denn damit kommt man an den Tatsachen nicht vorbei, und man sollte auch bedenken, daß es manchem schwer ist, ein Engel zu bleiben, wenn er in einer Hölle lebt. Es genügt auch nicht, Sympathie zu zeigen, und solche Sympathiebeweise sind sogar recht beschwerlich, da man die Juden im Innern Rußlands dafür pogrommäßig büßen läßt. Jedenfalls hätte niemand Grund zu der Besorgnis, mit der möglichen Entwicklung der Dinge könnte bei uns ein jähes Hereinfluten so gemischter Elemente zu erwarten sein. Alle vernunftigen Menschen würden sich diesem Bedenken anschließen und die wirksamen Gegenmittel gutheißen, natürlich im Rahmen der allgemeinen Gesetzlichkeit." Das heißt ehrlich gesprochen: Ich fürchte doch mehr, als ich es wahr haben möchte, daß uns der unliebsame polnische Antisemitismus eine starke Einwanderung von so „gemischten Elementen bescheren werde, die natürlich, aus der Holle entfliehend, nicht allesamt Engel sein können. Aber da man, wie sonst in der Politik, bei Erwägung aller Möglichkeiten jede Empfindung, also auch das Mitleid mit dem Schicksal so hart betroffener Menschen ausschalten muß, winken wir schon heute der Regierung mit dem Zaunpfahl, einer jüdischen Einwanderung aus dem Osten zu steuern, damit der Antisemitismus in Deutschland keine neue Nahrung erfahre. Das ist der Gesichtspunkt jener jüdischen Kreise, die allen großzügigen Plänen, für die Juden Osteuropas eine Zufluchtstätte zu schaffen, mit Gleichgültigkeit gegenüberstanden oder sie sogar, wenn sie Palästina galten, mit Spott bekämpften und nicht im entferntesten daran dachten, auch ihr Schärflein beizutragen, sobald es sich um die Ausführung so notwendiger und segensreicher Unternehmungen handelte. Die Folgen zeigen sich heute. Sie wollen sich um jeden Preis dagegen wehren. Sobald es ihnen an den Kragen geht, besinnen sie sich auf ihr „besseres" Selbst, das hillige Mitleid wird platonisch, verschwindet — wie es bei der Politik üblich ist! — und man befürwortet, selbstverständlich „im Rahmen der Gesetzlichkei t", Einwanderungsbeschränkungen. Denn — verstehst Du wohl? — das ist schon deshalb vorzuziehen, weil dann niemand gegen die Willkür der administrativen Behörden mucksen kann. Dann ist von Anfang an gründliche Arbeit getan, Kritik und Opposition ist ausgeschaltet und die deutschen Juden bleiben vor der Berührung mit ihren östlichen Verwandten verschont. Läßt sich ein solcher Gedankengang irgendwie rechtfertigen? Zumal da Wolff „konstatiert, daß der Antisemitismus bei uns selbst in seiner lichten Glanzzeit nicht geradezu lebensgefährlich war?" Oder befürchtet er etwa doch auch ohne Zuwanderung „so gemischter Elemente" ein sprungartiges Anwachsen des Antisemitismus, in Deutschland, da seine Bemerkung, „man sage, daß das nach dem Kriege alles anders werden soll", mehr als unsicher klingt? Wie dem auch sei, selbst wenn sich die Lage der deutschen Juden um einige Grade verschlechtern sollte, dürften sie nie und nimmer den aus Lebensnot nach einem Asyl Flüchtenden die Türe vor der Nase zuschlagen helfen. Wir erkennen wohl an, daß der gehobenere Teil einer zusammengehörigen Gemeinschaft, selbst wenn er sich vor einigen Generationen nicht von dem tiefer stehenden unterschied — auch wir sind noch nicht lange dem Ghetto entronnen — wünschen darf, bewahrt zu bleiben vor einer Verringerung seines erreichten Ansehens, vor einer Wiederholung schwerer Kämpfe im bürgerlichen und gewerblichen Leben. Aber wo es die Errettung soundsovieler Seelen vor dem sicheren Unter¬ Range gilt, haben kleinere oder größere Bedenken wegen möglicherweise eintretender, aber doch zu überwindender Unannehmlichkeiten zu schweigen. Handelt es sich doch um die eigenen dem Verderben preisgegebenen Volksgenossen oder, wenn