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Das jüdische Echo · 1915-07-30 · 30 (30.7.1915) · p. Seite 241

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
30 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
Seite 241 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Das Jüdische Echo 241 Das mag wohl zutreffen. Oppenheim gehört zu der Generation durchaus jüdisch fühlender Männer, die im Zionismus eine neue Ära des Judentums ahnen und, obwohl sie selbst nicht mehr an dieser Bewegung tätigen Anteil nehmen können, ihr dennoch die verdiente Achtung und Anerkennung entgegenbringen. N.W. Feuilleton Eine Mendelssohn-Änekdote1) Von Friedrich Nicolai. Mein verewigter Freund Mosesi Mendelssohn ward mit dem Marquis2) durch mich ungefähr im Jahre 1760 bekannt und gewann ihn wegen seiner Gutherzigkeit und Naivetät sehr lieb. Der Marquis schätzte von seiner Seite den vortrefflichen Moses außerordentlich, und sie hatten zuweilen interessante Gespräche, auch wohl über philosophische Gegenstände. Es war in Berlin ein gelehrter Jude und Freund Mendelssohns: Raphael. Er trieb keinen Handel, sondern lebte bloß als Sprachmeister, da er der französischen, italienischen und engländischen Sprache sehr kundig war. Durch öftere freimütige Reden wider mancherlei jüdischen Aberglauben zog er sich das Mißfallen der Rabbiner und Judenältesten zu, welche gegen Ende des Siebenjährigen Krieges es mit Ernst darauf anlegten, ihn von Berlin zu vertreiben. Um ihm einigen Schutz zu verschaffen, machte ihn Moses mit dem Marquis d'Argens bekannt, der ihn bald sehr lieb gewann, sich von ihm im Hebräischen unterweisen ließ, sich fast täglich mit ihm von Literatur, besonders von der deutschen unterhielt, und ihn gewöhnlich seinen Engel Raphael nannte. Dies war genug, daß die Judenältesten sich nicht getrauten, ihn anzutasten. In den Unterredungen mit Raphael kam der Marquis auch auf die Toleranz. Er bezeugte sein Erstaunen, daß in den Staaten Friedrichs des Großen noch Intoleranz herrsche. Er glaubte, die Judenältesten hätten nur die Abwesenheit des Königs mißbrauchen wollen, um den guten Raphael aus Berlin zu vertreiben. Er wunderte sich aber nicht wenig, zu hören, daß die Judenältesten durch die Gesetze nicht allein berechtigt, sondern auch sogar verpflichtet sind, jeden Juden, der nicht entweder ein Schutzprivilegium hat oder im Dienste eines Schutzjuden ist, ohne weitere Rechtsform, in der ersten Stunde, wo der Polizei die Anzeige geschiehet, durch dieselbe aus der Stadt bringen zu lassen. Der Marquis konnte immer noch nicht begreifen, daß dies Gesetz ohne allen Unterschied angewendet würde; er fragte endlich: „Aber unser lieber Moses ist doch wohl nicht in dem Fall?" Raphael antwortete: „Allerdings! er wird hier bloß geduldet, weil er in Diensten der Witwe Bernhard ist. Wenn diese ihn heute aus ihrem *) Aus den „Anekdoten von Friedrich II.", die Nicolai 1788 bis 1792 erscheinen ließ. Sie sind von E m i 1 Schäffer in der „Inselbücherei" (Nr. 159) neu herausgegeben worden. Sechs Holzschnitte' von Adolph Menzel aus der „Geschichte Friedrichs des Großen" von Franz Kugler zieren das stimmungsvolle Bändchen. 2) Jean Baptiste de Bover, Marquis d'Argens, einer von der Tafelrunde Friedrichs II. Dienste entläßt und er keinen anderen Schutzjuden finden kann, welcher ihn in seinen Dienst nehmen will, so muß er, wenn die Judenältesten es noch heute der Polizei anzeigen und seine Wegschaffung verlangen, noch heute die Stadt verlassen." Der Marquis war darüber außer sich. Der edle Mann konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein Philosoph, daß ein so weiser und gelehrter Mann, den jeder Rechtschaffene hochschätzen müßte, täglich in der Gefahr sein sollte, sich auf so niedrige Art behandelt zu sehen. Er wollte es nicht eher glauben, bis es ihm Moses selbst bekräftigte, welcher in dem ihm eigenen edlen ruhigen Tone hinzusetzte: „Sokrates bewies ja seinem Freunde Kriton3), daß der Weise schuldig ist, zu sterben, wenn es die Gesetze des Staats fordern. Ich muß also die Gesetze des Staates, worin ich lebe, noch für milde halten, daß sie mich bloß austreiben, im Fall mich in Ermanglung eines anderen Schutzjuden auch nicht einer von den Trödeljuden in der Reezengasse für seinen Diener erklären will." Den Marquis frappierte diese Lage der Sache aufs äußerste; und er war so sehr davon gerührt, daß er noch während des Siebenjährigen Krieges deshalb an den König schreiben wollte. Er ward mit einiger Mühe davon abgehalten, weil man voraussah, daß dies nicht die rechte Zeit sein würde. Nach wiederhergestelltem Frieden dachte der Marquis selbst wieder daran und verlangte, daß Mendelssohn eine Bittschrift aufsetzen möchte, die er selbst übergeben wollte, ob er gleich sonst nie sich damit abgab, Bittschriften zu übergeben. Moses wollte sich erst nicht dazu verstehen. Er sagte: „Es tut mir weh, daß ich um das Recht der Existenz erst bitten soll, welches das Recht eines jeden Menschen ist, der als ein ruhiger Bürger lebt. Wrenn aber der Staat überwiegende Ursachen hat, Leute von meiner Nation nur in gewisser Anzahl zu dulden, welches Vorrecht kann ich vor meinen übrigen Mitbrüdern haben, eine Ausnahme zu verlangen?" Indessen stellten Moses Mendelssohns Freunde ihm vor, daß er ein Hausvater sei und für das Wohl seiner Familie diesen Schritt tun müsse. Er ließ sich endlich überreden. Ich vermute, es werde den Lesern nicht unangenehm sein, diese Bittschrift wörtlich hier zu lesen: „Ich habe von meiner Kindheit an beständig in Ewr. Majestäten Staaten gelebt und wünsche, mich auf immer in denselben niederlassen zu können. Da ich aber ein Ausländer bin und das nach dem Reglement erforderliche Vermögen nicht besitze, so erkühne ich mich alleruntertänigst zu bitten: Ew. Königl. Majestät wollen allergnädigst geruhen, mir mit meinen Nachkommen Dero allerhöchsten Schutz nebst den Freiheiten, die Dero Untertanen zu genießen haben, angedeihen zu lassen, in Betrachtung, daß ich den Abgang an Vermögen durch meine Bemühungen in den Wissenschaften ersetze, die sich Ew. Majestät Protektion vorzüglicherweise zu erfreuen haben." Der Marquis übergab diese Bittschrift selbst dem Könige im April 1763; aber Moses bekam keine Antwort. Wir waren alle darüber betroffen; und ich gestehe, der sonst so sanfte Moses war hierüber ziemlich empfindlich und machte uns, die wir ihn dahin gebracht hatten, wider seinen Willen den Schritt zu tun, gewissermaßen Vorwürfe. Die Sache blieb so einige Monate, weil der Marquis voraussetzte, die Bitte sei gewährt worden, und weil Moses auf keine Weise weiter einen Schritt :i) Vgl. Mendelssohns Phädon. Berlin 1767. S. 172.

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