Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 30 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Das Jüdische Echo Nr. 30 strichen. Oppenheim wollte zeigen, daß die Juden zwischen Steinen und nicht zwischen Blumen aufwüchsen und den harten Tritten der Menschheit ausgesetzt seien. Nachdem sich das Publikum das Vorspiel, das im Hause eines jüdischen Arbeiters spielt, angehört hatte, setzte tosender Beifall ein. Als aber im Lauf der Akte das ganze Leben Lassalles, die sozialistischen Tendenzen, die damals fast als revolutionär galten, aufgerollt wurden, schlug die Stimmung eines Teils der Zuschauer um. Die Vorstellung wurde minutenlang wegen der lärmenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Parkett und Logen und oberen Rängen, wo die Arbeiterschaft mit ihren Führern saß, die Oppenheim zujubelte, unterbrochen. Es kam in den Gängen zu Handgreiflichkeiten, die merkwürdigerweise von der Polizei nicht verhindert wurden. Am nächsten Tage ging die Presse, die Oppenheims literarisches Schaffen bisher wohlwollend behandelte, scharf mit dem Verfasser ins Gericht. Das Haus war dennoch Abend für Abend ausverkauft und die Skandalszenen wiederholten sich jedesmal in unverminderter Stärke. Der Direktor des Stadttheaters konnte sich jedoch wegen der guten Einnahmen trotz den Vorstellungen Oppenheims nicht entschließen, das Stück abzusetzen. Da verfiel der Autor auf ein höchst drastisches Mittel. Er ließ ein Plakat an den Straßenecken (Litfassäulen) Berlins anschlagen, auf dem das Unerhörte zu lesen war: „An das Berliner Publikum! Nachdem ich mich in der Vorstellung überzeugt habe, daß das von mir verfaßte Charakterbild „Ferdinand Lassalle" ein schlechtes Stück und Machwerk ist, so warne ich das Publikum, vor dem Besuch dieser Vorstellung." Das half. Nun gingen die Berliner nicht mehr hin. Damit endete einer der merkwürdigsten Theaterskandale in Berlin, das sonst an solchen Dingen nicht arm ist. Man hat damals behauptet, daß Oppenheims Freund, der Theaterschriftsteller und Politiker jean Baptista Schweitzer, der Nachfolger Lassalles im Präsidium des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, an dem Stück „Lassalle" mitgearbeitet habe. Bei anderen dramatischen Arbeiten Oppenheims trifft es wohl zu, hier aber zufällig nicht. Eine andere des Humors nicht entbehrende Episode im Leben Oppenheims spielt in München. Minister v. Podewils sollte den 1907 in München tagenden Friedenskongreß begrüßen. Oppenheim ging zu ihm und bat ihn um die Überlassung des Manuskripts der Rede, die der Minister am nächsten Tage halten wollte. Die Bitte wurde von Podewils, der Oppenheim kannte, gewährt. Oppenheim sollte sich das Verlangte vom Legationsrat v.Bö.hm, dem jetzigen bayerischen Gesandten in Bern, holen. Der aber verweigerte die Ausfolgung. Oppenheim ging wieder zum Minister hinauf, um ihm mitzuteilen, daß Herr Legationsrat v. B. das Manuskript der Rede nicht herausgeben wolle. Als er bei dem Minister eintrat, war gerade ein bekannter getaufter Justizrat anwesend. Podewils, welcher stets Mangel an Zeit hatte, entschuldigte sich bei dem Justizrat, daß er nur rasch mit Oppenheim die kleine Sache erledigen wolle. Als Oppenheim dem Minister mitgeteilt hatte, daß v. Böhm die Ausfolgung der Rede ablehne, ließ er diesen zu sich bitten und fragte ihn um den Grund seiner Weigerung. Legationsrat v. Böhm äußerte darauf seine Bedenken. „Ja warum, Herr Oppenheim", fragte nun Podewils, „wollen Sie die Rede schon heute haben?", worauf Oppenheim erwiderte: „Exzellenz, ich bin Jude und morgen ist der Versöhnungstag (Jörn Kippur), der höchste Feiertag der Juden, da bin ich im Tempel zu beten. An diesem Tage arbeite ich nicht". „Das ist brav von Ihnen", und indem Podewils Oppenheim die Hand reichte, fuhr er fort: „Ich liebe die guten, frommen, echten Juden, vor diesen habe ich die größte Hochachtung. Sie sind mir lieber" — Podewils hatte natürlich keine Ahnung, daß der Justizrat, der neben ihm stand, getauft war — „als Menschen, die ihren Glauben wie Hut und Handschuhe wechseln", was sich der Zuhörer mit einem betroffenen, langen Gesicht anhören mußte. Oppenheim empfing natürlich eine Abschrift der Rede des Ministers v. Podewils, die am nächsten Tage, da er verhindert war, sein Vertreter hielt. Oppenheim ist seit langen Jahren im Ausschuß der Ortsgruppe München des. Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Das ist aber, wie die Beobachtung lehrte, für ihn nie ein Hindernis gewesen, seine abweichenden Ansichten zu äußern. Als die Resolution gegen die Zionisten vorbereitet wurde, erhob Oppenheim überall dagegen energisch Einspruch und nahm als einer der Münchener Delegierten zu der bekannten Generalversammlung des Zentralvereins sein Mandat nur unter der Bedingung an, daß er freie Hand habe. Oppenheim gehörte auch zu denen, die sich nicht genierten, gegen die Resolution zu stimmen. Oppenheim hat nie ein Hehl aus seinen Sympathien für den Zionismus gemacht. Als wir ihm zu seinem Geburtstag gratulierten, sagte er, wie er schon oft öffentlich erklärt hat: „Ich haltedie Zionisten für die Zukunft des Judentums. Wenn ich selbst nicht ganz auf ihre Seite trete, so geschieht es, weil es für mich, das habe ich immer betont, doch noch Gründe religiöser Natur gibt, die mich davon abhalten. Aber vielleicht bin ich über diese Punkte nicht genügend aufgeklärt".