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Das jüdische Echo · 1915-07-30 · 30 (30.7.1915) · p. Seite 238

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
30 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
Seite 238 (sequence 2)
Language
German
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2B8 Das Jüdische Echo Nr. 30 uns dem Untergang zugeführt. So dürfen wir heute uns ohne Scheu eingestehen, daß es der schutzzöllnerische konservative Geist gewesen ist, der die wirtschaftliche Macht Deutschlands geschaffen hat. Auch die deutschen Juden werden sich dieser Einsicht nicht verschließen können. Solche Gedankengänge sind die Leitmotive der neuen Richtung, die sich die „Jüdische Presse" als Organ gewählt hat. Das von Dr. Israel Hildesheimer einst begründete Blatt führt heute den Unter-Titel „Konservative Wochenschrift" und es bringt in Aufsätzen von Dr. Witkowsky, Trietsch, Dr. Oppenheimer, Dr. Gerson, Dr. Kahn, Dr. Klee u. a. konservative Ideengänge zum Ausdruck. Wir wünschen diesen Gedanken viele treue Anhänger, wir wünschen es im Interesse eines positiven, aufrechten stolzen Judentums, aber nicht zuletzt auch im Interesse unseres deutschen Vaterlandes. Weltkrieg und Judentum*) Von Jakob Reich in München. Durch den Weltkrieg ist die Judenfrage noch brennender geworden, als sie es schon zu Friedenszeiten war. Nie hat sich die allgemeine Presse so intensiv mit ihr befaßt als in den Kriegsmonaten. Das jüdische Volk leidet stärker als irgend eins unter dem Krieg. Das unmittelbare und mittelbare Kriegsgebiet im Osten ist der Wohnsitz des halben jüdischen Volkes. Die Ursache der besonders trostlosen jüdischen Lage ist die Wurzellosigkeit des jüdischen Volkes. Die Behandlung der aus G a 1 i z i e n flüchtenden Juden war weder in Österreich noch in Ungarn dem Leidensheldentume dieser für ihr Vaterland Hab und Gut opfernden Patrioten angemessen. Aus Ungarn wurden sie — meist auf Betreiben der dort eingesessenen jüdischen Bevölkerung — unter Vorwänden ausgewiesen, in Österreich tat die Institution der Barackenlager nur ungenügende Hilfsdienste. Die Wiener jüdische Gemeinde war sich der ihr obliegenden Aufgabe kaum bewußt und versagte fast vollkommen. Dazu kam noch die unmenschliche Behandlung der in Galizien Zurückbleibenden durch die russische Soldateska. Der fortwährende Spionageverdacht wurde noch durch schändliche Denunziationen der Ruthenen und Polen verstärkt. In Rußland werden die Juden im Kriegsgebiet durchwegs als, Feinde behandelt. Die Polen nehmen dort in der Judenverfolgung keinen geringen Anteil. Eines der empörendsten Dokumente russischen Judenhasses war die „Evakuierung" von 280 000 Juden aus Kurland und Litauen innerhalb 12 bis 24 Stunden. Auch das Vorschieben der jüdischen Soldaten bei einem aussichtslosen Sturm auf Przemysl ist noch, in aller Gedächtnis. In derrussischenHöllegehenjetztmehr Juden zugrunde als bei denspanischen Judenaustreibungen und es ist keine Aussicht auf Besserung. Man muß sich sogar hüten, in Deutschland und Österreich die russischen Judenverfolgungen scharf in der Öffentlichkeit zu brandmarken, weil zu befürchten ist, daß dies die jüdischen Leiden nur vermehren kann. Dies ist die Lage im Osten. Hinzuzufügen wäre noch etwa, daß die Entwicklung der Judenfrage in Deutschland bis jetzt völlig in Dunkel gehüllt ist. Der öffentliche Antisemitis- *) Nach einem Vortrag, gehalten am 22. VII. 15 in der Zionistischen Ortsgruppe München. mus wird'zurzeit unterdrückt. Bei den Deiitschenverfolgungen im Londoner Eastend sowohl als bei Ausbruch des Krieges in Antwerpen handelte es sich größtenteils um polnische Juden russischer und österreichischer Staatsangehörigkeit. Da® ist ein Witz, den sich die Weltgeschichte geleistet ha\Vas ist zu erwarten? Eine Besserung kann nur von den Zentralmächten kommen. Ein russischer Sieg wäre unser größtes Unglück. Aber auf jeden Fall drohen bei der Neuregelung große Gefahren und es wird aller Anstrengungen bedürfen, um die Existenz der Juden einigermaßen sicherzustellen, vor allem den Polen gegenüber. Unsere erste Aufgabe muß sein, dahin zu wirken, daß die polnischen Juden eine gewisse politische Macht darstellen. Es ist daher eine absolute bürgerliche Gleichstellung und entsprechende Wahlkreiseinteilung für das künftige Parlament und die Gemeinden anzustreben. Bis jetzt waren Juden so gut wie ganz aus den Verwaltungskörpern ausgeschlossen. Sodann ist für die Freizügigkeit der Juden Polens nach Deutschland und Österreich einzutreten. Ist sie nicht sofort völlig erreichbar, dann mit möglichst kurzer Karenz. Ferner sind Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland und Österreich zu schaffen. Große Industriezweige (Konfektion, Kürschnerei, Textil u. a.) können dieses intelligente und willige Arbeitermaterial sehr gut brauchen. (Siehe die Erstarkung der amerikanischen Konfektionsindustrie durch jüdische Arbeit.) Natürlich muß alles planmäßig vorbereitet werden, und die Einwanderung nicht regellos geschehen. Dies wird erreicht durch Gründung von Lehrwerkstätten, großzügige Arbeitsvermittlung usw. Bezüglich Galiziens steht zu hoffen, daß unter der Einwirkung Deutschlands sich künftig die Zustände bessern werden. Und dann werden sich hoffentlich die halbasiatischen Verhältnisse in Galizien ändern. Dies alles sind jedoch nur Palliativmittel. Es wird eine ungeheuere Auswanderung einsetzen. Die Gefahr der Beschränkung der Einwanderung nach Amerika besteht, wenn auch zunächst zu hoffen ist, daß die amerikanische Judenheit diese Beschränkungen (möglichst lange hintanzuhalten bestrebt sein wird. Außer Amerika kommt der Orient als Einwanderungsgebiet in Betracht. Die Verstärkung der deutsch-türkischen Freundschaft durch diesen Krieg läßt manches Gute für die jüdische Wanderung erwarten. Deutschland hat Interesse daran, die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Türkei, seiner zukünftigen Lieferantin für Baumwolle und Getreide, zu heben. Deutschland wird diese Entwicklung leiten und dabei wird es in den Juden ein besonders geeignetes Menschen- und Arbeitermaterial finden. Unsere vielen überschüssigen jüdischen Techniker, Arzte usw., werden die besten Vermittler bei dieser intensiven Annäherung zwischen Orient W3kzident abReben- Auch die Einwanderung nach Palästina wird dadurch größere Dimensionen annehmen. Die Türkei wird diese Einwanderung auf Anraten Deutschlands begünstigen. So wird eine geschlossene Siedlung in Palästina als nationalem Mittelpunkt des Judentums rascher ermöglicht werden. Diese Ziele können natürlich nur von einer gut organisierten, zielbewußten Bewegung verfolgt und hoffentlich erreicht werden. Uicse bewegung ist die zionistische, (m.)

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