Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-07-23 · 29 (23.7.1915) · p. Seite 234

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
29 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
Seite 234 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9116213--00422-9073249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

234 Das Jüdische Echo Nr. 29 heim; andere, daß sie seit gestern Abend den Tag über gefastet hätten, ohne Bissen, ohne Schluck Wassers, und Nahrung mitnehmen wollten, auch einige Hab, Gut — — da lachten die Kosaken höhnischer noch: „Sucht euch's nur, alles verbrannt, alles weg!" Und sie stießen die wehklagenden Juden mit den Kolben zu Scharen aus dem Tempel. Ungegessen, ungetrunken, in Sterbehemden, wie es ihnen angemessen war, stießen und trieben sie die Juden durch die Stadt, vorbei an ihren brennenden und ausgeplünderten Häusern. Und sie begegneten vielen Scharen, gleich ihnen, in Sterbehemden, aus den anderen Tempeln getrieben, an den Toren der Stadt. Gegen zehntausend Juden, Männer und Frauen und kleine Kinder, wurden an diesem Versöhnungstage aus der Stadt vertrieben. Des Klagens und Weinens war auf viele Meilen kein Ende. Unübersehbar wälzte sich stöhnend der Zug der Flüchtlinge in die Nacht herein. Zur Weichsel zu, hatte man ihnen befohlen, als man sie am Stadttor höhnend, verließ, zur Weichsel zu aufs linke Ufer, oder am besten in den Fluß hinein. Ein Rabbiner aus einem anderen Tempel hatte sich, die gerettete Torarolle im Arm, an die Spitze des Zuges gesetzt und leitete so.den neuen, den schlimmeren Auszug der Kinder Israel. Gespenstisch anzusehen, unsagbar grauenhaft war dieser Zug der Juden in Totenhemden; gleich als wandelten, auferstanden, wie sie begraben schienen, leibhaftig alle Leiden dieses Volkes aus Jahrtausenden. Gegen zehntausend lebendige Leiden wanderten so in die Nacht. Eine irrgewordene Stimme, jene, die im Tempel der Gehängten einen Wall auftürmen wollte gegen die Henker — eine irre Stimme allein wußte den zehntausend wandernden Leiden der Juden markerschütternden Klang zu geben. Sie schrie, von Zeit zu Zeit, über alles Wimmern und Stöhnen und Weinen hinweg, über viele Meilen hin in die finstere Nacht — nicht wie aus Menschenkehle, nicht wie zum Gebet: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig! . . . Höre Israel!" * * * Höre Israel und alles Volk! Aufgezeichnet habe ich diese Untaten, die in einer Novelle jetzt zu erfinden ich für verabscheuenswert hielte, nach den wahrheitsgetreuen Berichten nackter Tatsachen, wie sie der deutsche FeldVabbiner bei der Hindenburg-Armee, Dr. Arthur Levy, nach eigenen Untersuchungen in der Presse veröffentlicht hat; habe sie in dieser Form aufgezeichnet, auf daß wir alle nie der russischen Schmach vergessen. Zeitungs-Echo „Der Bayerische Kurier" und andere Blätter brachten kürzlich Nachrichten, daß im Lager L e c h f e 1 d ein Pariser Baron Rothschild gefangen gehalten sei, für den auf dem Wege durch die Schweiz allerlei schöne und gute Sachen einträfen und für den sich sogar die spanische Botschaft zur Schaffung von Erleichterungen verwandt habe. Diese selbst erklärte die Pressenotiz für ein Märchen, was schon deshalb nicht angezweifelt werden kann, weil sich nach uns zugegangenen authentischen Mitteilungen im Gefangenenlager Lechfeld überhaupt kein Baron Rothschild befindet oder befunden hat. Was wollte wohl die Ente bezwecken? Welt-Echo Fortschritte des Zionismus in den Vereinigten Staaten. „The Maccabean", das offizielle Blatt der amerikanischen Zionisten meldet daß im vergangenen Monat drei große jüdische Organisationen das Baseler Programm angenommen haben: Der Galizianische Verband in New-York mit 40 000 Mitgliedern, der unabhängige Orden Benth Scholom mit 40 000 Mitgliedern, der unabhängige Orden Berith Abraham mit 200 000 Mitgliedern. Damit erhält die zionistische Weltorganisation in Amerika einen 'Zuwachs von 280 000 Schekelzahlern, seine Fonds voraussichtlich eine große Stärkung, sein Einfluß eine weitere Steigerung. Eine russische Enquete über jüdische Soldaten. Die Hauptverwaltung des russischen Generalstabes hat an die Chefs der verschiedenen Heeresabteilungen den Befehl erlassen, in eingehender Weise Informationen über das Betragen der jüd. Soldaten zu sammeln. Die „Euquete" enthält nur solche Fragestellungen, daß deren Beantwortung ein tendenziöses antisemitisches Bild geben muß. So soll festgestelt werden, wie gern die Juden sich gefangen nehmen lassen, wie sie sich schlagen, welchen Einfluß sie auf ihre nichtjüdischen Kameraden ausüben u. s. w. Die Fragen sind jedoch so gefaßt, daß aus ihrer verdächtigenden Form die ungünstigen Antworten sich von selbst ergeben. Um die Tendenz der Rundfrage noch mehr zu verschleiern, heißt es am Schluß dieses Zirkularbefehls: „Da die Opposition in späterer Zeit sicherlich bemüht sein wird, dieses Material durch Hinweise auf seine Einseitigkeit und seine Parteilichkeit zu entwerten, sollen auch einige Fälle eines würdigen Betragens jüdischer Soldaten registriert werden". 600 000 russische Juden obdachlos. Infolge der von den Militärbehörden angeordneten neuen Massenvertreibungn hat die Zahl der obdachlos gewordenen Juden in Rußland nach einer vorsichtigen Berechnung des Petrograder jüdischen Zentralhilfskomitees bereits die ungeheuerliche Ziffer von 600 000 überschritten. Das erwähnte Komitee mußte den Beschluß fassen, eine allgemeine Selbstbesteuerung der russischen Juden zugunsten der Unglücklichen durchzuführen und zwar derart, daß jedermann 5 Prozent seiner täglichen Einnahmen an die Hilfskasse abführt, abgesehen von besonderen höheren Spenden der vermögenden Schichten. Der bekehrte Purischkewitsch. Der frühere Antisemitenhäuptling in Rußland, Purischkewitsch, hat seit Kriegsbeginn seinem Judenhaß Einhalt getan. Anläßlich der Amtsantretimg des neuen russischen Ministers des Innern äußerte Purischkewitsch den Wunsch, daß der neue Minister sich in der nationalen Frage vorsichtig verhalten solle. „Alle Völker Rußlands", sagte Purischkewitsch, „kämpfen als Patrioten auf den Schlachtfeldern, und deshalb darf kein Unterschied zwischen Hellenen (d. l. Griechisch-Orthodoxen) und Juden gemacht werden." Jüdischer Arbeiterkongreß in Amerika. Das Nationale Arbeiterkormtee hat beschlossen, einen Kongreß der jüdischen Arbeiterorganisationen der Vereinigten Staaten einzuberufen. Diese Verbände umfassen mehr als 300 000 organisierte jüdische Arbeiter. Der Zweck des bevorstehenden Kongresses ist der Kampf der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas um die bürgerliche, politische und nationale Gleichberechtigung der Juden in allen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.