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Das jüdische Echo · 1915-07-23 · 29 (23.7.1915) · p. Seite 233

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
29 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 233 stellten Gesichtern schnell die Köpfe, instinktiv, ohne zu wissen wohin. Da legte sich die Stimme des alten Rabbiners Zaddik wie eine beruhigende Hand auf ihre Stirnen. Er sagte, sie sollten getrost sein und weiterbeten und ihren Gott nicht im Stich lassen in dieser heiligen Stunde, so werde er auch sie nicht im Stich lassen. Auch werde ihnen nichts geschehen. Denn höchstens sei er selber es, den die Kosaken suchten, nicht die anderen, er aber sei in Gottes Hand wie alle. Und während der erste Satz noch von den Fragen und Rufen zerrissen war, hörte man die übrigen in Stille an. Denn die Worte kamen ihnen von einem Manne, den sie wie einen Heiligen verehrten, da er voll der Weisheit des Talmuds war und unter ihnen wirkte wie einer der biblischen Richter in Israel. Schon hatte Reb Chajim, auf den Wink des Rabbis hin, sich geräuspert, seine Stimme in melodische Fassung gebracht und den betenden Gesang einen Ton tiefer aufgenommen da, wo er unterbrochen war — schon fielen unsicher noch, verstört und abgelenkt, die Antworten der Gemeinde ein — da donnerten Kolbenstöße gegen das Tor. Das war ein Donnerschlag des Jüngsten Gerichts. Keine Gnade war! Keine Gnade! — Lippen erstarrten im Wort. Augen traten weit heraus. Kein Wort aber ward gehört. Nicht einmal die Köpfe wandten die Männer, denn schon in der Wendung konnten sie fallen. Aber in der aufgerissenen Tür klirrten schon Bajonette, reihten Kosaken sich Mann an Mann zur Kette. Und einer schritt mit anderen vor, in den breiten Mittelgang, zum Altar hin. Im Schreiten rief er, der Hauptmann, ob das da oben der verfluchte Verräter, der Rab — „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Eine in Todesangst irre Stimme würgte so dem Hauptmann das Wort ab, bevor er es zu Ende sprechen konnte; aus dem Hintergrund kam sie und erfüllte den Raum ganz mit solch einer wehen, nie gehörten Klage, daß alle jetzt erst aus ihrer Starrheit tief erzitterten, und alle insgesamt riefen der irr klagenden Stimme das Schlußwort nach: „Der Ewige ist einzig!" Und es war, um eine letzte Mauer aufzurichten gegen das Fürchterliche. Wütend aber gebot der Hauptmann Stille. Und die irre Todesklage erstickte und verzitterte nur noch auf krampfhaft sich bewegenden Lippen. Der Rabbiner sagte: Herr, sie beten, ob er vielleicht nicht wisse, daß heute der höchste Fest-, tag der Juden sei. — Der Offizier entgegnete: das sei ihm geich, für Verräter gewähre er keinen Festtag. Er, der Rabbiner Zaddik, sei angeklagt, die österreichischen Truppen begünstigt zu haben. Er sei ihnen vor vierzehn Tagen, vor ihrem Einzug, entgegen gegangen und habe ihnen allerhand Aufklärungen gegeben. Das genüge. — Der Rabbiner erwiderte mit rührender Fassung: er sei wohl den verbündeten österreichischen und deutschen Truppen entgegengegangen, aber zusammen mit dem polnischen Probst und angesehenen Bürgern der Stadt, es sei geschehen, wie er wohl wisse und erfahren könne, allein, um die Truppen um schonende Behandlung der Einwohner zu bitten. — „Lüge", tat der Offizier die Worte ab, die Begünstigung sei erwiesen und verurteilt, auch sei ein geheimes Telephon dort oben im Altarschrank, mit dem Posaunenruf eben, deutlich hätten sie es gehört, wollte man dem Feind ein Zeichen geben. „Packt ihn! Der Rabbiner wird gehängt, und elf andere dazu, von den Angesehenen, dort aus den vordersten Reirien, damit das Dutzend voll ist. Und ihr anderen werdet fortgejagt, ihr Hunde, hier ist der Ausweisungsbefehl vom Gouverneur." Ein Wehgeschrei von solcher Wildheit erhob sich, daß man nicht glauben konnte, er könne aus menschlichen Kehlen kommen. Die Kosaken waren schon beim Befehl „Packt ihn!" mit plumpen Stiefeln auf den Altar gesprungen, rissen nun den Rabbiner zusammen, andere den Vorbeter, andere griffen blind, wahllos, nach links, nach rechts — mit einem jähen Ruck hatten sich die Männer in den vordersten Reihen zur Seite geworfen, übereinander hjin. „Erbarmen, Erbarmen — nicht mich — ich bin unschuldig — weih, mein Mann — Vater — Jakob —" wirr schrieen so Männer und Frauen durcheinander. Der Hauptmann zählte: „Eins, zwei, drei, vier, fünf — — Die Stricke her!" — da gellte eine wahnwitzige Frauenstimme (elf zählte der Hauptmann gerade) von oben dazwischen: „Ich hol' schon die Stricke! Ich hol' schon die Stricke!" — Man sah einen Augenblick weit aufgerissene irre Augen, einen über die Brüstung schwingenden Körper mit flehentlich aufgerichteten Armen — dann ein dumpfer Fall mitten unter die Männer auf den Steinboden. Frau Riwkele Kalischer röchelte vor ihnen: „Ich hol' schon die Stricke!" „Dann also bloß die elf," sagte der Hauptmann kurz, „aber schnell, schnell." — Und die Kosaken richteten an den acht Säulen des Altars mit geübten Händen den Galgen. Während die Frauen zum Herzbrechen weinten und unaufhörlich „Erbarmen" schrieen, verhüllten die Männer, in die Ecken zusammengeweht, weiß in ihrem Sterbegewand, das Haupt ganz mit dem Gebettuch, um nicht das Fürchterliche zu sehen. Und alles Volk rief siebenmal, nun wirklich, wie es ihr Brauch war, zur großen Sterbestunde, aus einem Munde das Wbrt der Gewalt, das gewaltige Wort: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" All ihre Rettung war es, all ihr Trost, all ihre Pflicht. Ünd der Schrei der Gemarterten, der erstickte Schrei der Gehängten klang mit in ihr Wort und war auch kein anderes als dieses letzte frommer Juden: „Höre Israel . . ." Eine Totenklage (das große Sterbegebet), so fürchterlich und so im Blute weihevoll hub darauf an, daß Herzen nicht menschlich mehr und sonder Inbrunst und Mitleidens sein mußten, um nicht erfaßt zu werden von dieser betenden Gewalt. Aber die Mörder stampften auf dem Altar herum und sie brachen den heiligen Schrein auf, warfen die geweihten Torarollen lachend hinaus auf die Erde, suchten und klopften in dem Schrein herum, ohne etwas zu finden, und raubten statt dessen das Gold- und Silbergerät. Immer noch beteten die Juden verzweifelt das große Sterbegebet für die elf Gehängten. Da gebot der Hauptmann aufs neue Stille: sie sollten jetzt dem Befehl folgen und die Stadt verlassen, die sie dem Feind verraten hätten. Auf der Stelle, so wie sie seien (Kosaken wieherten vor Lachen) sollten sie ausziehen, Männer und Frauen und Kinder, keiner solle wagen, zu fliehen oder sich zu verstecken. Bitten rangen auf, Fragen: ob sie nicht erst nach Hause dürften. Frauen riefen herunter, sie hätten Unmündige in der Wiege und Kranke da-

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