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Das jüdische Echo · 1915-07-23 · 29 (23.7.1915) · p. Seite 232

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
29 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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232 Das Jüdische Echo Nr. 29 gewehre, die Knuten zischen durch die Luft, mit Lanzenstichen und Kolbenstössen werden sie in die feuerspeienden Kanonenschlünde und Gewehrläufe der Österreicher hineingetrieben. Die Österreicher hören das Jammergeschrei und das herzzerreißende Stöhnen der Opfer, aber sie können nicht helfen, sie müssen unaufhörlich feuern, denn hinter der Schar der Unglücklichen schleicht sich der Feind heran; stellen sie das Feuer ein, so werden sie von den Russen überrumpelt, die Schlacht ist verloren. Und siebentausend bis achttausend Menschen, wehnlose, unschuldige Greise, Frauen und Kinder müssen, ohne zu kämpfen, ohne sich wehren zu können, auf dem Schlachtfelde verbluten. , Ihr Juden von Amerika! Merkt Euch Nadwörna und was dort geschah! Denkt immer daran und vergeßt es nie! Sprecht davon zu Euren Nachbarn, Bekannten und Freunden, zu Juden, Christen, Mohammedanern und Heiden, zu allen Rassen und Völkern, die Amerika bewohnen. Und wer von Euch einen Brief schreibt, nach einem nahen oder nach einem fernen Lande, nach Afrika, Australien oder Asien, der vergesse nicht, Nadwörna und was dort geschah, zu erwähnen. Das soll sich dem Gedächtnis der Menschen in der ganzen Welt einprägen auf ewig. Bedenkt: Wenn Ihr dort wäret, Ihr müßtet ebenfalls sterben. Mit Euren Greisen und Kindern, schwangeren Frauen und Kranken, an einem kalten Winterabend, auf freiem Felde zwischen zwei Feuer genommen, ohne Euch wehren zu können! Siebentausendfünfhundert Menschen zu einem formlosen Brei zusammengeschossen, das Brüllen der Kanonen, das Knattern der Gewehre wären das einzige Totengebet bei Eurem Sterben. Und nicht einmal ein ehrliches Grab würdet Ihr finden, sondern unter dem Schnee verscharrt werden, und später würden ausgehungerte Hände Eure bleichenden Knochen hinwegschleppen. Auch jene dort vor Nadwörna haben ja nichts verbrochen, als daß sie Juden waren. Und darum mußten sie sterben, siebentausendfünfhundert an der Zahl! Ihr Juden Amerikas! Wie viele von Euch mögen unter den siebentausendfünfhundert oder achttausend Opfern von Nadwörna eine alte Mutter, eine junge Schwester oder gar eine Gattin und kleine Kinder haben, oder wenigstens einen Blutsverwandten oder einen lieben Freund! Wie viele von Euch mögen wohl auf der Flucht vor einem russischen Pogrom bei manchem von ihnen Obdach gefunden oder an einem traulichen Feiertagabend an seinem Tische gesessen haben! Und nun mußten sie alle von den Kartätschen zermalmt weiden, um den Soldaten des Zaren als Deckung zu dienen. Sorgt dafür, Ihr Juden Amerikas, daß Nadwörna in Rußland unter den dortigen Juden bekannt werde, unter den 350 000 jüdischen Soldaten, die sich in der russischen Armee für den Zaren schlagen, damit sie genau wissen, wofür sie sich schlagen, und unter den Juden, die sich für das englische Heer anwerben lassen, damit sie wissen, wer der Bundesgenosse Englands ist und was ihre Brüder auf dem ganzen Erdball erwartet, wenn er Sieger bleibt. Erfahren sollen es die Barone von Rothschild und von Günzburg, die im englischen und französischen Heere als Offiziere dienen, um den Zaren zum Siege zu verhelfen, damit der Name Nadwörna sich ihnen ins Herz und Hirn brenne und noch in der Todesstunde ins Ohr gelle und in ihr Totengebet und in ihre letzte Beichte hineinschalle Und wenn Rothschild in London Euch sagen laßt, er habe tausend Pfund goldene Sterling für die Juden in Polen geschenkt, so antwortet ihm: Nadwörna! Und wenn Mr. Zangwill und Professor Gottheil Euch von dem goldenen Zeitalter sprechen, welches über uns heranbrechen werde wenn erst der „teutonische Übermensch" durch die Kosaken vernichtet ist, so antwortet ihnen: Nadwörna! Und wenn die Belgier zu Euch kommen und um Euer Mitleid betteln und Euch vorjammern, daß die deutschen Hunnen ihre schönen Kirchen und alten Rathäuser zerschossen haben, so antwortet ihnen: Nadwörna! Und fragt sie, ob denn der schönste Kirchturm und das älteste Rathaus mehr sind als ein Haufen von Steinen im Vergleich mit einem einzigen lebenden Menschen, mit siebentausendfünfhundert bis achttausend lebenden Menschen, die nicht aus dem Hinterhalte geschossen, keine Waffen getragen, nichts verbrochen haben, als daß sie Juden waren und ihrem alten Kaiser die Treue bewahren wollten. Hütet Euch aber, dem russischen Volk als solchem Haß und Groll nachzutragen, oder gar an einem einzelnen Russen Rache zu nehmen, und sie die Schandtaten ihrer Regierung entgelten zu lassen! Das russische Volk ist der große Stumme, zum Schweigen verdammt; und in ihm schlummern viele edle Kräfte. Viele russische Männer und Frauen sind über Nadwörna gewiß nicht weniger entsetzt als wir Juden. Tolstoi und Solowiew und Korolenko und Krapotkin und Andrejew und Gorki und Tschirikow und viele, viele andere, deren Namen kein Mensch zu nennen weiß, sogar Dostojewski,, der Mann mit der kranken, haßerfüllten Seele, müssen sich mit Abscheu und Trauer von dem grauenerregenden Bild von Nadwörna abwenden. Das russische Volk hält ein böser Geist gefangen, welcher sich in dem armseligen Schwächling auf dem Zarenthrone und in dem Bluthund Nikolai Nikolajewitsch verkörpert, der hinausgezogen ist, um an Frankreichs und Englands Seite für Kultur und Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kämpfen. Feuilleton Pogrom in Polen Von Dr. Joachim F r i e d e n t h a 1 in München. (Schluß.) Aber der Schall der Posaune war noch nicht ausgeklungen, die Gnade des Ewigen, ihres Gottes, hatte noch nicht ganz die Stirnen der Beter berührt — da gellte, jäh ein Schrei dazwischen, ein Knabenschrei: „Die Kosaken! Die Kosaken! Sie haben n Tempel umzingelt!" Der grelle Knabenschrei fiel wie ein Richtschwert. Dem Vorbeter schnitt es die Stimme im süßesten Tone ab. Totenstille angehaltener Herzen war einen Augenblick. Dann stürzten Fragen bebender Angst durcheinander. Stimmen überschlugen sich. Arme krumpften sich durcheinander in wilder Erregung. Ein Körper fiel dumpf. Und auf den Schall hin,, da die Blicke ihm nachflogen wie ein Schwärm verängstigter Vögel vor dem Sturmstoß, sah man eine Frauenhand sich in die zurückgerissene Gardine des Balkons kra Jen. Jemand schrie, man solle sich verstecken. Und alle duckten, losgerissen aus jeder Andacht, die sie schön gemacht und erhöht hatte, mit ent-

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