Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 29 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 231 1^ * vergessend: „Soll das heißen, daß Herr Epstein ein getaufter Jude oder aus dem Judentum ausgetreten ist? Dann wären seine Äußerungen als Selbstrechtfertigungsversuche einigermaßen verständlich. Dann sollte er aber nicht als konservativer Jude oder Jude überhaupt, oder als Zionist schreiben. Mit dem „überzeugten Juden" der „Deutschvölkischen Blätter" ist es jedenfalls nichts, noch weniger wie nichts!" Mit der Attake gegen den Zionismus ebenso. Aber von einer Entschuldigung gegen die vollkommen grundlos angegriffene zionistische Organisation keine Spur! * * * % Daß mit einem derartigen Verhalten, wie es die wenigen angeführten Fälle zeigen, dem Frieden — noch dazu in der Zeit des viel mißbrauchten Burgfriedens — gedient ist, wird wohl niemand zu behaupten wagen. Und daß durch eine unglimpfliche Behandlung ihres Ideals die zionistische Jugend, wenn sie auf Hitzköpfe der anderen Seite stößt, davon abgehalten werden solle, hin und wieder über die Stränge zu schlagen, wird kein loyaler Mann verlangen können. Wie man in den Wald ruft, so hallt es zurück. Nicht darauf kommt es uns an, ein Sündenregister aufzustellen, vielmehr glauben wir, daß gewisse verstimmend wirkende Gewohnheiten in der Polemik besprochen werden mußten, soll wirklich in Zukunft eine mögliche Plattform zur Austragung von Meinungsverschiedenheiten geschaffen werden. Daß die Verirrungen so weit gedeihen konnten, um allen Ernstes nach jeder Seite zur Selbstbesinnung aufzurufen, liegt nicht nur an den paar Unentwegten, die die öffentliche Meinung machen und bestimmen, sondern auch an denen, die sich kritiklos führen oder verführen lassen. Denn wenn wir ein geflügeltes Wort variieren wollen, müssen wir das Urteil fällen: „Jedes Publikum hat die Presse, die es verdient." Anders kann es nur werden, wenn sich die im großen Ganzen maßvoll gesinnte Allgemeinheit ihrer großen Macht bewußt wird. Aber wie in Deutschland überhaupt der Mangel einer politisierten Gesellschaft empfunden wird, so haben auch wir mit der Gleichgültigkeit der jüdischen Mitbürger in eigenen Angelegenheiten zu kämpfen. Daß sie unter dem Eindruck der Erziehungsversuche zu staatsbürgerlicher Bildung und Betätigung zu Bewußtsein erwache und Gebrauch mache von den ihren Pflichten entsprechenden Rechten auf Gemeinde, Verein und Presse, das allein würde eine Besserung in den Formen des jüdischen Lebens verbürgen. N. W. m Unseren Lesern und Mitarbeitern zur gefl. Kenntnisnahme, daß wegen Einberufung unseres Redakteurs dessen Vertretung Herr Dr. Max Mayer übernimmt. Sämtliche für die Redaktion bestimmten Sendungen sind vom 1. August an zu richten: An die Redaktion des „Jüdischen Echo" z. H. des Herrn Dr. Max Mayer, München, Schwant halerstrafte 95. Nadwdrna *) Von Binjamin Segel in Lemberg. Im 16. und 17. Jahrhundert pflegten sich die Kosaken im Kampfe gegen' Polen eines von den Tartaren entlehnten Kriegsmittels zu bedienen: wenn sie eine Festung stürmten, trieben sie mit Lanzenstichen und Gewehrfeuer Gefangene vor, die Säcke voll Erde auf den Schultern trugen, und unter dem Kugelregen ihrer eigenen belagerten Landsleute und Waffenbrüder die Laufgräben um die Festung ausfüllen mußten, wobei sie unter der Last begraben wurden. Diese grausame, unmenschliche Sitte ist aus dem Kriege zwischen zivilisierten Völkern seither verschwunden. Die Japaner haben oftmals gegen die russische Feldarmee Viehherden vorgetrieben, die das heftigste Feuer auffingen und unter deren Deckung die Soldaten heranmarschieren konnten. Die Russen haben in Galizien aufs neue den Brauch eingeführt, Menschen, wehrlose Menschen, zu diesem Zweck zu gebrauchen. Diese Menschen waren allerdings nur Juden. Nicht etwa Gefangene, sondern Nichtkämpfer, Greise, Frauen und Kinder. Vor Nadwörna, im Südosten Galiziens, geschah aas Furchtbare. Die Russen brachten e i n t a u - s e n d f ü n f h u n d e r t jüdische Familien zusammen und trieben sie vor die österreichische Front, während sie selber hinterdrein vorrückten. Die menschliche Sprache hat keine Worte, um das Grausame dieser Untat auch nur annähernd zu kennzeichnen. Man male sich das Bild nur etwas deutlicher aus. Fünfzehnhundert Familien, also siebentausendfünfhundert bis achttausend Köpfe, lauter Greise, Frauen, Kranke und Kinder. Denn die Waffenfähigen standen alle im Felde oder waren vom Feinde längst in die Gefangenschaft verschleppt worden. Seit Monaten ertragen sie alle Schrecknisse des Krieges, leiden Hunger und Kälte, die Russen haben ihre Behausungen geplündert und verbrannt oder zerstört, ihre Habe vernichtet, sie haben sie beraubt, geschlagen und gemartert. Und nun haben sie sie zusammengetrieben, wie das Vieh, um sie zur Schlachtbank zu treiben. Vorwärts! Pascholl! Es knattern in ihrem Rücken die Revolver und Maschinen- *) Mit Erlaubnis des Verlags veröffentlichen wir aus Segels in der vorigen Nummer angezeigtem Buche „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes" eine kleine Probe. (Verl. G. Stilke, Berlin.) Wie unsern Lesern bekannt sein wird, ist der Fall von Nadwörna nicht der einzige geblieben. Wie der Name Kischinew zum Begriff der Pogrome geworden ist, so verbindet sich auch mit Nadwörna der Gedanke an die wiederholte Benützung jüdischer Zivilbevölkerung durch die Russen als Kugelfang.