Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 28 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 226 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Das Jüdische Echo Nr. 28 steinern, ihr Blick starr und tot und war nicht loszulösen von dem Balkon, auf dem zwei Männer vierundzwanzig Stunden hingen. Die (festliche Lichtfülle des Tempels gab ihm keinen Qlanz noch ein Leben. Der Tag neigte sich. Die langen Kerzen brannten herab. Die Luft war schwer und schwül von dem Atem der betenden Menschen. Es kam die Stunde, da die gesammelte Kraft der Andacht mit letzter Stärke den Himmel anstürmte, daß seine Tore sich öffneten und den Sündigen vergeben würden. Es war die große Stunde der Urteilsfällung. Und siehe, es war keiner unter den Männern, der nicht in festlicher Reinheit vor seinen Gott treten konnte. Es war, als ob all der Schmutz und die Niedrigkeit ihres Lebens von ihnen gefallen sei, als ob sie alle, bis zu dem kleinsten Schacherer und Schächer herab, Verwandelte seien. Die Getretenen waren von einem fremden und hohen Glanz umhüllt und standen aufgerichtet. Und mancher war nicht wiederzuerkennen, weil die Züge seines Gesichts in dieser Stunde ganz anders waren, als wie man sie in dumpfen Läden sah: freundlich verzerrt zu kriecherischer Demut oder erhitzt von der Erregung des Profits. Und es erschien mit wundersamer Deutlichkeit also, daß unter diesem in allen Wandlungen treuen und tiefen Volk noch in jedem Schacherer ein Priester und geweihter Märtyrer lebe. Aber keiner war zu erkennen, dessen Abstammung sichtbar auf die Makkabäer hinwies, die hochgemut auszogen und die Übermacht der Feinde schlugen. Und keiner atmete ihres Helden Simson heroischen Geist der Rache mehr; der an den Säulen des Philistertempels betete, daß ihm noch einmal die Kraft würde und er sich mit ihnen unter den Säulen begrabe. Betete keiner, daß er jener Russen, die ihrer spotteten und ihnen die Kraft der Augen und' der Bewegung nahmen, Herr würde und die Säulen ihrer Macht zerbreche und sie unter den Trümmern erschlage, auch wenn er mit ihnen fiele?. Jeder betete um sein Leben und um das Verderben der Bedrücker. Und es war Fanatismus in ihrem Gebet. Nun aber war es, daß die Posaune des Gerichts rief, wie in der Stunde der Auferstehung, und alles Volk stehend mit dem Wort des Bekenntnisses siebenmal antwortete, wie in der Stunde des Sterbens. Siebenmal rief alles Volk das gewaltige Wort, in dem Jahrtausende erzittern, in dem uralter Kampf und Not und Völkerschicksal erschütternd ringen, das ihnen aus Triumph und Sieg zur Schmach und Verdammnis unter den anderen Völkern wurde und das immer wieder aufsteht und sich selber verkündet — siebenmal, steigernd die Kraft des Tones, rief alles Volk wie aus einem Munde: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Und die Schofar-Posaune ertönte schallend und durchdringend mit unheimlichem, sagenhaftem Klang, wie am Tage des jüngsten Gerichts. Es erschien allen, daß Gottes Stimme, die in dem gleichen Posaunenklang Jerichos Mauern umgestürzt hatte, selber ertönt war im Mund der Posaune; Verzeihung den Sündern. Erlösung und Gnade machtvoll zu künden. Und alles Volk zitterte wie in der Stunde des großen Sterbens. (Schluß folgt.) Die Leser werden gebeten, die inserierende» Firmen bei Einkäufen in erster Linie zu berücksichtigen und dabei auf das „Jüdische Echo" Bezug zu nehmen. Zeitungs-Echo In einem der letzten Hefte der von Prof. Hans Delbrück herausgegebenen „Preußischen Jahrbücher" nannte E. D a n i e 1 s bei der Besprechung von Friedemanns Herzlbiographie und Paquets Palästinabuch den Zionismus eine am politischen Himmel auftauchende Sternschnuppe. Prof. Delbrück u. Dr. Daniels, der Redakteur der „Preußischen Jahrbücher", öffneten darauf im Juliheft Kurt Blumenfeld ihre Spalten zu einer gründlichen Darlegung von Wesen, Leistungen und Bedeutung der zionistischen Bewegung, was nichts anderes heißt, als daß sich wohl die beiden Leiter der einflußreichen Zeitschrift unterdessen eines Besseren haben belehren lassen. Blumenfeld legt dar, daß das Urteil Daniels nur durch eine einseitige Betrachtung der diplomatischen Handlungen Herzls entstehen konnte unter Außerachtlassung der anderen mitspielenden geschichtlichen und politischen Kräfte, die den Zionismus erzeugten. Die Abhandlung Blumenfelds ist instruktiv und wegen der von Nebensächlichkeiten freien strengen Formulierung und von taktischen Rücksichten unberührten Orientierung der Leser gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt von großem Werte. In Nummer 18 des „Zeit-Echo" (Graphik-Verlag, München) findet sich ein von klarem historischen Blick zeugender Artikel von Felix Stössing e r „Deutschland und Europa". Besonderem Interesse dürfte bei unseren Lesern folgender Absatz begegnen: „Wie zwischen den Juden und der ganzen Welt geht auch zwischen den Deutschen und der Ranzen Welt ein unüberwindlicher Riß, und dieser Riß ist so tief und notwendig, daß, so wie die elendsten und schwächsten Juden aus Verzweiflung Antisemiten sind, die schwächsten und elendsten Deutschen aus Ratlosigkeit eine meist nur halb verhohlene deutschfeindliche Gesinnung haben, also alle Edelanarchisten, das geistige Proletariat und die Literatur-Analphabeten, deren Lyrik und Prosa von der Niederlage Deutschlands abhängig ist. So wie es aber eine Aufgabe des Judentums ist, sich allen Zeiten zur Wut zu behaupten, kann auch Deutschland nur den Gottesplan erfüllen, wenn es keine Konzessionen an den Gegensatz macht und schließlich den Gegensatz zur Anerkennung zwingt. Unabhängig davon ist die Tatsache, daß das jüdische und das deutsche Wesen am meisten national ist, wenn es international wirkt. Damit aber Münzen internationalen Wert haben, muß die Nationalprägung gut sein." Welt-Echo Allrussischer Antisemitismus. Die „liberale" Kadettenpartei soll sich geweigert haben, eine von Schriftstellern verfaßte Erklärung gegen die Mißhandlung der Juden zu unterzeichnen. Fürst Trubetzkoi hätte unterschrieben, wenn ein Passus, der sich gegen die Ausweisung der Juden aus den Grenzgebieten aussprach, fallen gelassen worden wäre. Der jüdische -Abgeordnete W i n a - wer habe gedroht, die Juden würden fernerhin keine Kadetten mehr unterstützen. Englischer Antisemitismus. Die „Times" schlägt in letzter Zeit häufig einen judenfeindlichen Ton an. Sie hält für nötig, wenn sie gegen Ballin schreibt, stets zu betonen, daß „Ballin der bedeutendste jüdische Geschäftsführer Deutschlands" ist Außerdem wurde in der „Times" darauf