Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 28 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 225 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Das Jüdische Echo 225 fernerhin für die Steigerung: der Eigenproduktion und die Schaffung von Arbeitsgelegenheit in Palästina vorzusorgen. Feuilleton Pogrom in Polen*) Von Dr. Joachim Fr. iedenthal in München. Ganz hoch schwang die Stimme des Vorbeters. Als wollte sie mit singender Inbrunst den Himmel selber erreichen, daß ein Tor sich auftäte und die Gnade winke, daß ein Ohr mild würde und die Qual mitten ins Herz Jehovahs herüberschalle und es erzittern mache. So schwang nie Reb Chajims Stimme mit der uralten Melodie auf, selbst nicht an einem Versöhnungstage. Und die Stimmen der Männer fielen ein. Und stürzten sich mit anklammernder Gewalt in die Höhe und in die Tiefe, wie ihre schmerzvolle Verzweiflung zu Höhen sich türmte und unmeßbare Tiefen aufriß. Kein kunstvoller Triller, kein schmeichelndes Flehen, wie des Vorbeters Stimme noch in Schmerz und Inbrunst sie fand — ein Schrei, ein mit allen Worten gesungener Schrei zerpeinigter Seelen kam ihm aus der Gemeinde zurück. Die Männer standen in weißen Sterbegewändern, wie es sich ziemte. Das silberbetreßte Gebettuch hatten sie über den Kopf geschlungen, ihn zu verhüllen in der marternden Stunde, in der dort oben das große Gericht entschied, ob sie eingeschrieben würden mit ihren guten Taten in das Buch des Lebens oder ausgelöscht in die Finsternis; in der aber unten, zur selben Stunde, mordgierige Kosaken vielleicht schon standen und fragten nach dem großen Gericht und dem Buch des Lebens. Und die Männer warfen betend die Arme in die Höh', ihren Gott anstürmend, mit ihm ringend um seine Gnade und seine allgegenwärtige Hilfe, ihn nicht lassend auf seinem ruhevollen Thron, denn er habe sie befreit und erlöst. Jahrtausende beteten mit. Jahrtausende, die auf dem Rücken dieser polnischen Juden lasteten und sie gekrümmt hatten, Jahrtausende der Not, Schmach und Verfolgung, des ahasverischen Fluches ewiger Umgetriebenheit — die Jahrtausende schienen sich an diesem geheiligten Tage aufzurichten mit den gekrümmten Rücken und sich emporzurecken mit den Gott anstürmenden Armen der Beter und wiederzuhallen in den gesungenen Worten, die von ihnen selber kündeten .... Von solch inbrünstiger Gewalt war das Gebet der russischen Juden an diesem Versöhnungstage des Welthasses und des Krieges. Die Frauen aber, nach altem Brauche abgesondert sitzend auf dem zum Altar hufeisenförmig gebogenen Balkone, getrennt noch durch einen durchsichtigen Schleier — die Frauen aber weinten still in sich hinein. Manchmal drängte ein Schluchzen laut hervor und schnitt erschütternd in die leisere Melodie des Weinens ein. Und sie weinten lange und ohne aufzuhören, wie es die Frauen an Gräbern pflegen. Jede hatte irgend ein Grab in sich, jede trug den Friedhof mit sich herum, den großen Friedhof der Seelen mit all dem im Aufblühen schon erstickten Leben. Abglanz von der schweren Melancholie dieses Fried- *) Herr Dr. Friedenthal überließ uns diese zuerst in der „Jugend" erschienene, dann in sein Buch „Schicksal Krieg" (Verlag Georg Müller) aufgenommene Novelle in liebenswürdiger Weise zum Abdruck. D. Red. hofs der Seelen war die dunkle hoffnungsvolle Weite ihrer Augen. Auch die jungen Frauen und Mädchen, die an solchem Tage des Fastens und Betens mit den Blicken nach Abwechslung griffen, nach dem Blick eines Mannes, abwägend nach dem Schmuck einer Frau — auch der Mädchen Blicke glichen heute Tränenschleiern über dem Friedhof. Und sie summten alle die alten hebräischen Melodien und Liturgien mit. Vielleicht, daß der Sinn der vermoderten Worte nicht ihr Sinn war, vielleicht, daß ihn manche gar nicht verstanden und nur die Melodie sie ihnen vertraut und heilig machte — es war doch, daß auch die vermoderten Worte Leben wurden, weil sich ihre Herzen mit aller Kraft in sie hineinhängten, sie zärtlich und inbrünstig wiegten und sie ganz erfüllten mit dem fiebernden Odem ihrer Angst, ihrer Qual, ihrer Verzweiflung. Irrte aber wirklich ein Blick aus der tiefen Andacht ab, dann traf er nach kurzer Wfcile unfehlbar das versteinerte Gesicht der Frau Riwkele Kalischer. Der, die aus Klodowa zu ihrer Mutter geflohen war. Und dann zuckte dieser Blick jäh zusammen, senkte sich tiefer, hing noch flehentlicher an die Worte, die Gott um Hilfe baten. Frau Riwkele Kalischer aber betete die Worte nicht mit, obgleich sich ihre Lippen unaufhörlich bewegten. Sie formten lautlos andere Worte, die hießen: „Gehängt, weil sie ein Drei-Rubel-Stück nicht wechseln wollten." Und ihr Blick war starr und tot. Er drang unempfindlich durch die festliche Lichterfülle des Tempels und konnte sich nicht vor dem Bilde schließen, das in ihrer Seele eingegraben war. Seit jenem Freitag Abend vor drei Wochen. Zwei Männer hingen erschreckend und gespenstisch an dem Balkone ihres eigenen Hauses. Und vierundzwanzig Stunden hatten sie und alle Juden der Nachbarschaft, denen geboten war, während dieser Frist die Fenster aufzuhalten, Zeit gehabt, sich zum letzten Mal die verzerrten Züge der beiden Männer einzuprägen. Und sie hatten Zeit, den Zettel zu lesen, der auf ihren Kleidern von den Kosaken angeheftet war: „Gehängt, weil sie ein Drei-Rubel-Stück nicht wechseln wollten." Nicht wollten — hatte sie nicht friedlich den Abendtisch bereitet, mit frommem Gebete die Lichter angezündet, das Sabbatbrot mit der goldgestickten Decke umhüllt, während drüben, vom Tempel her, gedämpft die liebe Weise herüberklang: „Sei gegrüßt, Sabbat, du schöne Braut..." Dann waren die Männer aus dem Tempel gekommen, hatten eine Weile im Nachhausegehen miteinander gesprochen und sich getrennt. Ihr Mann und ihr Schwager waren gerade, sie hörte sie schon, unten an der Tür. Da ritt ein Trupp Kosaken um die Ecke. Ein Fragen und Fluchen — ihr Herz erzitterte — Stoßen und Peitschen — sie wankte in den Knieen — die Tür flog von einem Tritt auf. Eine fürchterliche Stimme schrie nach einem Strick. Sie begriff noch kaum: sie sollte einen Strick —? Für — Aber schon schleuderte sie ein Fußtritt vorwärts. Auf den Knieen, wie sie hingestürzt war, rutschte sie anflehend zu dem furchtbaren Kerl hin. Er schlug ihr mit der Knute ins Gesicht, ihr Blut taumelte davon. Strick, Strick hörte sie, suchte wirr, fand einen. Und dann hingen sie dort an dem Balkone. Die Sabbatlichter brannten noch und das Festbrot harrte ihres Segens — aber die Frau erkannte mit grausamer Deutlichkeit die verzerrten Züge ihres Mannes und ihres Schwagers. Und sie las die Worte erst laut und dann ohne Ton, ohne Kraft zur Klage: „Gehängt . . ." Und ihr Gesicht wurde