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Das jüdische Echo · 1915-07-09 · 27 (9.7.1915) · p. Seite 219

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
27 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
Seite 219 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 219 Joseph Budko heißt der junge Künstler, der dieses schlichte, schöne Gedenkblatt radiert hat, das der Neue Verlag, Berlin, herausgibt. Die kleine Arbeit hat großen künstlerischen Reiz, Rhythmus, einfache Kontrastwirkimg, zeichnerische Reinheit zeugen für die Künstlerschaft des Autors. Man soll als genießender Betrachter künstlerische Dinge nicht zergliedern, man kann ja doch nur davon erzählen, welche Seele in ihnen lebt und was sie uns zu sagen haben . . . Dies Gedenkblatt hat eine innige ernsthafte Seele und erzählt uns: „Ich bin eine Landstraße und auf dem Hügel, der sich an mich lehnt, sind viele aufrechte Grabsteine errichtet. Du siehst an den Steinen, daß es jüdische Gräber sind, lange Reihen jüdischer Soldaten, die auf den großen Heerstraßen, die zu mir führen, gefallen sind. Zwei mächtige Cypressen, wie sie Totenwächter in der ganzen Welt sind, hüten den Schlummer meiner jüdischen Helden. In meiner Ferne aber grüßen die Palmen der Urheimat, und sie stehen im Lichte der .Morgenlandshelligkeit." Mehr sagt das Blatt in seiner Bescheidenheit nicht, und das ist das Schönste an ihm. Kein Kriegsemblem stempelt es zur künstlerischen Untat. Auch gedankliche Probleme will es nicht lösen. Weder Baum noch Spruch strebt darnach, darzustellen, wie unlöslich in diesen Helden Judentum und Deutschtum zur Einheit wurde. Der Tod fürs Vaterland, die angeborene Liebe zur Heimatscholle wird nicht betont; diese Noblesse wirkt so wohltuend. Nur eines wird betont: hier ruhen jüdische Soldaten, die von Herzen Juden waren! In ihnen lebte, neben der naturgewollten irdischen Liebe noch eine himmlische Liebe; die Liebe zum Judentum. Worin sich diese Liebe auf Erden bezeugte, ob in tiefem religiösen Glauben, ob in tiefem völkischen Glauben, das gilt hier gleich. Den Namen solcher Juden soll man auf dies schöne Soldatengedenkblatt schreiben. Wbr, wie ich, um zwei jüdische Offiziere trauert, die beide, der eine in Frankreich, der andere in Rußland ihren Kompagnien vorausstürmend gefallen sind, der wird das Blatt lieben. Denn jene beiden, an die ihre Freunde unaufhörlich denken müssen, waren der irdischen und himmlischen Liebe gleich teilhaftig. Tapfere Soldaten, wie sie tapfere Zionisten waren. In ihre Träume nicken die Palmen Palästinas, unter deren stolzen Wipfeln ich mit dem Einen der beiden noch vor einem Jahre saß und Zukunftsträume spann . . . Johanna Simon-Friedberg. Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße 4/i. Telephon 23 804. Welt-Echo Die russische Judenfrage. Die fortschrittliche russische Presse hat in den letzten Tagen wieder die Frage der Gleichberechtigung der Juden in Rußland und Finland aufgeworfen. Als Antwort auf diese Artikel bringt die „Nowoje Wremja" die Erklärung einer hochgestellten Persönlichkeit, daß die gegenwärtige Zeit nicht geeignet sei für die Entscheidung über Fragen, welche in den hohen Sphären eine Meinungsverschiedenheit hervorrufen könnten. Die russische Zensur hat angesichts solcher Erörterungen unliebsamer Fragen den russischen Zeitungen verboten, irgendwelche Nachrichten über jüdische Ausweisungen zu bringen. Jüdische Delegierte im griechischen Parlament. Bei den letzten Parlamentswahlen sind vier Juden als Delegierte gewählt worden. Französischer Antisemitismus. Die französische Regierung hat die in Nizza erscheinende Zeitschrift „Eclair" aufgehoben, weil sie eine Reihe antisemitischer Artikel brachte. Leonid Andrejew für die russischen Juden. Der bekannte russische Schriftsteller Andrejew veröffentlichte in „Utrorossiji" einen Artikel über die Judenfrage, in welchem er unter anderem folgendes sagt: „Ich will nicht beweisen, daß die Ungerechtigkeiten, die den Juden angetan werden, unmenschlich sind, daß man die Juden allen anderen Bewohnern Rußlands gleichstellen muß, das hieße offene Türen einrennen ... Wann auf meinen Schultern der „Höcker", den man Judenfrage nennt, gewachsen ist, weiß ich nicht. Ich glaube, ich bin mit ihm geboren. Von der Zeit an, da ich zu Verstand kam, da ich begonnen habe, etwas zu verstehen, lebe ich unter der drückenden Atmosphäre dieses „Höckers"... Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß die jüdischen Leiden niemand nützen und daß die Begrenzungen nur Schlechtes bringen, sowohl den Begrenzten wie den Begrenzern . . . Ich erinnere mich, daß ich einmal eine ganze Nacht mit einem talentvollen jüdischen Schriftsteller darüber diskutiert habe, daß er als Wortkünstler russisch schreiben muß und darf. Er antwortete mir, trotzdem er die russische Sprache mit seiner ganzen Künstlerseele liebe, sich keinesfalls erlauben würde, in einer anderen Sprache zu schreiben, in der sich das Wort „Shid" befände . . . Und obwohl die Logik auf meiner Seite war, habe ich trotzdem gefühlt, daß eine dunkle, nicht verständliche Wahrheit auf seiner Seite ist. Und je mehr ich mich bemühte, mich zu überzeugen, um so tiefer fühlte ich, daß meine Stimme falsch und leer klingt."

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