Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 27 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 218 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Das Jüdische Echo Nr. 27 zur Seite des Bräutigams, die ganze Gemeinde im Gefolge, heueben sieh mit Vortragung von geflochtenen Kerzen und unter Begleitung der Musiktöne, die nicht selten auf der Straße zum Tanzen anregten, in den Synagogen-Vorhof. Hierauf holen die Träger der Kerzen und die Musikanten die Braut mit deren Freundinnen, geleitet von den Frauen, feierlichst ab. Ist die Braut im Synagogen-Hof angelangt, wird ihr der Bräutigam von dem Rabbiner und den Vornehmen aus der Gemeinde entgegengeführt, der Bräutigam umfallt die Hand der Braut, die Anwesenden bestreuen sie beide mit Weizenkörnern, ihnen hierbei die Psalmworte zurufend: „Er umgebe dein Gebiet mit Frieden, sättige dich mit dem Mark des Weizens". Unter die Körner wurden auch Geldmünzen gemischt, damit die Armen sie aufsammeln könnten. Hand in Hand geht dann das Brautpaar bis zur Tür der Synagoge, wo es sich ein wenig niederläßt. Nachdem es so vereint einige Augenblicke auf der Bank zugebracht, wird die Braut nach Hause geleitet, damit sie ihre Toilette vollende. Sie legt an ihrem Ehrentage statt des gewöhnlichen Überrockes die Kursen an, welche die verheirateten Frauen an Festtagen zu tragen pflegten. Es war dies ein ziemlich weiter Überwurf, bei dem die Ärmel eng anlagen, mit Pelzwerk gefüttert und mit Seide überzogen. Der Überzug war gew öhnlich ebenso kostbar gestickt, wie das Pelzwerk wertvoll war. Das Sargenes, ein weißes Kleid, welches die Braut darunter trägt, soll die Freude des Tages mäßigen und wehmütige Erinerungen hervorrufen. Das Gesicht verschleiert, wie einst Rebekka in der Nähe Isak's, das Haupt verhüllt — weshalb auch von einem Kranzschmuck, der sonst bereits im Altertum gebräuchlich, nicht die Rede ist — sollte sich, die Braut in der größten Freude ihres Lebens, dem Ausspruch des Psalmisten folgend: „Wenn ich, Jerusalem, nicht dein gedächte, wenn ich dich nicht erhebe auf den Gipfel meiner Freude", zugleich an die allgemeine Trauer um Zion mahnen. Auch der Bräutigam bekundet diese schmerzvolle Teilnahme an der Trauer der Gesamtheit. Im sabbatlichen Anzüge zwar, erscheint er jedoch mit seiner Kopfbedeckung wie ein Leidtragender. Er trägt die Kappe, ein Gewand mit offenen Halbärmeln, mit Kragen und Kaputze versehen. Letztere, in den Quellen Mitron, zu deutsch Gugel, genannt, zieht er heute, wie in der Trauer, über den Kopf, nachdem die Stelle am Haupte, wo sonst der Schmuck der Tefiiiin ihn ziert, mit Asche bestreut worden. Hat der Bräutigam neben der heiligen Lade, an der nordöstlichen Seite, den Ehrensitz eingenommen, beginnt man mit dem Morgengottesdienst, worauf unmittelbar nach dem Gebete die Trauung erfolgt. Die Braut wird unter Musikklängen bis zur Pforte der Synagoge geführt und während sie daselbst verweilt, holt der Rabbiner den Bräutigam ab und geleitet ihn zur Emporbühne in der Mitte der Synagoge. Hierauf begibt sich der Rabbiner in Begleitung der Vornehmsten aus der Gemeinde zur Synagogenpforte, um die Braut feierlichst einzuholen. Der Bräutigam faßt die Braut beim Kleide an und nimmt sie an seine rechte Seite. Die Mutter des Letzteren sowohl, als auch die der Braut stehen während des ganzen Trauaktes auf der Emporbühne. Mit dem Talith, dem Gebetmantel, den nach rheinischer Sitte der Bräutigam heute zum ersten Male umlegt, oder auch mit dem langen Zipfel, der von der Mitra des Bräutigams herabhängt, wird das Brautpaar eingehüllt und es geht so der Trauakt vor sich. Nach Beendigung desselben erfolgen die Glückwünsche für das Brautpaar, man wünscht eine reich gesegnete Ehe, erst 'im 15. Jahrhundert hört man den noch heute üblichen Glückwunsch „Masal tob" (günstiges Geschick), worauf man sich beeilt, den Bräutigam zuerst nach Hause zu geleiten, damit er nachher der Braut bis an das Tor entgegengehe, ihre Hand ergreife und dieselbe auf die oberste Pfoste lege, um sie so im Bereiche des Hauses als nunmehrige Gebieterin zu proklamieren. Nicht selten aber wurde die Trauung erst gegen Abend vorgenommen. Das eigentliche Fest im sogenannten Brauthause, das iede größere Gemeinde besaß, begann jedenfalls erst am Abend selbst, dauerte aber dann, mit alleiniger Unterbrechung durch den Gottesdienst am Vormittage des Sabbattages, bis zum Sonntag Morgen. Bei der Hauptmahlzeit am Sabbat zur Vesperzeit hielt man sich sogar vom Mincha-Gebet dispensiert. Der Tanz begann, gewöhnlich in der Nacht des Sabbat-Ausgangs, häufig aber schon am Nachmittage des Sabbats selbst. Ausschreitungen, welche die Ungebundenheit bei solcher Gelegenheit hervorrief, waren die Ursache, daß man unter die Zahl der Verordnungen des Rab. Gerschom die Bestimmung aufnahm, daß die Jugend, welche oft Erpressungen sich erlaube, nicht mehr als sechs Denare von dem Bräutigam zu nehmen habe und daß sie von Niemandem irgend etwas heimlieh entwenden dürfe. Der Gottesdienst am Freitagabend wird im Hause des Bräutigams von der erwachsenen Jugend abgehalten. Zu dem Gottesdienst am Sabbat Vormittag wird der Bräutigam wiederum von den Honoratioren der Gemeinde feierlichst eingeholt, er erhält mit seinen Beiständen, die ihm von den Eltern des Brautpaares zur Seite gegeben werden, Ehrensitze in der Nähe der heiligen Lade. Er genießt mit seinen Beiständen gewisse liturgische Vorrechte, und bildet auch im Gottesdienst den Glanzpunkt des Tages. Ein ganz besonderes Ritual, hat diesen Sabbat-Gottesdienst mit vielen Gesängen, in denen die Neuvermählten und ihre Führer gepriesen und gesegnet werden, ausgestattet. Beim feierlichen Aufruf zur Thora- Vorlesung begleiten ihn die Beistände; er spendet bei dieser Gelegenheit zum Besten des Jugendunterrichts und der Ausstattung armer Bräute, weihet zugleich seinem Ehrentage zum Andenken ein reich gesticktes Band zur Umhüllung der Thorarolle. Aus der Synagoge in seine Wohnung zurückgekehrt, überreicht der neue Ehegatte der jungen Gattin seinen Mantel, Gürtel und Hut, um ihr den Anteil an seinem Vermögen öffentlich zuzuerkennen. Der ganze Tag und die darauffolgende Nacht sind der allgemeinen Belustigung gewidmet, für die natürlich Instrumental-Musik und Gesang unentbehrlich waren. Als daher einmal wegen eingetretener Landestrauer iede Musik untersagt war, verlegte man eine Hochzeitsfeier von Eppstein nach dem drei Meilen entfernten Mainz, um nur nicht der zur Erhöhung der Festireude wesentlichen Musik zu entbehren Die Spielleute waren Christen, da am Sabbat das Musizieren nicht erlaubt ist, wie man auch deshalb einmal bei einer solchen Gelegenheit nicht gestatten wollte, daß ein Apostat zum Tanze die Laute schlage. literarisches Echo Gedenkblatt zur Erinnerung an gefallene jüdische Krieger Originalradierung von Joseph Pr B!,dforTmat »1.5: 9; Blattformat 27:35. Preis 4 Mark. Neuer Verlag, Berlin W 15