Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 27 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 217 schied von den anderen Bergbewohnern wahrnehmen; weder im Aussehen noch in der Tracht unterscheiden sie sich wesentlich von Ihren Nachbarn, besonders von den mohammedanischen, unter denen sieh ja viele rühmen, arabisches Blut in den Adern zu haben, und so stolz darauf sind, daß sie es verschmähen, sich mit den Bewohnern anderer Aulen zu verschwägern. Es sind meist schlanke, sehnige Gestalten, die man unter den Bergjuden Daghestans trifft. Der Aufenthalt in der klaren Luft, den sie den größten Teil ihres Daseins auszukosten Gelegenheit haben, macht den Körper kräftig und hindert die unschöne Ansammlung von Fett. Immer bis an die Zähne bewaffnet, wenn auch die Zeiten noch so friedlich sind, tragen sie Flinte und Pistole nicht bloß als Schmuck, sondern zum Gebrauch. Deshalb sind sie leidenschaftliche Jäger und dem scharfen Blick und der sicheren Hand entrinnt selten die erstrebte Beute. Das häusliche Leben dieser Bergjuden entspricht im allgemeinen dem ihrer Nachbarn. Ihre Sittlichkeit ist anerkannt, was damit zusammenhängt, daß die Ehen sehr früh geschlossen werden und Unverheiratete zu den seltenen Ausnahmen zählen. Die Frauen sind in der Jugend sehr hübsch, zuweilen von bezauberndem Liebreiz. Später verfallen sie rasch; der Kindersegen und die nicht immer leichte Arbeit machen sie früher zu Matronen, als dies bei westlicheren Völkern der Fall zu sein pflegt. Der Anblick eines Auls der Bergjuden ist ein sehr merkwürdiger: solch ein Dorf gleicht meist einer Felsenfestung, und man kann sich vorstellen, daß es harter Kämpfe und einer großen Übermacht bedarf, um diese Wohnstätten zu erobern, ihre Bewohner zu unterwerfen. Einzelne Häuser sind direkt in den Felsen gehauen und erinnern an die mexikanischen Höhlenwohnungen, in denen jetzt noch die Pueblos hausen. Das Innere ist von einer sonst in diesen Gegenden nicht immer zu findenden Sauberkeit. Die Wände werden wiederholt mit frischem Kalk getüncht, der Boden ist festgestampft und mit Matten, bei den Wohlhabenderen auch mit Teppichen belegt. Kupfernes und messingenes Gerät wird stets blitzblank gehalten und ziert die Wände, an denen in malerischer Anordnung der Stolz des Hausherrn, die prächtigen Flinten, die eingelegten Pistolen und die oft sehr kunstvoll verzierten Dolche, die Kinschals, hängen. Es sieht putzig aus, wenn man zuweilen einen Dreikäsehoch mit einem umgehängten Kinschal sieht, der bald so groß ist als der vielleicht sechs- oder siebenjährige Träger. Man wird dabei unwillkürlich an das Märchen vom kleinen Muck erinnert. Die Bergjuden von Daghestan — deren Zahl auf etwa 30 000 geschätzt wird — sind sehr gastfreundlich und dabei sehr neugierig. Da sie ziemlich abgeschlossen von der Welt leben, so sind sie begierig nach Neuigkeiten und der Fremde, den sein Weg in ihre Dörfer führt, kann sich nicht besser für die gastliche Aufnahme erkenntlich zeigen, als durch möglichst vieles Erzählen. Dabei kreisen die Becher mit dem recht guten Wein, den sie zum Teil selbst bauen. Diese Bergjuden sind nämlich auch tapfere Zecher, wenn eine festliche Gelegenheit sich bietet, und es kommt ihnen nicht darauf an, sich und ihrem Gast einen tüchtigen Rausch anzutrinken. Schon die Sitte des Gesundheitstrinkens erfordert die Bewältigung eines anständigen Quantums: man läßt nicht nur den Gast hochleben, sondern auch alle dessen Ahnen bis auf die Ureltern hinauf. Und da sich der Gast höflicherweise revanchieren muß und die Tischgenossen mit deren Ahnen eine recht staatliche Zahl ausmachen, so kann man sich vorstellen, daß bei einem solchen Gastmahl nicht übel gebechert wird. Die Frauen und die jüngeren Mitglieder der Familie nehmen an solchen Schmausereien nicht teil; das letztere verbietet schon die Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern, die sehr groß ist. Niemals wird ein Kind es wagen, dem Vater zu widersprechen oder sich ohne seine Erlaubnis überhaupt ins Gespräch zu mischen. Auf der anderen Seite haben die Eltern wieder eine große Zärtlichkeit für ihre Kinder, und zwar wird kein Unterschied zwischen Knaben und Mädchen gemacht. In ihrem Glauben sind die Bergjuden dem alten Mosaismus im großen und ganzen treu geblieben, wenn auch der Verkehr mit den umwohnenden Stämmen manchem fremden Brauch Eingang verschafft hat. Doch halten sie die jüdischen Festtage, versammeln sich zum Gebet in einer Synagoge und haben einen Rabbiner, der das religiöse Leben leitet. Wie sie sich übrigens trotz ihrer Weltabgeschiedenheit mit den Glaubensgenossen anderer Länder verbunden fühlen, bewies die merkwürdige Tatsache, daß zu dem sechsten Zionistenkongreß in Basel eine Abordnung dieser Bergjuden erschienen war.*) Die Männer in ihren kriegerischen, mit Patronen besteckten Kostümen erregten in der friedlichen Versammlung nicht wenig Aufsehen. Wenn die Völker des Kaukasus sich einmal erheben werden, um das russische Joch abzuschütteln — es ist nur eine Frage der Zeit, wann das geschehen wird —■, dann werden auch die Bergjuden Daghestans nicht zurückbleiben. Wie zu den Zeiten Schamyls werden sie in vorderster Reihe stehen, wozu sie auch das Anrecht besitzen: denn wenn es sich um Brutalisierung, um Entrechtung und Knechtung handelt, da sind ja in Rußland die Juden seit langem dazu ausersehen, ebenfalls in erster Reihe zu stehen. Und das wissen auch die Bergjuden in den Felsenklüften von Daghestan, und werden es nicht vergessen haben, wenn über die Gipfel der Kaukasusberge die Sonne der Freiheit wieder wird zu leuchten beginnen. Feuilleton Eine jüdische Hochzeitsfeier im Mittelalter Von Professor Abraham Berliner.**) Am Freitag in aller Frühe ruft der Synagogen-Diener zur Synagogen-Andacht und ladet hierbei zugleich die ganze Gemeinde zum Mayen, d. h. zur Feier ein. Alle sollen Teil nehmen an einer solchen Feierlichkeit, die deshalb auch keinen privaten Charakter trug, vielmehr als allgemeine Freude von allen mitempfunden und geäußert wurde. Der Rabbiner und die Honoratioren *) Siehe das Bild in der vorigen Nummer. **) Die Schilderung ist dem bekannten schönen Buche Berliners „Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter zugleich als Beitrag für 'deutsche Kulturgeschichte" entnommen, von dem schon in dem Artikel anläßlich seines Hinscheidens vor einigen Monaten die Rede war. Die zweite Auflage des Buches ist 1900 in M. Poppelauers Buchhandlung in Berlin erschienen.