Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 27 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Das Jüdische Echo Nr. 27 nicht zu schweigendem Schlaf gebracht werden; er schlummert, er wird eines Tages wieder erwachen wie zu den Zeiten Schamyls, der 35 Jahre lang die Russen bekämpfte und die Bergvölker des Kaukasus zu verzweifeltem Widerstand gegen die Zarenherrschaft entflammte. Der Löwe des Kaukasus mußte sich schließlich der russischen Übermacht, den modernen russischen Waffen ergeben. Mit ihm nahmen die kaukasischen Bergvölker das russische Joch auf sich, das sie bald und schmerzlich zu spüren bekamen. Das ist mehr als 50 Jahre her. Jedoch mit aller äußeren Unterwerfung ging seit diesen Tagen immer die innere Auflehnung gleichen Schritt, die neuzeitliche Waffenkunst blieb auch im Kaukasus nicht fremd, die Söhne der Unterjochten dienten im russischen Heere und lernten moderne Gewehre, moderne Geschütze, moderne Kriegstechnik kennen und fanden daheim gelehrige Schüler unter den Jungen und unter den Alten. In Rasse, im Glauben, in der Sprache, in den Lebensgewohnheiten sind die einzelnen kaukasischen Bergvölker voneinander durchaus verschieden; sie lieben einander nicht, ja es besteht zwischen einzelnen Stämmen eine direkte Abneigung, die so weit geht, daß eine Eheschließung von zwei Angehörigen solcher feindlicher Stämme zu den Unmöglichkeiten gerechnet wird. Aber eins haben sie alle gemeinsam: den tollkühnen Mut, die Waghalsigkeit, das scharfe Schützenauge und die treffsichere Hand, und außerdem den Haß gegen die Russen. Nach Hunderten zählen die kaukasischen Gebirgsstämme, die zum Teil n'Jch gar nicht erforscht sind. Die .größere Schwierigkeit liegt darin, daß im Kaukasus eine Vielheit der Sprachen herrscht, in die einzudringen selbst dem gelehrten Sprachforscher kaum möglich ist. Zu Dutzenden zählen die Sprachen, die im Kaukasus gesprochen werden, und sie teilen sich wieder in vielerlei dialektische Unterschiede, so daß selbst benachbarte Aule — wie die Dörfer genannt werden — sich oft nicht miteinander verständigen können, wenn nicht das russische, türkische oder tatarische Idiom als Vermittlungssprache dienen kann. Zu den sprachlichen kommen die Rassenunterschiede und außerdem solche, die durch die verschiedene Lebensweise hervorgerufen werden. Diese ist wieder durch das Klima bedingt, das im Kaukakus je nach der Höhenlage wechselt: mild und angenehm in den Tälern und den Abhängen, rauh in den Gipfeln. Einer der am wenigst bekannten Stämme sind die Bergjuden, Dag - tschufut, wie sie tatarisch, Jevrey Gorzij, wie sie russisch genannt werden. Die Geschichte ihrer Einwanderung in den Kaukasus, ihre Akklimatisierung ist in so sagenhaftes Dunkel gehüllt, daß diese Bergjuden selbst nichts Authentisches darüber wissen. Sie halten sich für Abkömmlinge persischer Juden, die im 15. Jahrhundert nach Daghestan eingewandert seien und sich dort unter den Kumyken niedergelassen hätten. Da ihre Sprache die Tatsprache ist, die sie neben dem Aseibeidschan-Tatarisch gebrauchen, so scheint dieser Ursprung wahrscheinlich; aber er ist keineswegs bewiesen. Die Tat, ein persischer Volksstamm, bewohnen allerdings den äußersten Westen von Iran und ihre Sprache nähert sich dem Persischen. Ob aber die Bergjuden von dort stammen, ist nicht festgestellt. Juden lebten schon im 8. und im 9. Jahrhundert im Kaukasus in jenen Gegenden, und um das Jahr 1180 soll ein Zug Juden von Jerusalem und Bagdad in diese Gegend eingewandert siein. Der Weg führte durch Persien, wo längerer Aufenthalt genommen wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bei dieser Gelegenheit die Tatsprache zur Umgangssprache geworden ist. Der Hauptsitz der Bergjuden von Daghestan befindet sich nördlich von der Gebirgsscheide. Sie werden auch Bykij genannt, was so viel wie Stiere bedeutet. Diesen Namen sollen sie erhalten haben wegen ihrer Wildheit und ihrem kriegerischem Draufgängertum. Das kriegerische Wesen der Bergjuden ist historisch so oft beglaubigt und stimmt so sehr mit den Beschreibungen, die einzelne Reisende \on ihnen geliefert haben, überein, daß daran nicht gezweifelt werden kann. Der Kaukasusforscher Hahn, der eine zweiwöchige Tour, nach dem nördlichen Daghestan unternommen hat, ließ sich daüber manches erzählen, „vom Balkon unseres Hauses", so schreibt er, „bietet sich eine hübsche Aussicht dar. Nach Norden können wir tief unten die Straße fast bis zu dem Felsentor an der Georgsbrücke verfolgen; nach Süden hin eröffnet sich der Blick auf ein kleines Plateau, das sich über dem Ufer des Kara-Koissu erhebt. Es hat den Namen Gudul-Maisan (gudul, aus dem hebräischen gadol, bedeutet groß, das heißt: großer Versammlungsplatz. Dort standen früher große Bäume, unter denen sich die Bewohner der umliegenden jüdischen Aule, die eine demokratische Verfassung hatten, zur Beratung ihrer Angelegenheiten versammelten; erst zu den Zeiten des Muridismus hörten diese Versammlungen auf. Noch heute wohnen in den nahen Aulen Socratl und Rugsch die Nachkommen jener Hebräer. Die Rugscher Juden waren dereinst ein streitbares Völklein und der Schrecken der Nachbarn, die sich zum Schutze vor ihnen in dem großen Aul Tschoch zusammentaten. Dort wohnten sie, Heiden und Christen, miteinander. Als nun der erste Schamchal aus Kasi-Kumuch in diese Gegend kam, lieferte er 3000 Rugschern eine Schlacht, besiegte sie und nötigte die. Juden, den Islam anzunehmen. An hohen Festtagen tragen sie aber bis heute althebräische Kostüme". Die Bekehrung zum Islam war größtenteils eine nur vorübergehende und äußerliche. Mit der bekannten Anhänglichkeit an den angestammten Glauben blieben die meisten der Bekehrten innerlich der Religion ihrer Väter treu, um sich bei passender und günstiger Gelegenheit auch äußerlich wieder zu ihr zu bekennen. Das durften sie besonders zu Zeiten Schamyls, dem sie in seinen Kämpfen gegen die Russen beistanden. Schamyl schätzte die tapferen und geschickten Bergjuden sehr hoch, und er fand nichts daran, seine mohammedanischen Streiter unter jüdischen Oberbefehl zu stellen. Das wilde Draufgängertum dieser jüdischen Anführer verhalf Schamyl zu manchem Siege, aber gegen die russischen Massen, die, ganz so wie heute, schonungslos ins Feuer geschickt wurden, sowie gegen die zweifellos bessere Bewaffnung und fortgeschrittenere Strategie konnte auch der größte Mut auf die Dauer nichts ausrichten und mußte unterliegen. Immer tiefer zogen sich die Judenstämme in die Berge zurück. In Aulen, die an fast unzugänglichen Stellen errichtet wurden, leben sie, und so weit ab von der Straße des Lebens, daß ihre Existenz fast bezweifelt wurde und beinahe sagenhaft galt. Wer einem von ihnen begegnete, konnte auch auf den ersten Blick keinen Unter-