Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 27 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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214 Das Jüdische Echo Nr. 27 mag sich niemand zu entziehen. Heute ist Petersburg das lähmende Schreckenswort, von dem Vernichtung ausgeht wie einst von Babylon, und welcher Stadt, welchem Lande wird unser nächster Hochspruch gelten? Der Golus ist wieder rege wie zu Spaniens Zeiten, und wohin soll die Wanderschaft sich diesmal wälzen? Unter den Flüchtlingen*) Von Dr. Bernhard M ü n z , Vorstand der Bibliothek der Israel. Kultusgemeinde in Wien. Es gibt einen vortrefflichen, weisen Spruch, der uns mahnt, nicht auf den Krug zu achten, sondern auf das, was in ihm enthalten ist. So einleuchtend und selbstverständlich dieser Spruch auch ist, kamen wir doch vor lauter Empfindsamkeit und vielen Ästhetisieren nicht dazu, ihn zu beherzigen und nach ihm zu handeln. Gewaltige, wuchtige Ereignisse erst konnten uns bestimmen, das Sein über den Schein zu stellen. So bin ich durch den Krieg erst in die Lage gekommen, den Wesenswert der galizischen Juden, der Kaftanjuden, zu entdecken und sie zu bewundern. Ein Stück Neuland hat sich mir in ihnen und durch sie erschlossen. Als Vorstand einer großen Bücherei habe ich tagtäglich Gelegenheit, ihren überwältigenden Idealismus anzustaunen. Sie sind Märtyrer der aller Beschreibung spottenden bestialischen Kampfesweise des heiligen Rußland, das sich nicht darauf beschränkt, seine Heere mit denen der Feinde zu messen, sondern, eine Geißel Gottes, raubt und plündert, mordet und schändet und sengt und ganz besonders die Juden zum Ziele seiner Blindwütigkeit auserkoren hat. Um ihr und ihrer Familien Leben zu retten, haben sie den Wanderstab ergriffen, Haus und Hof, Geschäft und Beruf im Stiche gelassen und von allen Mitteln entblößt, als Bettler ihren Einzug in die Kaiserstadt an der Donau gehalten. Aber sie haben nicht nur den Verlust von Hab und Gut zu beklagen, sondern im Drange und Wirrsal der Flucht sind ihnen Familienmitglieder abhanden gekommen, Eltern sind von ihren Kindern, Männer von ihren ^Frauen gettrefcint woirden. Kummer lund Sorge, Gram und Verzweiflung, Elend und Entbehrungen aller Art sind die unzertrennlichen Gefährten der Flüchtlinge, sie haben ihnen deutliche Spuren aufgedrückt, sie gebeugt, aber nicht — gebrochen, denn das Judentum ist von jeher eine Religion der Lebensbejahung, der Optimismus ist trotz aller entsetzlichen, unsagbaren Unbilden des Schicksals das unverwüstliche Erbteil seiner Bekenner: „Siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels". Das Gottvertrauen, das die Juden alle anderen Völker der Weltgeschichte überdauern ließ, verläßt sie auch nicht inmitten der Schrecknisse des furchtbaren Weltdramas, das sich vor unseren Augen abspielt; sie hoffen und harren und schöpfen Trost und Erhebung aus; ihren heiligen Büchern, ihrem altehrwürdigen Schrifttum. Sie wallfahren zu den Bibliotheken und Lehrhäusern und bilden lebendige Mauern in denselben, daß die Diener Mühe haben, sich hindurchzuwinden und ihnen die erbetenen Bücher zu reichen. Die geräumigen Lesesäle vermögen die Zahl der Be- *) Dieser Beitrag ist mit Einverständnis von Verfasser und Redaktion der Zeitschrift „Liberales Judentum" entnommen. sucher nicht zu fassen; allein was ficht sie das an? Können sie nicht sitzen, so stehen sie stundenlang mit den schweren Folianten in den Händen und sie okkupieren auch die Vorräume. Alle Stände und Berufe und Altersklassen sind vertreten. Ergreifend ist es, daß auch rekonvaleszente Soldaten und Offiziere sich unter sie mischen. Vergleichen wir diese „unzivilisierten" Juden mit jedwn anderen Element im großen Mischmasch des Völkerlebens. Welcher zweite Volksstamm wird in einer Lage, wie sie jetzt das äußere Dasein dieser Juden kennzeichnet, einen solchen Anblick bieten, wie die galizischen Gäste unserer Gemeindebibliothek, welche nur von dem einen heißen Wunsch beseelt sind, in dem Aufgehen in geistiger Beschäftigung die Ode des Exils zu vergessen? Wenn man eine Klage von ihnen hört, so ist esi die, daß die Bibliothekbenützung nicht in noch weiterem Rahinen gehalten ist. Stundenlang warteten sie mitunter, der bittersten Kälte trotzend, im Stiegenhaus auf die Öffnung der Bibliothek, um nur ja rechtzeitig zur Stelle zu sein. Der Andrang zu den Brotverteiluugsstellen kann diesen Ansturm nicht übertreffen. Das ist Kultur im Gegensatz zur Zivilisation. Zu meiner nicht geringen Überraschung nehme ich wahr, daß den Flüchtlingen die Forschungen der deutschen protestantischen Theologen keineswegs fremd sind, daß sie sich mit lebhaftem Interesse in die Arbeiten derselben über Bibelkritik und jüdische Geschichte vertiefen. Sie beschäftigen sich auch mit profanen Wissenschaften. Ein 84jähriger Arzt aus Przemysl schwelgt täglich in der Lektüre philosophischer Werke, die er nach einem System entwicklungsgeschichtlich studiert; Kaufleute, die sich in ihren kargen Mußestunden schriftstellerisch betätigt haben, bestürmen mich mit Fragen über die bedeutendsten Erscheinungen der letzten zwei Jahre auf religionsiphilosophischem und völkerpsychologischem Gebiete; wieder anderen ist an der Erkenntnis der Fäden, die sich zwischen der Kabbala und der deutschen Mystik spinnen, gelegen. Ein Postbeamter aus Czernowitz sammelt mit Bienenfleiß Materialien zu einem Lexikon berühmter jüdischer Männer und Frauen, von dem bereits einige Lieferungen erschienen sind. Nicht wenige Flüchtlinge wollen es sich, da das Schicksal sie nun einmal nach Wien geführt hat, nicht nehmen lassen, die Geschichte der Juden in Wien oder gar die spezifisch Wienerische Note der Literatur kennen zu lernen. Das Hauptaugenmerk der letzteren ist auf Arthur Schnitzler gerichtet. Mit Bewunderung schaue ich zu diesen heimatlosen Greisen, Männern und Jünglingen empor, von denen die Goetheschen Worte gelten: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte! Den harten Prüfungen, den unsäglich schweren Heimsuchungen zum Trotze leben und weben sie im Reiche der Ideen, und das macht sie stark. Der Geist überwindet die Materie, und dieser Umstand berechtigt mich, für die vielverlästerten polnischen Kaftanjuden ungeachtet ihrer absonderlichen Äußerlichkeiten das Epitheton zu reklamieren, das Ibsen in einem Brief an Georg Brandes vom 17. Februar 1871 den Juden verleiht, sie zum „Adel des Menschengeschlechts" zu zähleu.