Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 26 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116045--00394-9073221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 Das Jüdische Echo 209 mehr Gelder herangeschafft werden. . . Aber es sollten die führenden Persönlichkeiten doch auf Mittel und Wege sinnen, um wenigstens in Palästina selbst eine gewisse Fühlung unter den ausführenden (in Wirklichkeit in der Regel sehr einflußreichen) Organen herzustellen, damit nicht ein blindes Nebeneinanderarbeiten und Konkurrenzieren entsteht, aus dem nichts Gutes herauskommen kann." Feuilleton Mauschel Von Benjamin Seff*) Mauschel ist Antizionist. Wir kennen ihn schon lange und es hat uns auch immer der Ekel gehoben, wenn wir ihn ansahen, wenn uns das Leben in seine Nähe oder gar in Berührung mit ihm brachte. Aber zu dem Ekel, den wir vor ihm empfanden, gesellte sich bisher immer Mitleid, wir suchten nach milden historischen Erklärungen dafür, daß er ein so verkümmerter, verdrückter und schäbiger Geselle sei. Und dann: er ist doch unser Volksgenosse — wenn auch nicht die mindeste Veranlassung vorliegt, uns etwas auf seine Genossenschaft einzubilden. Wir sagten uns, daß wir ihn ertragen müßten, ja daß es unsere hohe Aufgabe sei, ihn zu veredlen, daß wir alle an dieser Aufgabe wachsen würden, und mit einer Art von romantischer Zärtlichkeit oder Schwäche nahmen wir uns seiner an, weil er ein Lump war. Wenn. Mauschel eine Gemeinheit beging, trachteten wir, sie zu vertuschen. Wenn Mauschel recht niedrig war, erinnerten wir die Welt an die Großen unseres Volkes. Wenn Mauschel uns alle kompromittierte, schämten wir uns oder schäumten insgeheim — jedoch wir schwiegen. Da hat Mauschel endlich etwas getan, was Lob verdient, was uns zur Ehre gereicht, und wodurch er uns für manches entschädigte, das wir seinetwegen erdulden mußten. Er hat sich von uns losgesagt. Mauschel, das ist ein schöner Zug! Aber wir sprechen von Mauschel, ohne ihn noch gebührend vorgestellt zu haben. Wer ist denn dieser Mauschel? Ein Typus, meine lieben Freunde, eine Gestalt, die in den Zeiten immer wiederkehrt, der fürchterliche Begleiter des Juden und vom Juden so unzertrennlich, daß man beide miteinander stets verwechselt hat. Der Jude ist ein Mensch wie andere, nicht besser, nicht schlechter, höchstens verschüchtert und verbittert durch die Verfolgungen und von einer großen Standhaftigkeit im Leiden. Mauschel hingegen ist die Verzerrung des menschlichen Charakters, etwas unsagbar Niedriges und Widerwärtiges. Wo der Jude Schmerz oder Stolz empfindet, hat Mauschel nur elende Angst oder höhnisches Grin- *) Theodor Herzl hat sich mit dieser Charakterisierung unter seinem jüdischen Namen Benjamin Seff im ersten Jahrgang der von ihm gegründeten zionistischen Wochenschrift „Die Welt" (1897, Nr. 20) das Leid vom Herzen geschrieben, das ihm in der ersten Zeit seines Auftretens durch gewisse Juden widerfahren ist. Wir wollen heute nicht die Frage aufwerfen, ob der Mauschel, den Herzl so scharf porträtiert hat, noch lebt. Wenn wir ihn unseren Lesern vorführen, geschieht es, weil dieses Dokument als eines der kostbarsten Stücke literarischer Feinkunst Herzl von einer Seite zeigt, die man kennen muß, um die ganze Persönlichkeit zu würdigen. sen im Gesicht. In den harten Zeiten richtet sich der Jude auf, Mauschel dagegen verkrümmt sich nur noch schmählicher. Werden die Zeiten besser, so ist es für den Juden eine Mahnung zur Milde, zur Duldung anderer, zum Wirken für die allgemeine Wohlfahrt; Mauschel aber wird frech und hochmütig. Der Jude trägt in seinem vielgequälten Herzen eine unauslöschliche Sehnsucht nach der Erreichung höherer Stufen der Kultur; Mauschel betreibt hinter dem Fortschritt wie hinter der Reaktion nur seine eigenen schmutzigen Geschäfte. Der Jude erträgt die Armut mit Würde und Gottvertrauen, im Reichtum öffnet sich sein Herz weit für die Mühseligen und Beladenen, und er besteuert freiwillig sein Wohlergehen durch große Gaben. Mauschel ist in der Armut ein erbärmlicher Schnorrer, im Reichtum ein noch erbärmlicherer Protz. Der Jude liebt die Kunst und gelehrte Übungen; diese waren oft und lange sein ganzer Trost in der Abgeschlossenheit, die ihm eine feindliche Gesellschaft aufzwang. Von Mauschel werden selbst Kunst und Wissenschaft um des gemeinen Vorteils willen betrieben. So konnte man in unserm Volk zu allen Zeiten sogar Kaufleute und Handwerker von tiefer, schamhaft verschwiegener Bildung sehen — in solchen Gestalten trat der Jude auf. Einmal hieß er Baruch Spinoza, schliff Brillen und betrachtete die Welt sub specie aeterni. Und so konnte und kann man hinwieder Rabbiner, Schriftsteller, Advokaten und Ärzte sehen, die nur verschmitzte Gewinnsucher sind — in solchen Gestalten tritt Mauschel auf. Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Überzeugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten, oder sich offen als ihr Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den staatsfeindlichsten Oppositionen, und hetzt diese heimlich, wenn ihm die herrschende Autorität nicht behagt, oder er flüchtet sich unter den Polizeischutz und tut Angeberdienste, wenn ihm vor dem Umsturz bange wird. Darum hat der Jude den Mauschel immer verachtet — und dieser schilt ihn wieder einen Narren. Und diese beiden, die durch eine tiefste Feindschaft ihres Wesens allzeit geschieden waren, wurden stets miteinander verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Mißverständnis? Als wäre in irgend einem dunklen Augenblick unserer Geschichte eine niedrigere Volksmasse in unsere unglückliche Nation hineingeraten und wäre mit ihr vermischt worden, so nehmen sich diese unvereinbaren, unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen, immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als Vertreter unseres Volkscharakters nicht den Juden, sondern Mauschel genommen. Starke Völker werden nach ihren besten Söhnen beurteilt, schwache nach ihren schlechtesten. Die Deutschen sind ein Volk von Dichtern und Denkern, weil sie Goethe, Schiller, Kant hervorgebracht haben. Die Franzosen sind die Tapferen und Geistreichen, weil sie Bayard und Duguesclin, Montaigne, Voltaire und Rousseau aufstehen ließen. Wir sind ein Volk von Schacherern und Gaunern, weil Mauschel wuchert und Börsenstreiche macht. Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter denen man uns anfiel. Mauschel ist der Fluch des Juden. Instinktiv hat das der Jude immer gefühlt, und es mag oft vorgekommen sein, daß gute Juden vom Volk und vom Glauben der Väter sich entfernten, weil sie diese Gemeinschaft nicht länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judentum nach innen und außen geschwächt.