Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 26 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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206 Das Jüdische Echo Nr. 26 ergreift die Menschen. Und wer damit nichts anzufangen weiß, der" mag ein vortrefflicher, braver und nüchterner Mensch sein und selbst ein Wohltäter im großen Stil. Führen wird er die Menschen nicht, und es wird von ihm keine Spur bleiben." So ist es auch gekommen. Was ist der Jugend von heute Baron Hirsch: der von allen tief verehrte, aber doch einsam gebliebene Philantrop, der Erblasser für die ebenso märchenhaft reiche wie unpopuläre, vielfach sogar unbekannte Jewish Colonisation Association, wogegen Herzl ein täglich von Tausenden und Abertausenden betrauerter, viel zu früh dahingegangener Heros des jüdischen Volkes ist, an dessen reinem Wollen sich die Zionisten in ihren schwersten Stunden aufrichten und viele Nichtzionisten orientieren. Der Spott und Hohn, den mancherorts der „Judenstaat" und in seinen Anfängen der Zionismus erfahren hat, ist verschwunden. Eine gelegentliche Erinnerung daran wird schon deshalb lehrreich sein, weil dadurch denen, die es angeht, erwiesen wird, daß ein so stark im Bewußtsein von Menschen verankerter Wille, wie ihn der Zionismus darstellt, mit kleinlichen Schachzügen dieser oder jener Art nicht verschüttet werden kann. Nicht wenig mag zu der Ablehnung, welche die bayerischen Juden Theodor Herzl angedeihen ließen *), ein von Anton Bettelheim, dem Auerbach-Biographen, ostentativ am Geburtstag Berthold Auerbachs datierter Aufsatz beigetragen haben, der im März 1896 in der „Münchener Allgemeinen Zeitung" unter dem ironischen Titel „Der Gründungsprospekt einer jüdischen Schweiz" erschienen war. Mit großer gelahrtenhafter Gründlichkeit wird da — heute würde kein Gegner des Zionismus mehr so zu schreiben wagen — „der Faschingstraum des durch den Judenrausch verkaterten Feuilletonisten" verhöhnt, den Bettelheim „mit größerem Unwillen ablehnt als irgend ein noch so rohes antisemitisches Pamphlet." Und doch ist dieses — man bewundere den historischen Instinkt — „gedankenarme (!), an Torheiten reiche Projekt des Herrn Herzl" der Beginn einer Bewegung geworden, die heute mehr denn je an welthistorischer Aktualität gewonnen hat. Denn was ist das Motiv des „Judenstaates"? Die unhaltbare Lage des jüdischen Volkes, die sich im Laufe der zwei Jahrzehnte seit der Niederschrift des „Judenstaates" nicht besserte, sondern zusehends bis zu dem jetzt erreichten Höhepunkte verschärfte. Und mag der Zionismus auch von der auf äußeren Ereignissen fußenden *) Vgl. den Artikel „München als Kongreß- Stadt" in der Nummer 7 des vorigen Jahrgangs. Katastrophentheorie abgegangen sein, so hat dieses Motiv für unser Geschlecht doch die höchste Geltung, weil man schon deshalb eine gründliche Lösung der Judenfrage für unerläßlich halten muß. Kann etwa die Katastrophe noch größer werden als sie ist? Genügt es nicht, daß die östlichen Juden, Dreiviertel oder mehr aller, der Kern der Judenheit und des Judentums in religiösem und kulturellem Sinne, darin zu ertrinken drohen? Müssen wir nicht an unsere Brust schlagen, daß wir nicht alle das Unsrige getan haben, um durch rechtzeitige Erfüllung der Herzischen Forderungen dieses unermeßliche Unheil, das kommen mußte, von unserem Volke abzuwenden? Konnten wir uns nicht sagen, daß ein immer im Bereiche der Möglichkeit liegender Krieg zwischen Österreich-Ungarn oder Deutschland mit Rußland, für die Juden Osteuropas die entsetzlichsten Folgen, denen vorzubeugen wir unterließen, haben würde? Ahnt man nicht, daß wir Zuschauer davon in dieser oder jener Weise, jedenfalls in hohem Grade miterfaßt werden, mögen wir uns noch so sehr dagegen sträuben? Was sind all dem Elend gegenüber, um Beispiele zu nennen, etwa die mehr oder minder geräuschvollen Hilfsaktionen zur Versorgung von Pogromwaisen, zur Einführung von Hausindustrien bei den Juden Galiziens, was will demgegenüber der Briefwechsel des kürzlich verstorbenen Lord Rothschild mitMerry del Val wegen des Beilisprozesses besagen, was bedeuten diesem schrecklichstem Unglück gegenüber die noch so großen, noch so notwendigen, aber allzubald erschöpften „Hilfsfonds", die nur dazu da sind, unser Gewissen zu betäuben, statt es aufgerüttelt täglich hämmern und uns peinigen zu lassen? Nichts und wieder nichts, wenn wir so ehrlich sind, zu sagen, daß wir weit größere Pflichten haben. Denn auf diese Weise wird dem jüdischen Volke nicht geholfen. Ist nur einmal der Friede geschlossen, dann wird sich die Verheerung unter den Juden des Erdballs in ihrem ganzen Umfang, in ihrer wahren Tiefe zeigen. Dann beginnt ein neuer Akt der Tragödie, die plan- und ziellose Wanderung Ahasvers, auf die er sich immer begibt, wenn er sich nicht nur vor den anderen, sondern vor sich selbst retten will. Nur eine Verpflanzung auf den Boden unserer Väter kann unser Volk vor gänzlicher Zerrüttung, vor dem leiblichen und seelischen Verkommen bewahren, so wie sie auch in den Gesichtskreis weitschauender, objektiver deutscher Politiker getreten ist. Ob nun der Zionismus Freunde findet, weil er die Interessen anderer zu fördern vermag, oder die Unterstützung von Nichtjuden erfährt,