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Das jüdische Echo · 1915-06-25 · 25 (25.6.1915) · p. Seite 202

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
25 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
Seite 202 (sequence 6)
Language
German
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202 Das Jüdische Echo Nr. 26 Staatsordnung), unruhige Elemente der Gesellschaft zu sein und dergleichen mehr. Als vor nun vier Jahren, im April 1911, die ersten Beschränkungen für die russischen Studierenden an den bayerischen Hochschulen eingeführt wurden, war schon zu erkennen, gegen wen die Spitze gerichtet war, und mit Recht bezeichnete dann die Münchener Post diejenigen als „Handlanger S t o 1 y p i n s", die sich um die Sache aktiv oder passiv schuldig machten. Und jetzt? Jetzt ist man einsichtsvoll geworden. Man lobt uns, weil wir nicht Russen sind. . . * Ich mußte in Privatgesprächen den Vorwurf mehrmals hören, wir, russische Juden, seien zu passiv, also wenig revolutionär. . . Man bedauert unsere Lage, ist sogar entrüstet, wenn man von unseren Qualen hört. Es bleibt aber dabei! Und als „Russen" wurden wir von den Hochschulen ausgeschlossen, wodurch wir um die Früchte schwerer mehrjähriger Arbeit gekommen und vielfach der Erwerbsmöglichkeit beraubt sind. Gegenmaßregeln? Es lohnt sich nicht, auch ein einziges Wort zu verlieren! Nicht einmal den deutschen Juden ist es eingefallen, die Sachlage richtig zu betrachten, sie haben sich nicht bemüht, unser tragisches Geschick zu begreifen. A. Feuilleton In der Fabrik Von Max Brod.*) Er kam herein. Die großen Kessel dampften, Die Säurewasser widrigen Gestanks. Da war die Arbeitshalle breit vom Lärm Der Riemen und Getriebe wie berußt, Wie plattgedrückt, und schien sich selber schon, Ein Riesenmühlstein, träg herumzuschwingen. Und so wie Blumen, die vom Lärm betäubt Verwelken, lechzten blasse Männer her Und die gebrochenen, die jungen Frauen Schwatzten wie aus dem Schlafe fistelstimmig. Nur eines Mädchens blaues Auge brach Sich im Geträufel eines Himmelfleckchens, Hoch oben, das zwischen zwei morschen Latten Des Dachstuhls eingetreten. Kam herein Mose, der Gottesknecht, und an Gestalt Glich einem reichen Kaufmann er und heischte, Den Herrn zu sprechen. Rasch ward es gewährt, Durch Gang und Polstertüre ging der Weg Und bald saß unser Lehrer schlichten Auges Vor einem breiten, höchst beschäftigten Und sorgenvollen Mann am Schreibtisch. Kühl Und prächtig war das Zimmer, tausend Briefe Erfüllten es vieltönend, manche lose Die andern sorglich von metallnen Krallen Durchbohrt und aufgeschichtet. Nicht an Kärtchen, Bedeckt mit fleißigen, geheimnisvollen Aufschriften, in Schubladen hingelehnt, An großen Blättern fehlt' es nicht mit Ziffern, Auch nicht an Wein und köstlichen Zigarren. So herrschte Ordnung hier und Fülle. — Und Sie rauchten, lagerten auf Lederkissen, Nippten den Wein und sprachen vom Geschält; Denn als Geschäftsfreund war er eingetreten. *) Aus dem demnächst im Verlag Kurt, Wolff erscheinenden Gedichtband: „Das gelobte Land — Ein Buch der Hoffnungen". „In meinem Lande" fuhr der Hocherhabne, Des andern Seele zu ergründen, fort, „Gibt es ein Recht, nach sieben Jahren soll Die Arbeit ruhn und frei der Sklave sein.1 „Was für ein Land" empörte jener sich „Von Unverschämten und Verrückten ist Das Deinige? Bei uns ist nichts als Arbeit, Das ganze Leben lang, denn dazu ward Der Mensch gezeugt, ja gäb es Möglichkeit, Wir würden noch die Toten in den Sargen, Die wirklich ein Faullenzerleben führen, An irgend eine leichte Arbeit stellen, An eine Kurbel, die man wie im Traum Nur sacht zu drehn braucht. Arbeit macht gesund! Ich selbst arbeite, hab's nicht nötig, doch Bin früh der erste, nachts der letzte hier. So muß es sein. Sonst bringt man es nicht vorwärts. Reich will ich sein, noch reicher will ich sein, Nein, reicher noch. Ach, das ist eine Mühe, Glaub mir, der ärgste Sklave bin ich selbst. Bedauernswerter noch als meine Sklaven." „Der Freigewordene, der Sklave bleibt, Aus freien Stücken, — diesen hefte man Mit dem durchbohrten Ohr an einen Pfosten, Als Schändlichsten. So will es mein Gesetz." Und Mose hob die Hand, die war aus Nacht, Darin die scharfen Dornen eines Blitzes Zitternd aufwuchsen. Auch erdonnerte Die Erde, gierig sich zu öffnen und Das blitzgeschlagene, das Haus der Qual, Ja, alle Menschheit klaffend einzuschlingen — Dieselbe Erde, die den Korah schlang, Dieselbe Hand, die beide Tafeln brach, Schon drohten sie. — Da bildet sich im Aug Des Lehrers jenes Mädchens Auge ab, Das sehnsuchtsvoll von seiner Arbeit weg Zum klaren Himmel nach Erlösung sah Und Schönes fühlte, Kindlich-Richtiges. Und er hielt ein: „Da sie noch selber hoffen, Die Menschen, sollt ich sie vernichten?" — Ach, Ins eigne Herz, das liebeheißeste, Ist Hoffnung unauslöschlich ihm gesenkt Dem Manne Mose, und zugleich ein Wüten Und Schmerz um seine Kinder. Und er geht Mit leichtem Nicken weg, dem eine Träne Entfällt von solchem Glanz, daß der am Schreibtisch Geblendet aufbrüllt und zusammenstürzt. Welt-Echo Zionistische Flüchtlingsfürsorge. Die zionistischen Landeszentralen in den kriegführenden Ländern haben sich seit Beginn des Krieges der in ihrem Lande verbliebenen jüdischen Angehörigen feindlicher Staaten, die vielfach in größte Not gerieten, in dankenswerter Weise angenommen. In England arbeiten die Zionisten in einem allgemeinen Hilfskomitee, dessen Tätigkeit sich in erster Reihe auf die seinerzeit aus Belgien geflüchteten Juden erstreckt. In Deutschland hat das Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung in Berlin seine Fürsorge vornehmlich den in Deutschland verbliebenen palästinensischen Juden und den jüdischen Gefangenen zugewandt. In Oesterreich sind in Wien und Prag zionistische Hilfskomitees entstanden, die Hunderttausenden aus Galizien geflüchteten Juden Lebensmittel, Kleidung, medizinische Behandlung, juristischen

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