Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 25 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 201 Lande, das der Sitz der großen internationalen Verbände und Vereine ist, wo alle die humanen Bestrebungen der Welt in einem großen Ziele zusammenlaufen. Doch, wir können nur wünschen — andere Länder müssen für den Frieden a r - b e i t e n. In den jüdischen Kreisen herrscht außerordentliche Ruhe. Das Gemeindeleben geht zwar seinen alten, schweren Gang, aber die Vereinstätigkeit will nicht recht auf die Höhe gelangen. Es fehlt allenthalben die Stimmung hierzu. Man hat zu große materielle Sorgen, um sich für wichtige ideelle Fragen begeistern zu können. Die zionistischen Vereine leiden hier ganz besonders darunter. Der schweizerische Zionistenverband, dessen gegenwärtiger Sitz in Basel ist, hat seit dem Kriege geschwiegen und nichts für die Propaganda leisten können. Das liegt an der Internationalität der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz. Die Sympathien für das eine oder andere Land der kriegführenden Staaten gibt den Ausschlag und man fürchtet heftige Zusammenstöße bei den Debatten über die Aussichten der zionistischen Tätigkeit, wenn man heute laut davon spricht, daher die äußerliche Ruhe. Nach dem Kriege wird alles wieder lebhafter werden und im Lande der Zionisten-Kongresse ist der Zionismus noch immer leistungsfähig gewesen. Die meisten Vereine veranstalteten in diesem Winter auch keine Vortragsabende. Viele ihrer Mitglieder haben sich nach den verschiedenen Windrichtungen zerstreut, teils stehen sie an der Grenze, teils sind sie in die Heimat gezogen, um ihrer Militärpflicht zu genügen. Dagegen haben die Gemeinden eine sehr ernste Tätigkeit übernommen. In den schweizerischen Städten ist die Armut eines Teiles der jüdischen Bevölkerung sehr groß, namentlich bei den Eingewanderten aus dem Osten. Da bedarf es große Summen, um die Not zu lindern. Speziell in Zürich hat die jüdische Gemeinde außerordentlich hohe Ausgaben zu machen, um der momenr tanen Not zu steuern. Es wurde eine Suppenanstalt gegründet, die täglich mehr als 300 Personen die Kost verabreicht, die Armenpflege und die Fürsorge-Kommission verteilen in erheblichen Beträgen an alle unbemittelten Familien das für das Leben Notwendige. Es ist eine große Aufgabe für die jüdischen Gemeinden, um so mehr, da der Verdienst selbst bei den besser situierten Leuten sehr gering ist. Wenn die gegenwärtige Lage noch lange andauert, so ist eine Krisis zu befürchten. Mit etwas Erfreulichem möchte ich diesen kurzen Bericht schließen. Schon seit Jahren hat man hier mit dem Erziehungsrate zu kämpfen wegen der Schreibdispensen an den Sabbaten und Festtagen. Bisher war es beim Lehrer gelegen, wenn er es freiwillig zugab, daß das eine oder andere Kind am Sabbat nicht zu schreiben brauchte. Erst vor einigen Tagen hat der hohe Regierungsrat des Kantons Zürich definitiv entschieden, daß jedes jüdische Kind auf Ersuchen hin am Sabbat von manuellen Arbeiten in der Schule befreit ist. Was in Deutschland schon lange Gesetz ist, konnte hier erst nach langen Kämpfen erreicht werden. Ein kleiner, aber immerhin recht erfeulicher Erfolg in einer wichtigen Gewissensfrage. Dagegen besteht nach wie vor das Schächtverbot, und daß auch dieses in der letzten Zeit große Schwierigkeiten im Fleischbezuge macht, dürfte jedermann klar sein. Hoffen wir, auch in dieser Angelegenheit auf eine Aenderung in der Situation — nach dem Kriege. „Russen" *) Wieder einmal bringt uns der Ostwind Wehklagen von Märtyrern — das „heilige" Rußland feiert Blutorgien! Was wir, russische Juden, noch für unmöglich hielten, ist nun zur Tatsache geworden. Ueber die Schweiz ist mir von meinen Eltern die Nachricht bestätigt worden: „Sämtliche Juden aus K o w n o und mehreren Kreisen des gleichnamigen Gouvernements, sowie aus dem ganzen Gouvernement Kurland sind ausgewiesen worden." Es soll sich um 150 000 Juden handeln — Männer und Frauen, Greise und Säuglinge. . . Hab und Gut sind verloren, der Wohlstand vernichtet, Tausende und Abertausende werden jeder Existenzmöglichkeit für alle Zeiten beraubt! Aus alten Gemeinden mit hohen Kulturüberlieferungen ist durch den Federstrich eines russischen Generals eine Masse von Hungrigen, eine Herde gehetzter Tiere geworden. Die kinderreichen Familien schleppen sich voll Verzweiflung und Entsetzen und wissen nicht, wohin. Alle größeren Städte des Ansiedlungsrayons sind überfüllt, der Weg nach Westen ist gesperrt, das innere Rußland dürften sie nicht betreten. Und die Knute drängt. . . . Wo die Ausweisungen innerhalb 24 Stunden erfolgten, sind Hunderte von Kindern verloren gegangen. Obdachlos, vom zynischen Gelächter der Unterdrücker begleitet, schreitet ein ganzes Volk in bitterster Not, ohne Hoffnung, unbekannten Zielen entgegen. . . Wenn ich diese Zeilen niederschreibe, so tue ich es, weil mir das Herz blutet. Ich denke nicht nur an meine Eltern, Verwandten und Freunde, ich trage in meiner Seele die Leiden der Hunderttausende, die vom Unglück betroffen sind, der Millionen, die unter dem Damoklesschwert zittern . . . Nichts liegt mir aber ferner, als wohlfeiles „Mitleid", besonders bei meinen Stammesgenossen, erwecken zu wollen. Was nützt uns das Mitleid derer, welche uns innerlich fern stehen, für uns kein Verständnis haben und haben wollen, die sich im Rechte glauben, uns von oben herab zu betrachten, als „Ost-Juden" zu behandeln. Wenn sie den Aermsten von uns helfen, so wird in die „Zedokoh"-Pauke geschlagen, als wäre anderes gar undenkbar! Welche geistige Verheerung hat die durch die Tradition geheiligte jüdische Philanthropie vollbracht. Und nicht nur in den Reihen der Notdürftigen, deren Geist getötet wird — auch die Philanthropen kommen nicht unversehrt davon, indem sie jeden sozialen Sinn verlieren. Und so ist es möglich geworden, daß wir vielfach auch von unseren . Stainmesgenossen als „R u s s e n" bezeichnet werden,, wenn es bequem ist, die Erfüllung der sozialen Pflicht uns gegenüber als unpatriotische Tat zu verdammen. Fürwahr, selig sind die Satten, die so wenig Feingefühl bekunden! Interessant ist es, daß unser tragisches Schicksal noch für Komik sorgt. . . Denn früher wurde, zu unserem Nachteil, die Grenze zwischen dem Russen und dem Juden sehr deutlich gezogen. Man nannte uns „sogenannte Russen" (Herr B e c k h im bayerischen Abgeordnetenhause), man unterschied zwischen den echten, „feinen" Russen und uns, unechten (Siehe: Die Russen an den Hochschulen Deutschlands, zuerst als Artikel in der Münch.-Augsb. Abendztg.), man warf uns vor, Umstürzler (natürlich der russischen *) Wir behalten uns vor, zu diesen Ausführungen, die am 17. Juni in der „Münchener Post" erschienen, Stellung zu nehmen. (D. Red.)