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Das jüdische Echo · 1915-06-25 · 25 (25.6.1915) · p. Seite 200

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
25 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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chawerim." Ich weiß aus Erfahrung, daß einsichtige Kriegskameraden den organischen Zusammenhang von ewigem Ghetto, Schmutz, Pogrom und menschlicher Depravierung sofort erfaßten, wenn man ihnen Schlüssel zur Psychologie der Ostjuden gab. Aber nie vorher hatten sie sich die Mühe genommen, darüber nachzudenken. Warum auch? Und der Jude hier würde glücklich sein, wenn ihm Gelegenheit zum Aufstieg zuteil würde; er strebt nach Bildung, Sauberkeit, guter Erziehung, anständigem Gewerbe, akademischer Betätigung, nach Achtung und Respektierung. Segnend entlassen die Ostjuden den Soldaten aus dem Quartier, das sie ihm angenehm und bequem zu machen bestrebt sind. „Haschern jeworechecho wejischmerecho", so benedeiend stand der alte jüdische Patriarch auf der finsteren, halsbrecherischen Treppe, als im Morgengrauen der deutsche, der aschkenasische Jehudi auszog. Unvergeßlich ist diese kleine Szene. Den letzten Bissen Brot geben sie her, wenn Not gebietet. Sie fühlen, daß mit Hilfe des Herrn eine neue Zeit herannahen kann, und sie wollen den Helfern erkenntlich sein. Jedoch sie müssen leben, wenn auch nur vegetieren. Und wenn sie Handel treiben, so tun sie es in der Art, die sie gelernt haben, die ihnen aufgezwungen wurde, die ihnen ein Muß wurde im Dunkel der kotigen Straßen, unter der Knute, im Gefängnis russischer Verordnungen und Beschränkungen. Wer das vergißt, wird den Haupteingang zur Psychologie der Ostjuden verfehlen. Und mit diesem Eindringen in das den Deutschen beinahe unzugängliche historische und psychologische Gebiet wird wohl manches klar, was ein Mißverstehen der jüdischen Eigenart in diesen Ländern verursachte. Selbstredend sind die geistige Beweglichkeit und die ununterdrückbare Spiritualität der Juden hier schon bei den Kindern deutlich. Diese kleinen kaftanbewehrten Bürschchen mit ihrer etwas schnellen Sprache und dringlichen Arbeitslust, ihrem Erwerbseifer, müssen sofort auffallen. Und jeder Gutmeinende muß gestehen, daß eine sehr wertvolle Menschensubstanz da in der muffigen Enge des Knutentums zum Verkümmern verurteilt war, daß in diesen jungen, brauchbaren, vielversprechenden „Handelsjuden" dem bleibenden Herrn dieser Landstriche ein Zukunftsmaterial geboten wird, dessen Verwendung zum Guten in seiner Hand liegt. Und mancher jüdische Knabe hat durch Brauchbarkeit, ehrliches Tun und Energie schon jetzt in kurzer Zeit Umwandlungen im Urteil Unvoreingenommener geschaffen. Die Bio-Psychologie der Juden im Kriegsgebiet ist historisch leicht zu verstehen. Anders nicht. Wer nicht erkennt, daß hier bei den Ostjuden edle und wertvolle Instinkte, große geistige und materielle (physische) Eigenschaften durch Vergewaltigung derV Jahrhunderte „abgebogen", bewußt und wie nach Plänen von Sklavenzüchtern und grausamen Tyrannen absichtlich verdeckt, zermürbt und geknechtet wurden, der hat wenig historisch-biologisches Einfühlungsvermögen und entbehrt wohl auch des guten Willens. Selbst jetzt wird noch durch Regierungsbestimmungen, wie Wohnungsentrechtung, Prozentnorm, Pogromanfachung, Demütigungen, Ausschluß aus der Beamten- und Offizierskarriere und so vieles andere, bewußt in dem Sinne einer moralischen Depravierung der Juden im russischen Gebiet gearbeitet. Welches Volk außer den Juden hätte eine solche systematische Entmenschlichung durch Jahrhunderte ausgehalten? Und welches Volk hätte sich eine solch wundervolle Elastizität, eine Regenerationskraft, die nur freie Entwicklungsmöglichkeit für eine Generation verlangt, bewahrt? Man schaue nach unseren palästinensischen Kolonien und vor allem nach Amerika, wo die zweite Generation dieser hier zersprengten und entrechteten Massen ein Volk repräsentiert, das an physischer und seelischer Untadeligkeit seinesgleichen sucht! Hier liegt des Problemes Lösung. Die Psychologie der Ostjuden muß von den neuen Erlösern, den kommenden Eignern der Landstriche auch national-jüdisch, im Sinne des Zionismus erfaßt werden, historisch und organisch. Dann werden sich gebieterisch die Richtlinien von selbst herausheben, nach denen eine Neubelebung dieser Millionen, eine Neuwertung und Brauchbarkeitsvervielfachung dieser Ostjuden sich ergibt. Das mögen die, welche das Land als Erbe und Erwerb nehmen, intensiv erkennen, und sie werden dort in den regenerierten Juden der Zukunft den besten Bestandteil eines kommenden Staatengebildes, welcher Art es auch sei, finden. Brief aus der Schweiz Von Dr. David Strauß, Zürich. Gegenwärtig ist es nicht so schön in unserem Berglande wie in Friedenszeiten. Wir leiden durch den Krieg, trotzdem hier der tiefste Friede herrscht, ganz außerordentich. Das liegt daran, daß die Schweiz ein wenig produktives Land ist und daher vollständig von der Einfuhr von Lebensmitteln abhängig ist. Gegenwärtig nun machen alle Länder gewisse Schwierigkeiten bei der Einfuhr und verteuern uns die notwendigsten Haushaltsbedürfnisse. Das stimmt die Schweizer sehr ernst, um so mehr, da sie ihren Pflichten als Neutrale sehr strenge nachkommen. Ich möchte gleich bemerken, daß in der deutschen Schweiz die Sympathie für Deutschland sehr stark hervortritt, während im Welschland das gerade Gegenteil deutlich zu bemerken ist. Immerhin wäre auch der deutschen Regierung sowohl als der Geschäftswelt zu empfehlen, diese sympathischen Zuneigungen von Seiten der Schweiz zu stärken durch die Erlaubnis der Zufuhr von sämtlichen Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln, welche die Schweiz bisher schon aus Deutschland bezogen hat. Der Krieg kann nicht ewig dauern und nachher dürften die deutschen Kaufleute recht froh sein, wieder ein volles und gutes Absatzgebiet für ihre Waren und Fabrikate in der Schweiz zu finden. Wie schon bemerkt, wir leben in großen Sorgen und unser Land leidet durch den Krieg ebensoviel wie die kriegführenden Staaten, wenn auch Menschenleben dabei nicht verloren gehen. Das Heer hält treue Wacht an den Grenzen und mit Stolz dürfen wir es sagen, daß die jüdischen Soldaten und die zahlreichen judischen Offiziere des eidgenössischen Heeres mit aufopfernder Begeisterung ihre volle Pflicht gerne tun. Einige von ihnen stehen nun schon seit sieben Monaten an der Grenze, vernehmen dort den Kanonendonner aus der Nähe und mögen mit sehr gemischten Gefühlen das Endergebnis dieser schweren Kämpfe herbeisehnen, denn auch sie möchten wieder lieber ihrer täglichen Arbeit nachgehen, als draußen im Felde leiden und wachen. Hier sehnt man sich in allen Kreisen nach dem Frieden. Das ist begreiflich in einem

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