Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 25 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 199 Versammlung gewinnen. Also, folgerte man, sei die Voraussetzung für den Erwerb des Wahlrechts in einer Gemeinde, daß dieser Gemeinde mindestens 3 Jahre lang Steuern gezahlt worden seien. Das Gesetz aber bestimmt lediglich als Voraussetzung für den Verlust des Wahlrechts: daß ein Steuerzahler während der letzten drei Jahre mit der Zahlung in Rückstand gekommen ist. Wer in hiesiger Gemeinde nicht zur Steuer veranlagt war, kann nicht mit der Zahlung in Rückstand gekommen sein und mit dem Verlust des Wahlrechts bestraft werden. Auf Anfrage der Berliner Gemeinde hat nun der dortige Polizeipräsident nach Befragung des Ministers sich für die Berliner Gemeinde entgegen einer 67jährigen Praxis dahin ausgesprochen, daß eine dreijährige Wartezeit Voraussetzung des aktiven Wahlrechts bilde. Indes hat R.-A. Dr. Kollenscher kürzlich im „Verwaltungsarchiv" mit unwiderleglichen Gründen die Unrichtigkeit dieser Ansicht dargetan. Es ist nicht zu befürchten, daß die bisherige Praxis sich ändern werde. Die Rechtslage ist so klar, daß man einer Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgerichts mit Ruhe engegensehen kann. Zur Biologie und Psychologie der Ostjuden unseres Kriegsgebietes Von Bataillonsarzt Dr. S p i e r in München, zurzeit im Felde. Wer den Dingen nicht graden Auges ins Antlitz zu schauen wagt, wird nicht imstande sein, zu bessern und überhaupt zu wirken. Und wir dürfen uns nicht scheuen, die Juden polnischen Osttyps, die homines novi, einer biologisch-psychologischen Betrachtung und womöglich notwendigen Läuterung zu unterziehen. Die Ostjuden sind zweifellos ein Menscheuschlag von außerordentlich reicher geistiger Begabung und großer Gemütstiefe. Jedoch ihre Lebensäußerungen sind den andersrassigen Individuen meistens unverständlich; Mißdeutungen gröbster Art können entstehen. Es ist nicht zu leugnen, daß der deutsche Soldat, der Deutsche hier überhaupt das Gros der Ostjuden nicht für vollwertig nimmt, zum Teil für lächerlich, zum Teil für abstoßend hält. Natürlich würde er, wenn ihm die Psychologie und das historische Werden, die aus Milieu und innerem Zwang, entstandene Sonderentwicklung der Ostjuden bekannt wären, wesentlich anders urteilen. Die große Masse der hier lebenden Juden ist arm. Es sind beträchtliche Reichtümer in einzelnen Familien vorhanden, jedoch das sind Ausnahmen, verschwindende Erscheinungen, die wohl aus der Menge heraus ins Auge fallen. Der Kleingewerbe- und Kleinhandeltreibende, der hier das Hauptkontingent stellt, kann nur arm sein. Sicher wird hier vieles, was den Lesern längst vertraut ist, erörtert werden. Aber der Vollständigkeit halber darf es nicht übergangen werden. Der enorme Wettbewerb, das erhöhte Angebot der Arbeitskräfte hat hier die Arbeitsentlohnung gedrückt. Das eiserne Gesetz der Volkswirtschaft von Angebot und Nachfrage erfährt hier eine traurige Erhärtung. Die überfüllten Großbetriebe, Schneiderwerkstätten und Fabriken (swaetfactories wie in Amerika, wo sich in den Ghettis noch östliche Zustände leider allzu konservativ erhalten) züchten ein jämmerliches jüdisches Arbeiterproletariat. Das enorme Elend verursacht starke Auswanderung. Die ökonomische Zwangsniederhaltung ist der letzte, immer ausschlaggebende Faktor, wie leicht nachzuweisen ist. Die elende Lebenshaltung der Ostjuden, die schlechten äusseren materiellen Bedingungen, der historische Werdegang, der eine Kette von Bedrückung und Vergewaltigung darstellt, alles das erläutert die jetzige Situation und lässt manches verstehen., was in den Eigentümlichkeiten der Ostjuden dem Außenstehenden abstossend dünkt. Die Menschen sind sehr bescheiden und stellen sehr geringe Anforderungen ans Leben. Ihre Begriffe von Reichtum sind nicht Rothschildscher Art. Ein armer Jude, der mit seinen zwei Kindern in den von Deutschen belegten Dörfern einen kärglichen Hausierhandel trieb, unter allerlei Schwierigkeiten, abgerissen und elend, entschuldigte sich und meinte: er sei früher reich gewesen und stets schön gekleidet gegangen. Er sei Schochet in L—o gewesen. (Das Oertchen war jetzt total zerschossen und verlassen.) 70 Mark habe er in der Woche verdient, reich sei er gewesen, ein Kozen..... „Gott wolle wieder die guten Tage bringen!" Das war sein Begriff von Reichtum. Mehr wollte er nicht. Man muß das Leben reden lassen. Es bedarf keines Kommentars. Man braucht nur das wimmelnde Kleingetriebe eines russisch-polnischen Städtchens zu beobachten und man wird ein warmes Mitgefühl mit diesen geplagten Stammesgenossen empfinden müssen. Aber man wird trotzdem verstehen, wenn sich eine deutliche Abneigung gegen die Juden und ihr Gebahren bei den Außenstehenden, den deutschen Soldaten entwickeln kann, das sofort verschwindet, wenn man Gelegenheit hat, sich aufklärend zu betätigen. Vor allem: Die Masse der Juden sucht hier überall durch Detailhandel und kleine Dienste das Leben zu fristen. Und daß dabei Ueberforderungen, Differenzen mit den Käufern und Arbeitgebern entstehen, ist verständlich. Ein reelles Handeln mit festen Preisen ist in Russland — Halbasien — unbekannt. Im Osten, im ganzen Orient gibt's dergleichen nicht. Jeder, der dort gereist ist, weiß, welche ungeheuerlichen Szenen sich in Arabien, Persien, China, Indien, Japan usw. abspielen, wenn einer nur das Geringste beim Autochthonen kaufen will. Ueberforderung, Handeln, Preisdrücken ist organisch, im Laufe der Jahrhunderte Volksnotwendigkeit geworden. Man nennt es dort „selbstverständlich" — und ärgert sich weiter nicht. Genau so ist's in Russisch- Polen. Der arme Kleinarbeiter, der Handelsjude, sucht aus dem Jammererwerb so viel wie möglich zu ergattern. Der Unterschied ist nur, daß man hier dem kein Verständnis entgegenbringt. So kommt es, daß vielfach unsere Stammesgenossen sich und uns schädigen. Hier muß entschieden durch Aufklärung und Erziehung gewirkt werden. Durch die jahrhundertelangen Ghetti und den Zwang zum allerwinkelzügigsten Kleinhandel ist den geistig hochstehenden Ostjuden eine häßliche Art des Betriebes eigen geworden, die leicht wieder, als nicht immanent, entfernt werden kann. Das wird dem Ansehen der Juden nicht nur dort, sondern auf der ganzen Welt nützen. „Kol Jisroel