Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 24 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 194 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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194 Das Jüdische Echo Nr. 24 ding das' die Zeitung sol gedrückt sein mit der selber schrift wie ihre vorige Zeitung schreiben sie mir ihre Bedingungen, das Blatt dürf so hergeschtelt sein wie, das Deutsche Berliner Tage Blatt. X. Y. ich kann auch sehr fiel anonssen für die Zeitung auf geben." Berichtigung Die Nachricht vom Hinscheiden Dr. J. Chazan ow i c z ist dementiert worden. Wir wie alle Freunde der von ihm geschaffenen Nationalbibliothek in Jerusalem freuen uns, daß die Nachrufe der jüdischen Zeitungen zu früh geschrieben wurden. Aus ihnen erklang überall die volle Würdigung des Werkes, dem sich Chazanowicz sein Leben lang uneigennützig gewidmet hat. Hoffentlich erzielen sie das Gute, daß dem Schöpfer, solange er lebt, und seiner Schöpfung, solange sie nicht gesichert ist, die Aufmerksamkeit geschenkt wird, die beiden gebührt. Feuilleton Ein Bild aus dem Warschau von Heute Von Schalom Asch. Ueber die Strassen von Warschau ziehen sich in langen Reihen traurige Menschen hin: die Opfer des Krieges. Es gehen Juden mit zerrissenen Kleidern, ihren Sabbathhut auf dem Kopfe, auf den Schultern und in den Händen ihre Habseligkeiten: das bekannte Bündel Bettwäsche in dem Leinensack. Hier hat sich einer vergessen und trägt in seinem Sack sein Sabbathkleid und das „Seidene" seiner Frau, und oben aus dem Sack schaut die neue Perrücke hervor. Ein anderer Jude hält zwei silberne Sabbathleuchter in der Hand, unter dem Ai;me einen Machsor — das hat er für die Kostbarkeiten gehalten, die er retten mußte, als man ihn aus seiner Heimat gejagt hatte. Die größeren Knaben gehen neben ihren Vätern her. Viele von ihnen helfen beim Tragen der Last — eines Päckchens Leder aus dem Laden, eines Bündels Ware. Doch die meisten von ihnen tragen die großen Folianten, den Talmud, die Bibel, die sie aus dem Bücherschrank ihres Vaters gerettet, als der Befehl erteilt wurde, im Verlaufe zweier Stunden das Städtchen zu räumen, und als man in der Eile nicht wußte, was zu retten. Die kleineren Kinder gehen mit ihren Müttern, halten sich an ihre Schürze oder helfen ihnen, die Säuglinge zu tragen. Am energischsten sind die Mädchen, die zehnjährigen, die achtjährigen und sogar die siebenjährigen: Sie vertreten die Mutterstelle an den ganz Kleinen, halten sie während des ganzen Weges und beruhigen sie mit dem Gesänge ihrer Lieder. Unter den Frauen und Kindern geht auch Chajim Fischer. Das ist ein alter, müder Jude mit einem verbrannten Gesicht und lockigem Haar. Er trägt, wie die Frauen, ein Kind, eine Thorarolle, die in einen Gebetmantel gehüllt ist. Sein Kind ist jedoch ein fremdes Waisenkind: Die Thorarolle hat der Verein „Psalmen'* schreiben lassen. Er hält sie wie ein Kind, denn eine eigene Thorarolle besitzt er nicht. Er hat sich nicht dazu verstehen können, sie, wie die anderen es getan haben, auf den Wagen zu legen, sondern er geht mit den Weibern, die ihre Kinder tragen und hält sein Heiligtum in den Händen. - Und wenn man ihn fragt, „Chajim, wie geht es deinem Kinde?", da küßt er seine Thorarolle und erwidert: „gut". Unter der Gemeinde vor dem Wagen geht der Rabbi aus der Stadt, an seiner Seite der Richter und der Vorbeter. Der Rabbi ist wie ein einfacher Jude gekleidet in einen kurzen Bauernpelz. Sein einziges Oberkleid hat er abgelegt und damit die Thörarollen im Wagen oedeckt. Und da es auf dem längen Wege, den sie von ihrem Stadtchen zu gehen haben, geschneit und geregnet hat, hat ihm Moses der Fleischer keine Ruhe gelassen, bis er seinen Pelz genommen hatte. Der Bart des Rabbi zittert und die erschreckten jüdischen Augen, die aus dem edlen Gesichte blicken, scheinen die Sonne zu fragen: „Warum?" Mit Achtung und Mitleid schaut die Gemeinde auf ihren Rabbi, hofft, daß er ihnen sagt, weshalb und wie lang — doch der Rabbi schweigt. Als erster wendet sich an den Rabbi Salmann der Makler, der als der Frechste in der ganzen Stadt gilt. Auch hier hat er seine Art nicht verlernt und schreit zum Rabbi herüber: „Rabbi, zuerst Brot für die Kinder" und der Rabbi erwidert: „Nun, wir kommen ja zu Juden." Hinter dem Rabbi, in der Mitte der ganzen Gemeinde geht der Wagen, langsam, wie die heilige Lade, die die Juden auf dem Wege durch die Wüste geführt haben. Um den Wagen herum gehen die Vornehmsten aus dem Städtchen und helfen den Wagen zu ziehen; denn das „jüdische" Pferd des Kutschers Nothe, das einzige Pferd, das man hat die Juden mitnehmen lassen, ist schon ganz müde geworden. Sie tun es gern. Der Wagen ist ja mit Heiligtümern beladen, er ist bepackt mit den Thörarollen aus allen Synagogen, Schulen, die es in dem Städtchen gibt, und diese wieder sind mit Gebetmänteln und den Thorakronen bedeckt. Bei den Thörarollen, in einer Ecke des Wagens, liegen auch die zwei Leichen — die beiden Kinder, die den langen Weg nicht überlebten, da sie die Schneegestöber und die Regengüsse nicht aushalten konnten. Dem Wagen folgen die Mütter der Toten wie die Trauernden, dem Sarge. In einer anderen Ecke des Wagens, abseits von den Leichen und von den Thörarollen liegt Aharon-Mosches Braut, den Kopf mit einem Tuch verdeckt; denn seitdem ihr jenes Unglück geschah, seitdem man sie halbtot in dem Stalle unter den Pferden gefunden hatte, in dem die Kosaken standen — seit jener Zeit will sie nicht mehr die lichte Sonne sehen und hält ihr Gesicht verdeckt ... Als man plötzlich die Juden aus dem Städtchen trieb, wußte man nicht, was mit dem Mädchen zu tun sei. Denn von jenem Unglück ab lag Aharon-Mosches Braut im Bett, den Kopf in ein Tuch gewickelt, und ließ keinen zu sich. Der Rabbi selbst ist gekommen, hat das Mädchen auf seinen eigenen Händen auf den Wagen getragen •t.ild sie neben die Thörarollen gelegt. Und als einige angesehene Männer den Rabbi erstr.nit anblickten, wie um zu sagen: „Sie zusammen mit den Heiligtümern!", da sprach der Rabbi leise zum Richter: „Auch sie gehört zu den Reinen und Heiligen und sie verdient es, neben den Htii1,gtümern zu liegen — denn sie ist eine jüdische Märtyrerin." (Aus dem Jiddischen von A. Horodisch.)