Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 24 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Das Jüdische Echo Nr. 24 nigen Dank für die treue Mühewaltung bei der Drucklegung. Mögen sie alle ihren Lohn finden in dem Bewußtsein, daß sie beitragen: l'hagg'dil Thora w'ja adir! Thorakenntnis in Israel zu verbreiten! Hillel und Schammai1) Zur Zeit des Herodes lebten die großen Lehrer Hillel und Schammai. Als Gabinius das Synhedrium aufgelöst hatte und auch Schemaja und Abtaljon nunmehr gestorben waren, hatten Glieder der Familie Bne Bethera sich der Betätigung aller jener Aufgaben unterzogen, welche das Synhedrium bei der Leitung des Volkes zur Au&- führung zu bringen hatte; um aber auch die mit dem Synhedrium eng verbundene Lehrtätigkeit nicht untergehen zu lassen, war die Metibta2) Schammai unterstellt; sie blieb die alleinige in Jerusalem, bis Hillel dort erschien. Hillel, ein Sproß des davidischen Königshauses, war in Babylon geboren; dort verlebte er auch seine Jugendzeit, und dort legte er den Grund zu seinem umfangreichen Wissen. In frühem Mannesalter kam er nach Jerusalem, um sich dort an der Stätte des Synhedriums Bestätigung für einige religionsgesetzliche Entscheidungen zu holen und zugleich, um sein Wissen zu vertiefen. Er besuchte das Lehrhaus von Schemaja und Abtaljon. Nach kurzer Zeit, als nach dem Tode der Königin Salome unter Hrykan und Aristobul von neuem Wirren in Palästina entstanden, kehrte er wieder nach Babylonien zurück und blieb dort eine lange Reihe von Jahren, immer weiter lernend und lehrend. Als er darauf den Entschluß faßte, nach Palästina auszuwandern, waren bereits so viele Jahre seit seiner ersten Reise nach do<rt verstrichen, daß er den damals lebenden Gelehrten unbekannt war und man von ihm nur zu erzählen wußte: „Ein Babylonier ist angekommen, mit Namen Hillel." Die Zeiten waren inzwischen immer trüber geworden, und trotz Schammais Tätigkeit und trotz der uneigennützigen Bereitschaft der Bne Bethera, alle Pflichten auf sich zu nehmen, die ein Nassi erfüllen mußte, hatte sich die Gelehrsamkeit vermindert, noch mehr aber die Sicherheit in der Ueberlieferung sowohl des Textes als der Erläuterung der Mischna. Da erschien Hillel als Retter in der Not; er schien von Gott gesandt, um die Thora im heiligen Lande wieder zu neuer Blüte zu bringen. Er vereinigte in sich einen solchen Wissensreichtum, daß er bei seinem Erscheinen das Staunen der Palästinenser erregte. „Alle die großen und verschiedenartigen Kräfte, welche ein Volksführer besitzen muß, waren in ihm vereinigt und fügten sich seinem großen Wissensreichtum ein. Seine große, wunderbare Seelenruhe, die alles übersteigende Reinheit seines Charakters, seine kurzen und prägnanten Lehren, die tief ins Herz drangen und ihm Kraft und Ausdauer einflößten, sein weiter, aus der Thora geschöpfter Blick, der alles überschaute, was Israel betraf, seine durchdringende Kenntnis der Welt und der Bedürfnisse der Men- *) Probe aus Kotteks „Geschichte der Juden". S. die Anzeige Dr. J. Bamberger. 2) Die Metibta war die offizielle Schule, zu deren Sitzungen alle Gelehrten mit ihren Schülern erschienen; sie darf nicht mit den gewöhnlichen Schulen, die ausschließlich der Unterweisung der Schüler dienten, und deren es stets eine große Anzahl gab, verwechselt werden. sehen, das alles gewann ihm die Herzen. Das Volk fand in ihm die feste Säule, an die es sich lehnte, den Lebensgeist, der ihm Kraft und Stutze verlieh." , Die Bne Bethera erkannten sofort, daß der Mann gekommen sei, der allein fähig war, das Amt des Führers in Israel, des Patriarchen, zu übernehmen, und sie traten bescheiden von ihren Obliegenheiten zurück. Hillel wurde Nassi, und bald sammelte er eine Menge von Schülern und Lehrern, die sich unter seiner Leitung dem Studium der Gotteslehre widmeten. Da aber noch kein Synhedrium ins Leben gerufen werden konnte, in welchem die Patriarchenwürde mit der Lehrtätigkeit sich vereinte — denn auch Herodes hielt die von seinem Vater Antipater veranlaßte Aufhebung des Synhedriums aufrecht —, konnte und durfte Hillel nicht als Nassi, sondern anfangs nur unter dem Namen Resch Metibta seine Lehrtätigkeit entfalten. Weil es nun aus demselben Grunde gefährlich war, die Metibta von Schammai auf Hillel zu übertragen, um nicht den Verdacht bei Herodes zu erwecken, als gelte es, das alte Synhedrium unter Hillel als Nassi wieder erstehen zu lassen, und weil man auch dem gelehrten Schammai Rücksicht schuldete, trat mit einem Male jene neue Erscheinung zutage, daß zu gleicher Zeit zwei Metibtas in Jerusalem wirkten, je eine unter Hillel und Schammai, die sogenannten Beth Schammai und Beth Hillel, in denen beiden eifrig die Thora studiert wurde. Merkwürdigerweise brachte Herodes den beiden großen Lehrern Hochachtung entgegen und störte auch ihr Lehren und Wirken nicht, da es seine politischen Absichten nicht störte. Mit Hillel und Schammei beginnt die Periode der T a n n a i m , der Mischnalehrer. Bis zu ihrer Zeit hatte der von den Ansehe Kenesseth Haggedola überkommene Mischnatext genügt, der in kurzen Sätzen den mündlichen Traditionsstoff des Judentums zusammenstellte; es. bestanden über die einzelnen Satzungen keine Meinungsverschiedenheiten, und auch in der Erklärung der Satzungen und in deren Ausdehnung auf neue Lebensfälle konnten keine bleibenden Divergenzen entstehen, stellte doch das Synhedrium überall die feste Norm und die allein gültige Erklärung der Mischnasatzungen her. Jetzt aber war es anders geworden; durch die lange Kette von Leiden, die seit der Zeit der Suggoth Jsrael heimgesucht hatten, war das Wissen zurückgegangen, und in den mündlichen Ueberlieferungen zu dem feststehenden Mischnatexte waren Zweifel und Meinungsverschiedenheiten entstanden, die hauptsächlich noch dadurch gefördert wurden, daß viele Gelehrte innerhalb Palästinas unstät umherwandern mußten und andere sich gezwungen sahen, nach fernen Ländern auszuwandern, wohin ihnen dann ihre Hauptschüler folgten. Dadurch wurde die Einheitlichkeit in bezug auf die Erklärung der Mischna nicht nur sachlich, sondern auch äußerlich, in der Ausdrucksweise gestört, und es bildeten sich in bezug auf sie auseinandergehende Erklärungen und Lesarten. Als Hillel dann neben Schammai an die Spitze einer eigenen Metibta trat, vereinigten sich beide, um diese Verschiedenheiten zu beseitigen und wieder die frühere Einheitlichkeit herzustellen; in den meisten Fällen gelang ihnen ihr Vorhaben vollkommen; dort jedoch, wo sie zu keiner Einigung kamen, überlieferten sie beide Ansichten, welche von jener Zeit beim Studium der Mischna mitgelernt wurden; sie stellen aber durchaus nicht die persönlichen Ansichten Hilleis und Schammais dar, sondern