Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 23 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Das Jüdische Echo Nr. 23 Mal gehen wir gleich auf die andere Seite und schmeißen ihm das ganze Haus kaput." Und er schlüpfte unhörbar leise wieder davon. Aus dem halboffenen Flur aber tönten die hellen Stimmen der Schwestern heraus; ein wiegender Singsang: „Jakoble komm, Jakoble komm! Wo bin ich? Such mich — such mich — Jakoble, komm — komm —!" Und er eilte in den Flur, die Schwestern hinter dem Treppenaufgang zu suchen. Kriegshumor*) Das Alte und das Neue Testament. Ein französisches Armeekorps begleiten ein katholischer Pfarrer und ein jüdischer Rabbiner. Pater Narp und Rabbi Ginsburger sind immer zusammen und spenden den Sterbenden letzten Trost bis in die vorderste Linie. Einstmals kamen sie völlig ermüdet in ein Dorf, wo nur noch ein einziges Bett zu haben war. So legten sie sich denn beide zusammen angezogen hinein, um zu schlafen. Da wandte sich der Pater zu dem Rabbiner und sagte: „Schade, daß uns nicht so ein Photograph knipsen kann: das Alte und das Neue Testament schlafend in demselben Bett." Micha 4, Vers 13. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich etwas abergläubig veranlagt bin. Gestern nacht schlug ich die alte Hausbibel auf, und meine Augen fielen auf Micha 4, 13: „Mache dich auf und dresche, du Tochter Zion, denn ich will dir eiserne Hörner und eherne Klauen machen und sollst viele Völker zerschmeißen." Hierdurch beruhigt, legte ich mich zu Bett und tat einen langen gesunden Schlaf. Börsenbericht August 1914. Industrie-Aktien. Deutsche Waffen — stürmisch. Benz — gefragt. Norddeutsche Leut — stramm. Süddeutscher Jud — avancierend. Lindes Eis — kalt. Minen — höher gehend. Amerikaner — abwartend. Welt-Echo Enver-Pascha über die jüdischen Soldaten in der türkischen Armee. Der Kriegskorrespondent einer angesehenen Zeitung wurde vom Anführer der türkischen Armee, Enver-Pascha, in Audienz empfangen. Der Oberkommandant sagte im Gespräch mit dem Korrespondenten folgendes über die jüdischen Soldaten, die in der türkischen Armee dienen: „In der türkischen Armee gehören die Juden zu unsern besten Soldaten. Jeder ist auf seinem Posten und ihre Tapferkeit ist allen bekannt. Gegen ihren Todfeind, Rußland, kämpfen sie mit fanatischem Haß. Es ist verständlich, daß unter den höheren türkischen Militärpersonen sich viele jüdische Soldaten befinden. Sichon während des Balkankrieges hatten wir Gelegenheit zu sehen, mit welchem Heldenmut *) Aus dem ersten Teil des so betitelten von Eberhard Buchner in der Sammlung „Langens Kriegsbücher" herausgegebenen Bändchens. Verlag Albert Langen, München. Klein 8°. 144 S. M. 1.—. die jüdischen Soldaten kämpfen und wir geben ihnen auch die höchsten militärischen Stellen. Einer meiner Flügeladjutanten ist ein Jude. Die Ergebenheit und Treue der Juden ist sehr groß und neben den türkischen Soldaten sind sie die besten. Auch ihre Intelligenz bringt uns großen Nutzen." Antisemitismus in Oesterreich. Die Budweiser antisemitischen Blätter erfanden das Märchen, daß in der dortigen Synagoge und im jüdischen Friedhof viel Mehl verborgen sei. Der Kultuspräsident verlangte daraufhin eine Revision dieser Oertlichkeiten, um die antisemitischen Lügen bloßzustellen. Die Budweisir Bezirkshauptmannschaft warnte die Blätter vor weiterer Verbreitung solcher Nachrichten und drohte mit Strafen. Es ist traurig, daß der Kultuspräsident sich erniedrigen mußte, eine solche Revision zu verlangen. Galizische Flüchtlinge. In den gleichen Tagen, an welchen der ungarische Reichstag in Budapest den Sieg der österreichisch-deutschen Waffen in Westgalizien feierte, wurden die galizischen Flüchtlinge aus Budapest abtransportiert. — In Villach (Kärnten) fand eine Versammlung von Touristenvereinen statt, welche gegen die Niederlassung galizischer Flüchtlinge in den Kur- und Touristenorten Kärntens protestierte. Bei der Versammlung waren einige Bürgermeister und zwei Reichstagsabgeordnete anwesend. Wie ein Kärntner Lokalblatt meldet, hatte der Protest Erfolg. Die Touristen wurden von der „Flüchtlingsgefahr" befreit. Jüdische Kriegsgefangene in England. Von London wird gemeldet: Das englische Kriegsministerium hat die Bitte des englischen Board of Deputies, die kriegsgefangenen deutschen und österreichischen Juden mit Koscherfleisch zu versorgen, abgelehnt. Diese Absage rief unter den englischen Juden viel Verdruß und Kränkung hervor. Das russische „Vaterland". Eine der neuesten Verordnungen gegen das jüdische Volk in Rußland ist das Verbot, welcnes die russische Zensur herausgab: nicht die vollen Namen der jüdischen Helden anzugeben, welche sich auf dem Schlachtfelde ausgezeichnet haben. Die Regierung will nicht, daß das russische Volk die großen Opfer erkenne, welche die Juden in diesem Kriege darbringen. Im „Nowi Woschod", der russisch-jüdischen Wochenschrift, sind daher die Helden jüdischer Abstammung nur mit ihren Anfangsbuchstaben genannt. Judenhetze in der litauischen Presse. Die litauischen Zeitungen bringen in letzter Zeit fortgesetzt Schmähartikel gegen die Juden und Nachrichten, welche den Zweck haben, die Juden als Vaterlandsverräter und Betrüger hinzustellen. Es scheint, daß sich die litauischen Polen durch ihren Antisemitismus das Wohlwollen der „echten" Polen erwerben wollen. Die Meinung der litauischen Bevölkerung über die Juden wird durch solche Verläumdungen vergiftet. Medem zu Zwangsarbeit verurteilt. In Moskau fand der Prozeß des bekannten bundistischen Führers W. Medem statt, welcher wegen revolutionärer und sozialdemokratischer Tätigkeit angeklagt war. Er ist zu 3 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Mit ihm zusammen wurden noch drei Mitglieder des „Bundes" zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien verurteilt.