Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 23 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 185 wegführte, da wären sie auch weiter gegangen, quer übers Feld, und jeden Menschen, den sie trafen, hätten sie gegrüßt, und es wäre so wunderschön gewesen, besonders an der Mellzuche. Herr Qrau hörte aufmerksam zu und fragte Jakoble noch um die Einzelheiten des Erlebnisses, und Jakoble tat es wohl, all das Schöne, was er erlebt hatte, mitzuteilen. Er wurde wirklich froh. Während dieser Unterhaltung vor der Tür des Ladens, räumte Onkel Louis und Tante Hulda im Innern auf. Und die Tante sagte: „Geh, es ist doch ein Unrecht, das Jungchen so anzuziehen. Wir müssen doch da einen Matrosenanzug haben. Es ist ein Muster. Die Bauern werden es nicht kaufen. Hier unten muß es wo hängen. Man möchte es dem Kinde geben." Sie fand es und rief: „Jakoble, komm, mein Kind. Zieh nur schnell das Kleidchen aus." Und Herr Grau sagte: „Soeben ging die alte Frau Löb in den Laden drüben hinein." — „Macht schnell, sagte Onkel Louis, meine Tante Channe wird eine Freude haben. Das wird ein Spaß." Und sogar Herr Grau half mit seinen alten Fingern den Knaben anziehen, dazwischen lief er immer wieder heraus, um zu sehen, ob die alte Frau Löb noch nicht wieder käme. Jetzt rief er in den Laden zurück: „Schnell, schnell, die alte und die junge Frau Löb stehen drüben in der Tür." Jakoble war fertig angezogen. Der Onkel fragte ihn noch eilig: „Was wirst du sagen, mein Kind?" Jakoble antwortete: „Das ist mein Jahrmarkt von Onkel Louis und Tante Hulda." — „Und was wirst du von mir bestellen?" fragte Herr Grau. „Der Herr Grau läßt grüßen und bitten, die Mädelkleider zu verbrennen," sagte Jakoble. Dann küßte ihn die Tante Hulda und hob ihn vom Tisch herab und alle begleiteten ihn auf den Markt heraus, und sie stellten sich nebeneinander in einer Reihe auf, mitten auf dem Markt und am Rathaus vor dem Laden, das Schauspiel zu genießen. Drüben aber standen wirklich Jakobles Mutter und Großmutter in der Ladentür und diese sagte: „Ja, mein Kind, mein Sabbath ist, Gott sei gelobt! angerichtet. Das Mädel scheuert und wollte mich nicht helfen lassen." — „Sie ist jung, laßt sie machen," sagte ihre Schwiegertochter. „Emiliei" sagte wieder Frau Channe, „was stehen da Louis, Hulda und der alte Grau und lachen?" „Seht nur, Mutter, kommt dort nicht Jakoble?" „Wo?" fragte noch die Großmutter. Aber Jakoble kam wirklich und im Bewußtsein seiner neuen Knabenwürde kam er gravitätisch mit leichtem Schlenkern der kleinen Arme. Und er veränderte die Hoheit seines Ganges nicht, als Mutter und Großmutter wie aus einem Munde mit fröhlichem Stolz riefen: „Jakoble, Jakoble, komm!" Da aber stürzte Zierel aus dem Haus und lief dem Bruder entgegen und machte einen tiefen Knix vor ihm und Jakoble machte eine Verbeugung, wie sie es ihm gezeigt, und Zierel machte sich klein und Arm in Arm gingen sie weiter. Alle lachten. Dem Onkel Louis taten die Seiten weh davon. Das war ihm ein gelungener Spaß. Ja, es war ein fröhliches Gelächter. Die häßlichen, traulichen, niedrigen Häuser am Markt, gleichwohl die schönsten im Städtchen, empfingen die Fröhlichkeit der Menschen und gaben sie weiter, eins an das andere, und so schnell und lustig, daß der ganze große Markt davon voll war und der steife Rathausturm trotz seiner obrigkeitlichen Würde ganz vergaß, seine Untergebenen ringsum zur Ruhe und Ordnung zu rufen. Dies geschah erst, als bald darauf von der Nordseite her ein kleiner Mann auf den Markt kam, an der Ecke stehen blieb, seine Taschenuhr umständlich herauszog und ihren Stand sorgsam prüfend mit der Rathausuhr vergilich. Ja, es war Zeit. Nur eine Viertelstunde fehlte zum Sabbatbeginn. Er durfte seinen Rundgang antreten. Da reckte sich auch der Rathausturm und gebot mit würdiger Feierlichkeit Ruhe und Feierabend. Alle Häuser zogen die Schatten der Dämmerung fester um sich herum, nur an der einen Ecke des Marktes glitzerte die Fröhlichkeit noch eine kleine Weile. Der Rathausturm aber wußte, was er als der sichtbarste Ausdruck der gebietenden Stadtobrigkeit den jüdischen Mitbürgern schuldig war und ließ sofort fünf schwere, dunkle Glockenschläge ertönen, da verstummte jedes in Andacht, und die Südwestecke lächelte nur noch leise und verstohlen hinter ihrem dämmerigen Schatten. Der kleine Mann aber ging noch von Haus zu Haus, doch nur wo ein jüdischer Laden war, trat er ein und sagte auf der Schwelle, die er betrat: „Sabbathanfang fünf Uhr zehn Minuten." Er sagte es mit einer gewichtigen Betonung und stand dabei aufrecht in der Tür, in seinem schwarzen Rock und hohen Hut, wie ein Gebieter, daß man hätte vergessen können, daß es nur Cham war, das ehemalige Mitglied einer wandernden Zirkustruppe, daß es nur Cham der Kunststückmacher war, dessen vorzeitigem Alter die jüdische Gemeinde das Amt einest zweiten Tempeldieners vertraute. In dem Hause Jehuda Löbs brauchte er nicht den Sabbathbeginn zu verkünden; hier war es Sitte, nicht bis zum letzten Augenblick zu warten, sondern den Laden zu schließen, sobald Cham seinen Rundgang um den Markt begann. Er ging schweigend vorbei, und bald darauf traten Jehuda Löb selbst und seine Mutter, die lustige Channe Löb, heraus und zwischen sich, mit liebevollen Händen gehalten, führten sie Jakoble, der würdig dahinging, jeden Tümpel vermied, sich wie ein Großer benahm und wie Vater und Großmutter jene melancholische Feierlichkeit bezeugte, die in der vergangenen Woche den Großvater zu Jakoble sagen ließ: „Am Sabbath springt man nicht." So gingen sie, die Großmutter in ihr Haus, um die Sabbathlichter anzuzünden, Jakoble und sein Vater aber in den Tempel. Das war ein langgestreckter Bau und Helligkeit leuchtete aus seinen Fenstern. Als Jakoble nun neben seinem Vater im Tempel stand, starrte er in den ganzen Raum und noch nie hatte er alles so gesehen wie heute. Da war das blaue Deckengewölbe, so ganz hoch oben und das weiße Empore an der Ostwand und der dunkle, goldbestickte Vorhang vor der Lade mit den Gesetzesrollen. Da war Licht und Glanz aus den vielen Lampen und ein Singen kam aus diesem Licht, so fein und schön, daß er oft vergaß, an den vorgeschriebenen Stellen mit der ganzen Beterschar das Amen zu sagen. Nach dem Beten durfte er, wie gewöhnlich, vorauslaufen, das Kommen des Vaters anzukündigen. Aber er lief heute nicht; er ging mit einem leichten Schritt, wie ein Tanzender, in einem gehobenen Gefühl: hatte er doch dieses Singen im Tempel gehört. Seine Seele ahnte, warum man am Sabbath nicht springen darf. Als er aber so bis an die Haustüre kam, schlüpfte ihm Hans Ständig geheimnisvoll entgegen und sagte ihm leise: „Jakoble, meine, Tante Emma hat's auch gesagt. Ein Mann wohnt in der Mellzuche; der fraßt a(lle Fische auf, die Krebse und die kleine Jungen auch; das nächste