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Das jüdische Echo · 1915-06-11 · 23 (11.6.1915) · p. Seite 184

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
23 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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184 Das Jüdische Echo Nr. 23 die gemeinsame Hoffnung auf die wiederkehrenden Segnungen des Friedens, der allen Meschen ihre Freiheit wiedergibt. In tiefer Ergriffenheit, die sich auch auf die anwesenden deutschen Glaubensgenossen und Wiachtmannschaften übertrug, hörten die Angeredeten zu. Fast allen Gefangenen rollten die Tränen von den Wangen. Als ich mit der Aufforderung schloß, wer ein besonderes Anliegen habe, möge es mir vorlegen, erhob sich einer, der mir schon vorher durch sein ganzes Wesen angenehm aufgefallen war. Er war Algerier, wie noch zwei oder drei außer ihm. Sein Vater ist Rabbiner in Constantine. In sefardischer Aussprache bat er mich, ihn zu benschen; und nun traten sie alle hervor und beugten ihr Haupt meinem Segen, zumeist ehrfurchtsvoll die Ziziß meines Tallis küssend. Auch der modernistische Korporal schloß sich tief erregt der Reihe an. — Er zog mich beiseite und bat mich, ihm zwei Wünsche zu erfüllen; der erste lautete dahin, ich möchte ihm Bücher über den Lehrinhalt des Judentums beschaffen, und zwar in deutscher Sprache, da er die Mußestunden der Gefangenenzeit benutzen wollte, um sich wenigstens einiges darüber anzueignen. Er hatte nicht einmal eine blasse Ahnung vom Wesen seiner Religion, vermag auch nicht einen einzigen hebräischen Buchstaben zu lesen. Auch ein Zeichen des in Frankreich überhaupt herrschenden Geistes. Ich versprach ihm das, Erbetene; brachte ihm bei meiner nächsten Anwesenheit einiges. Erfolg aber erzielte auch diese Lektüre nicht. — Seine zweite Bitte war, ich möchte ihm wahrheitsgetreu über den Stand der Kriegslage berichten. Ich schilderte ihm in wenigen Worten die Aussichtslosigkeit der französischen Hoffnungen. Da bedeckte er sein Gesicht und weinte bitterlich. Meine Bereitwilligkeit, Ritualien nach Wunsch zu beschaffen, wurde nur von den wenigen Algeriern in Anspruch genommen^ welche um Tefillin und Gebetbücher baten. Rituelle Kost wollte niemand. Es ist bei den Gefangenen vielfach dieselbe Beobachtung wie bei den deutschen Soldaten gemacht, welche glauben, es bestehe nahezu eine kameradschaftliche Pflicht, trefoh zu essen. Nun beteten wir Minchoh. Ich selbst war Vorbeter. Alsdann schloß der Gottesdienst und die Gefangenen wurden in ihr Lager zurückgeführt. Ich hatte noch einige Zeit, um mir das Treiben der Gefangenen anzusehen. Ich t bemerkte, wie schön die gutmütigen oberpfälzischen Wachtmannschaften mit den Franzosen auskamen; wie sie im geistigen Austausch sich bemühten, etwas Französisch zu lernen, wohingegen die Franzosen sich schon einen ganz annehmbaren Wortschatz aus dem oberpfälzischen Dialekt angeeignet hatten. Ein Wagen der Militärverwaltung brachte mich alsdann nach der zwei Stunden entfernten Station Freihung zu einer abkürzenden Bahnstrecke. Die Fahrt führte durch die ganze Ausdehnung des gewaltigen Uebungsplatzes. Eine neue Barackenstadt sah ich da entstehen und man belehrte mich, daß sie für erwartete größere russische Gefangenentransporte bestimmt sei. (m.) Die Leser werden gebeten, die inserierenden Firmen bei Einkäufen in erster Linie zu berücksichtigen und dabei auf das „Jüdische Echo" Bezug zu nehmen. Feuilleton Jakoble komm Aus dem literarischen Nachlaß von Georg Hecht. (Schluß.) Jakoble hatte gar nicht gewagt aufzusehen, während Herr Ständig vor ihm stand und sprach. Daß er sein Mädelkleid gar nicht beachtet hatte, beruhigte ihn jetzt sogar. Und weil Hans seine Mütze verloren hatte, mußte er doch eine neue kriegen. Wer sollte sie ihm denn kaufen? Aber wenn Herr Ständig ihn und Hans wirklich einsperren ließ? Und Jakoble folgte Herrn Ständig mit ängstlichen Blicken. Wenn jetzt gerade Herr Ruschke ankäme? Mitten auf dem Markt stand in drohender Haltung das Rathaus, in dessen Turm die kleinen Fenster finster herauslugten, und schon war Herr Ständig am Rathaus. Jetzt könnte Ruschke heraustreten. Jakoble fühlte sich traurig, so ganz allein und ohne Hilfe. Und wirklich, Herr Ständig blieb am Rathaus stehen, ein Mann kam heraus, aber es war nicht Herr Ruschke, sondern Herr Louis Küttner, ein Vetter von Jakobles Vater, den Jakoble selbst Onkel Louis rief. Dieser Onkel Louis kam in Hemdärmeln aus dem Laden, in der rechten Hand eine Kleiderbürste, in der linken einen Anzug auf dem Bügel, über sein behäbiges Bäuchlein lief vom obersten Knopf der Weste eine schwere, goldne Kette; er kam aus dem Laden heraus und hörte Herrn Ständig zu, der immer auf Hans wies; Jakoble verfolgte jede Bewegung der beiden mit wachsender Besorgnis. Wenn gar . . . aber nun war es schon geschehen. Herr Ständig zeigte auf ihn, sprach von ihm, Jakoble saß da, in die Türecke gedrückt, und schämte sich in die Erde hinein. Als gar noch aus dem Nachbarladen die hohe, schlanke Respektsperson des alten Herrn Grau mit einem großen Zeitungsblatt zwischen den Fingern zu der Gruppe trat, da wagte Jakoble nicht die Augen zu erheben, er sah bloß noch, wie durch einen Schleier, daß Herr Ständig weiterging und Hans wieder vor ihm herlief. Jakoble saß ganz in sich zusammengedrückt und war bis ins Innerste so tief beschämt, daß er alles um sich herum vergaß. Erst als der Onkel Louis in die Hände klatschte und winkte und seine Frau, die Tante Hulda, aus dem Laden trat und Jakoble rief und als sogar Herr Grau mit der Zeitung liebevoll fuchtelte, erhob sich Jakoble, ging hinüber, schüchtern, bedrückt, leidvoll wie ein Kranker. „0, kleiner Mann," sagte der Herr Grau, „hast du auch dein Mützchen verloren?" „Sehen Sie es nicht, Herr Grau," sagte Onkel Louis, „er hat doch die Hosen verloren." Da aber lief das Maß des Leids über. Jakoble schluchzte: „Nein, ich hab sie nicht verloren." Die Tante Hulda nahm sich seiner an, streichelte ihn und sagte: „Natürlich hat er sie nicht verloren, ihr ärgert bloß das Kind. Laß dich nicht ärgern, weine nicht Jakoble, komm zu mir! Du hast die Hosen bloß schmutzig gemacht? Nicht?" Und leise sagte sie zu den beiden Männern: „Wirklich ein Erbarmen, wie sich das Kind schämt!" Herr Grau sagte: „Oho, kleiner Mann, du bist mir doch nicht böse. Reich mir die Hand! . . . So — jetzt sind wir Freunde." Und dann begann er mit Jakoble eine große Unterhaltung und ließ sich von ihm erzählen, wie er mit dem Hans Ständig auf den Jahrmarkt und zu den Rossen gekommen wäre. Ein kleines, gelbes Pferd mit braunen Flecken habe beiden so gefallen, aber als man es

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