Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 23 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 183 hof entfernt ist. Die Fahrt führte zunächst durch das freundliche Landstädtchen Grafenwöhr, nach dessen Verlassen ich von der Ferne schon die Baracken des großen Truppenübungsplatzes! herüberwinken sah. Die ersten Kolonnen von Rothosen begegneten mir auf der Zufahrtstraße — mir bis dahin noch ein neuer Anblick, der mich aber mehr mit Ernst als mit Neugierde erfüllte. Mir war es, als befände ich mich auf einem Teil des vom fernen Feindesland hierher versetzten Schlachtfeldes. Alle diese Männer und Jünglinge hatten den Krieg bereits hinter sich, hatten bereits gekämpft und geblutet und erwarteten hier untätig, fern von ihrer Heimat, den weitern Ausgang des Krieges. „Untätig" sage ich. Doch nicht. Denn unsere Militärbehörde gibt ihnen Gelegenheit, durch leichte, angemessene Arbeitsverrichtungen ihrem sonst tatenlosen Leben einen gewissen Inhalt zu geben. Ich fragte später nach dem Gottesdienst, den ich abhielt, einen hochgebildeten jüdischen Gefangenen, Jurist von Beruf, der bei Kriegsausbruch direkt aus dem fashionablen Badeort Biarritz an die Front gerückt war, ob ihm das Leben in der Gefangenschaft nicht oft recht einsam erscheine. „Durchaus nicht! Das Schaufeln und andere Arbeitsverrichtungen bereiten mir ein wahrhaftes Vergnügen und bringen mich über die Stunden dar Einsamkeit hinweg," so sagte er mit wirklicher Aufrichtigkeit. — Das Arbeiten in der frischen, vortrefflichen Luft des in den Wald eingebetteten Lagers erhält die Gefangenen auch gesund und macht sie munter und frisch. Allseits wurde mir berichtet, daß der Gesundheitszustand der französischen Gefangenen, der anfangs noch stark unter den Nachwehen der Kriegsleiden gestanden, sich ganz bedeutend gehoben habe. Der Wagen fuhr jetzt in das Lager hinein. Breite, regelrecht angelegte Straßen, rechts und links umsäumt von geschmackvollen Offiziers- und Amtsbaracken, die jetzt zum großen Teil leer stehen, da die Inhaber draußen im Felde Wache halten für das Vaterland. Denn auch in Friedenszeiten sind hier stets einige Tausend Vaterlandsverteidiger in Garnison. Jetzt allerdings waren die sich rechtwinklig schneidenden und hier und da von hübschen Plätzen und Schmuckaulagen unterbrochenen Straßen mit bärtigen Landsturmmännern belebt, die in ihrer ledernen Kopfbedeckung und verschiedenartigen Bekleidungsstücken damals auf den Neuling einen noch recht interessanten Eindruck machten, welcher durch die überall entgegenstarrenden aufgepflanzten Bajonette der gutmütigen oberpfälzischen Wachtmannschaften noch erhöht wurde. Vor dem Gebäude der Kommandantur, an deren Spitze ein General steht, endete die Reise. Ich meldete mich, um die auf meine vorausgegangene briefliche Anmeldung erfolgten militärischen Anordnungen des. Gottesdienstes zu erfahren. Es wurde mir die Nummer der Baracke bekanntgegeben, in welcher dieser stattfinden sollte und mir anheimgestellt, mich mit dem jüdischen Oberleutnant des Landsturmes, Herrn X. aus Nürnberg, in Verbindung zu setzen, in dessen Hand die Organisation der seelsorgerischen Handlung gelegt war. Ein sehr liebenswürdiger Herr, der mich durch seine freundlichen Ratschläge zu großem Danke verpflichtete und mir Verständnis für mancherlei interessante Einblicke in das Lagerleben gab. Mit Hilfe meines Passierscheines und meiner Ordonnanz traf ich ihn in dem Offizierskasino, wo eben die Vorbereitungen für das Mittagessen getroffen wurden. Seine humorvolle Einladung zur Teilnahme an demselben mußte ich allerdings ablehnen. Wir besprachen nun die Form des abzuhaltenden Gottesdienstes, der von mir auf 2 Uhr festgesetzt war. Ich war in gewisser Verlegenheit, in welcher Weise ich den französischen Gefangenen gegenübert'-eten, .was ich ihnen sagen sollte. Die hohen Feiertage waren bereits vorüber gerauscht. — Es war auch vorauszusehen, daß die Franzosen, bei ihrem „Modernismus", aus dem sie hervorgehen, religiösem Zuspruch wenig zugänglich sein würden. Ich hatte mich allerdings ganz hierin geirrt. Der Herr Leutnant meinte: „Sie haben ja doch jetzt Stoff genug zum Reden, Herr Doktor! Sprechen Sie doch zu ihnen von den hohen Festen, die jetzt kommen; vom Versöhnungstag und Neujahrstag! Das wird gewiß seinen Eindruck nicht verfehlen . . .!!" Zur bestimmten Zeit fand ich mich in der angegebenen Baracke ein. In kleinen Gruppen wurden die Glaubensgenossen von Wachtmannschaften aus den einzelnen Kompagnien herbeigeführt; im ganzen etwa 35 Mann unter etwa 15 000 Gefangenen. Allen merkte man die Erregung des Augenblickes an. Sie standen noch unter dem frischen Eindruck der vorangegangenen Ereignisse und waren tieferfreut, daß jemand kam, um in der Fremde zu ihren Herzen zu sprechen. Mit ihnen waren einige deutsche jüdische Offiziere der Reserve und Unteroffiziere aus den Truppenteilen des Uebungsplatzes erschienen, für die ja gleichfalls ein Gottesdienst an dieser Stelle, fernab von jeder Kultusgemeinde, ein langentbehrtes Ereignis war. Die Gefangenen sahen alle noch ziemlich bekümmert aus und hatten noch nicht jenen lebensfrohen Ausdruck wiedergefunden, den ich bei meinen späteren Besuchen gerade bei den Franzosen sah. Ich ließ sie niedersetzen und sie bedeckten ihr Haupt. Einer von ihnen, der barhäuptig erschienen war, umwickelte es mit seinem Taschentuch. Ich fragte zunächst, ob ein Dolmetscher anwesend sei, der imstande wäre, meine Ansprache fließend ins Französische zu übersetzen. Sofort wies man auf einen der Franzosen, der mir zu meinem größten Erstaunen in unverfälschtem polnischen Jargon gestand, daß seine Wiege „jenseits der Grenze" gestanden. Sein Vater ist der Schammeß vor? Nancy und als eingewanderter Russe in Frankreich naturalisiert. Dieser Jüngling war als Dolmetscher allerdings kaum zu verwenden. Da erhob sich ein anderer, der schon durch sein gewandtes Auftreten seine bessere Herku.ift verriet und erklärte sich im fließenden Deutsch imstande, meine Ansprache zu übersetzen. Es ist derselbe, den ich bereits vorher erwähnte. Er hatte in Heidelberg studiert und in Paris die Rechtsanwaltspraxis betreten. Als Korporal war er in den Kämpfen an der Marne um den 10. September in Gefangenschaft geraten. Ohne daß ich ihm das Manuskript meiner Rede vorzulegen brauchte, übersetzte er gewandt Satz für Satz meiner Worte den Zuhörern. — Ich sprach von den hohen Festen, die vorübergegangen, ohne daß sie dieselben iim Kreis (ihrer Nächsten verbringen durften, von dem gestrigen Sabbat, der die Reihe der Thoravorlesungen von neuem einleitete, überhaupt von den für sie verloren gegangenen Zusammenhang mit der religiösen Gemeinschaft und dem religiösen Leben. Doch es gebe keinen Gott der Deutschen und keinen Gott der Franzosen. In dem Bewußtsein von der Gemeinschaft unseres himmlischen Vaters erwache für uns auch wieder