Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 23 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Das Jüdische Echo Nr. 23 Von irgendeiner Zentralisierung ist bis jetzt nichts zu bemerken. Daran ändert auch nichts die Namengebung der A. J. K. O., die wir für völlig unzutreffend und sogar verwirrend ansehen müssen. Bezeichnet sie doch selbst in ihrem offiziellen Organ „Der Orient" ihrv Zentral-Hilfskomitee als eine Organisation, die die Wirksamkeit der bereits vorhandenen Komitees „in der durch die Verhältnisse gebotenen Weise ergänzen" solle. Daß aber die parallel vor sich gehenden Aktionen einer Zusammenfassung bedürften, wird durch die dargelegte Verwechslung beleuchtet. Die A. J. K. O. hat klar die Zersplitterung erkannt und wollte etwas schaffen, was ihr allein nach der Lage der Dinge nicht gelingen kann. Sie weist aber mit ihrem „Zentral-Hilfskomitee", das sich weder der Art noch dem Umfange nach von den anderen Komitees unterscheidet, auf eine Notwendigkeit hin, der Rechnung zu tragen im wohlverstandenen Interesse der Sache selbst gelegen hätte. N. W. Die Hilfsaktion für Palästina Von Davis Trietsch, Berlin. Der Notstand in Palästina, der in der jetzigen schweren Zeit zu besonders energischer Sammeltätigkeit Veranlassung gibt, hat zahlreiche Freunde des jüdischen Palästinawerkes — und zwar vorwiegend selche des „neuen Jischub" — zu allerlei Bedenken und Zweifeln gebracht. Sie stehen auf Grund der Propaganda für die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation im Heiligen Lande unter dem Eindruck, Palästina als agrarisches Land und die dortigen Juden als Bauern könnten unmöglich durch den Krieg in eine Lebensmittelnot geraten. Nun haben wir zwar erst in diesen Tagen in allen Zeitungen lesen können, daß das hochagrarische Rußland Mangel leidet: an Roggen in Wilna, an Zucker in Moskau und in „Petrograd", an Fleisch in Moskau und in Warschau (wo jetzt das Fünffache des üblichen Preises gezahlt wird!), und an allen Lebensmitteln in den Gouvernements Wjatka und Wladimir. Und dabei ist Rußland tatsächlich der agrarischste Großstaat, und sein üblicher riesiger Export an Brotgetreide, Zucker usw. ist tatsächlich durch den Krieg vollständig unterbunden, so daß ein ungeheurer Ueberfluß im Lande bleibt! Palästina hingegen ist in viel geringerem Maße agrarisch. Seine Einwohnerschaft lebt zur größeren Hälfte in den Städten. Ein Export — nach anderen Teilen der Türkei und im Wege der obligatorischen Versorgung der Sinai-Armee — findet auch während des Krieges statt. Selbst im Frieden werden Lebensmittel eingeführt, und wenn die Ausfuhr auch bei weitem überwiegt, so steht doch einem Ausgleich entgegen, daß die palästinensische Ausfuhr an Getreide beispielsweise den Spezialweizen des Hauran, der sich zur Makkaroni-Fabrikation eignet, und die Braugerste von Gaza umfaßt, beides Produkte, die sich zur Verarbeitung als Brotgetreide wenig eignen und die in Anbetracht der immer noch mangelhaften Verkehrsverhältnisse nur sehr schwer auf den Markt von Jaffa und Jerusalem gelangen können, wo sie bekanntlich am nötigsten gebraucht werden. Was nun gar die jüdischen Kolonisten betrifft, so machen sie erstens nur etwa ein Zehntel der jüdischen Einwohnerschaft Palästinas aus, so daß von einer Deckung des jüdischen Bedans durch die jüdischen Kolonien schon an sich nicht die Rede sein könnte, und besonders in Judaa, wo die meisten städtischen Juden wohnen (Jerusalem allein wird bis auf 70 000 Juden geschätzt), treiben unsere Kolonien sehr wenig Getreidebau, und auch ihre Baumzucht usw. produziert zum weitaus größten Teil Artikel, die sich nicht zur Ernährung eignen. . Man weiß, daß die Haupterzeugnisse der judaischen Kolonien Weintrauben, Orangen und Mandeln sind; — nach europäischen Begriffen also ausgesprochene Genuß- und nicht Nahrungsmittel. Die Araber geben uns zwar das Beispiel, daß man in der Trabenzeit fast ausschließlich von Trauben und längere Zeit nachher noch weitgehend von Rosinen leben kann, so daß in dieser Zeit unter denjenigen Arabern, die als Eigentümer oder Arbeiter mit dem Weinbau zu tun haben, der Brotverbrauch auf ein Minimum und oft auf Null sinkt. Aber unsere aus Osteuropa stammenden Kolonisten und Arbeiter haben sich an diese, sicherlich gesunde Lebensweise, noch nicht gewöhnt, und auch die anderen nahrhafteren Südfrüchte, wie Feigen und Aprikosen, werden vorerst bedauerlicherweise von ihnen kaum angebaut. In diesen Hinsichten wäre künftig viel zu bessern. Aber der gegenwärtige Zeitpunkt ist sicher nicht geeignet, statt der dringend erforderlichen Hilfe Ratschläge zu erteilen, die im besten Falle erst nach vielen Jahren die Wiederkehr solcher Notlagen verhindern könnten. Auch dann ist sogar fraglich, ob ein etwaiger Kriegsfall nicht doch wieder zu Lebensmittelknappheit führen könnte, denn eine Armee kann auch ein Vielfaches dessen requirieren, was heutzutage in Palästina zu holen war. Im übrigen haben die Getreidevorräte besonders unserer galiläischen Kolonien auch jetzt schon übermäßiges Steigen der Getreidepreise in den Städten verhindert und das türkische Heer verproviantieren helfen, und wir sollten froh sein, daß wir solche Dienste leisten konnten. In der Zeit nach dem Kriege wird es sehr dienlich sein, wenn die Freunde des jüdischen Palästinawerkes sich mehr als früher um die Fragen der praktischen Kolonisation kümmern wollten, aber im Augenblick kommt es viel mehr darauf an, den palästinensischen Juden über die Kriegsnotlage hinwegzuhelfen und die Arbeit zu leisten, für die im jüdischen Palästina einstweilen noch die allgemeinen staatlichen und kommunalen Fursorgestellen u. ähnliche Einrichtungen fehlen. Jüdische Gefangenenseelsorge im Lager Grafenwöhr Von Distr.-Rabb. Dr. M. Weinberg, Neumarkt (Oberpfalz). Es war um die Mittagszeit des 18. Oktober v. Jahres, als ich nach mehrstündiger Eisenbahnfahrt am Ziele meiner Reise, dem Bahnhof Grafenwöhr, den Eisenbahnzug verließ. Ein auf dem Truppenübungsplatz garnisonierter jüdischer Landsturmmann war von der Kommandantur mir als Ordonnanz beigegeben worden. Er empfing mich und tuhr mit mir in dem von der Militärbehörde mir zur Verfügung gestellten Wagen dem Lager zu, das noch immer eine kleine halbe Stunde vom Bahn-