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Das jüdische Echo · 1915-06-04 · 22 (4.6.1915) · p. Seite 178

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
22 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 178 (sequence 6)
Language
German
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178 Das Jüdische Echo Nr. 22 eines Zeltdaches. Die Männer mühten sich ab, die Frauen schrien, schleppten und standen herum. An den Ecken des Marktes aber standen Männer in schlechten Anzügen und Frauen mit hochgeschürzten Rücken, auf hochsohligen Holzpantoffeln und in grellfarbenen Strümpfen. Alle hatten langgestielte Rutenbesen in den Händen und warteten mit Geduld auf den Kehraus des Jahrmarkts. Vor ihren Türen standen in zwei unbeweglichen Gruppen die beiden Familien Lob und Ständig. Nur Jakobles ältere Schwester Zierel war mit fröhlichen Sprüngen über Bretter und Stangen den Ankömmlingen entgegengelaufen. Als sie aber den Bruder in der Nähe sah, war sie mit einmal traurig und kam langsam hinter ihm her über den Markt. Der Markt war gekehrt und lag fast still da. Nur das Organ der löblichen Stadtbehörde, der Herr Stadtpolizist Ruschke, ging mit wohlgemessenen Schritten in spiegelblank geputzten Stiefeln und seiner durch feuerrote Stulpen und Kragenaufschläge und durch kupferrote Knöpfe geschmückten Uniform die vier Häuserfronten am Markt entlang und dan^ auch wohl durch die Straßen, zu sehen, ob die Bürger ihrer Schuldigkeit nachgekommen — gemäß der von dem Herrn Stadtpolizist Ruschke selbst an vielen Ecken öffentlich verlesenen Verfügung der Behörde über die Reinhaltung r.nd Säuberung der Rinnsteine und btral.'en. Der Herr Polizist kam letzt auch an den Häusern tob und Ständig vorbei. Sein Schritt wurde langsamer, nicht etwa, weil seinem Auge eine Unsauberkeit aufgefallen wäre; im Gegenteil: Bürgersteg und Rinnstein waren nicht nur aufs beste gekehrt, sondern auch mit Wasser besprengt worden, was er sonst nicht bemerkt hatte. Freilich geschah dies hier auf Anordnung des Herrn Ständig, der halbe Arbeit nicht leiden konnte und in einer früheren Sitzung der Herren Stadtväter beantragt hatte, daß jeder verpflichtet sein müsse, vor dem Kehren Wasser zu sprengen. Das war den andern leider zu viel, aber Herr Ständig hielt daran fest und nach altem Brauch mußte sein Knecht auch vor dem Löbschen Hause die Säuberung vornehmen. Also: der Herr Polizist Ruschke ging langsamer, weil er, es gerade heraus zu sagen, hoffte, daß vielleicht Herr 'Löb oder Herr Ständig aus dem Hause kommen und ihn in der Durchführung seiner schweren obrigkeitlichen Pflichten durch eine kleine Renumeration in Form einiger Zigarren oder sonstiger Annehmbarkeiten unterstützen möchten; zumal heute nach dem Jahrmarkt würden sich die Herren keineswegs lumpen lassen. Doch keiner ließ sich blicken. Herr Ruschke hatte Pech. Aber mit seinen kleinen Augen, auf deren Spähkraft, Schärfe und Zuverlässigkeit das Organ der städtischen Behörde stolz war, sah er, daß die Flurtür im Löbschen Hause halboffen stand, was sonst nie vorkam, da jedermann durch den Laden ging. Herr Ruschke hätte nun hineingehen und auf die merkwürdige Tatsache der halboffenen Flurtür hinweisen können, aber er wußte nicht, ob sich das gezieme; und nun war er auch schon vorbei und nochmals zurückzugehen war unnötig, da sich täglich neue Gelegenheit bot, sich nützlich zu erweisen. So ging der Herr Polizist wieder in schnellerem Tempo weiter, die behandschuhte Rechte auf dem Rücken, die Linke auf dem Knauf des Säbels. Doch die Tatsache der halbgeöffneten Flurtüre im Löbschen Hause läßt sich nicht bestreiten. Denn hinter ihr stand mit sehnsüchtigen Blicken über den sonigen Markt Jakoble und schämte sich. Schämte sich entsetzlich. Er wußte gar nicht mehr, wie sich alles ereignet hatte, so schnell war es gegangen. Ohne daß er noch dazu gekommen war, sich durch Weinen, Schreien oder Bitten zu wehren, ward ihm Jacke und Hose ausgezogen; dann wurde er gewaschen und in diese Mädchenkleider gesteckt, die er früher getragen hatte, als er noch kleiner gewesen war. Damals war es ja gleichgültig, aber jetzt war er schon groß; er konnte sich doch nicht mehr in Madchenkleidern sehen lassen, alle würden ihn auslachen und fragen, ob er ein Mädel geworden sei. Darüber mußte sich doch ein Junge schämen. Und wenn auch sein Anzug schmutzig gewesen war, so brauchte man ihn nicht gleich als Mädel zu verkleiden. Keiner hatte ihm geholfen, hatte ihm gesagt, daß ein Junge keine Mädelkleider tragen darf. Die Teophila hatte sogar das Kleid aus dem Spind herausgesucht und hatte gesagt, er wäre auch ein ganz hübsches Mädel gewesen. Er nahm sich vor, sich nicht mehr einen einzigen Kuß von ihr geben zu lassen; er wollte ihr ins Gesicht spucken, oder sie kratzen, wenn sie je an ihn herankäme. Und Zierel gar, die älteste Schwester, die immer mit ihm so groß tat vor allen Leuten, hatte ihn gar nicht mehr angesehen und gesagt: „Nein, du warst zu schmutzig." Aber er war doch wieder gewaschen und war ganz rein und konnte doch nichts dafür, daß der Weg an der Mellzuche schmutzig und lehmig war. Wenn die Mellzuche schmutzig ist und ein kleiner Junge kommt und ist gerade müde und setzt sich, wird er auch schmutzig, da mußte Jakoble sich doch schuldlos fühlen. Was wollte also Zierel bloß von ihm? — Nun gut; er wird sie einfach nie mehr in die Klavierstunde begleiten. Nie mehr. Mag sie allein gehen und sich fürchten, wenn sie zum Kirchplatz hinter dem Markt kam und in die kleine dunkle Gasse bog. Ganz bestimmt; er wird sie nicht mehr begleiten. Es war ja gewiß immer sehr schön in der Klavierstunde, besonders wenn der Herr Lehrer die Geige dazu spielte. Das war ja zu schön und der Herr Lehrer war auch sehr freundlich mit ihm und ebenso alle andern im Haus. Und Jakoble dachte, daß er die Geige spielen wird, wenn er erst größer ist, und träumte schon davon und vergaß dabei ganz seinen Haß. Aber die Mädchenkleider vergaß er nicht so ganz. Nur glaubte er jetzt, als er vorsichtig den Kopf zur Tür hinausbog, daß er es wagen könne, sich vor die Tür auf die obere Schwelle zu setzen; da würde ihn so leicht keiner beachten. Und ganz leise zwängte er sich durch den Türspalt und setzte sich ganz dicht an den Holzpfosten cjer Tür und machte sich so schmal wie ein Schatten, um nur nicht gesehen zu werden. Hier saß er still und ruhig. Bis jetzt war es recht gut gegangen; er war von keinem gesehen worden. Aber noch hatte Jakoble sich nicht darüber freuen können, da schellte die Türklingel des Nachbarhauses und Jakoble wußte, daß wer auch immer käme, ihn erblicken würde. Er wäre so gerne wieder hinter die Tür geschlupft oder irgendwohin gekrochen, aber es war zu spät, schon stand vor ihm Herr Ständig und Hans hinter seinem Vater; und Herr Ständig beugte sich zu Jakoble herab und sagte: „Haha! Da ist ja der andere Schlingel. Hast du auch die Mütze verloren wie dieser Freund Hans, der seine Mutter krank ärgert? Na, wartet nur; wenn ich den Ruschke treffe, lasse ich euch beide einsperren. Dort in die finstere Kammer!" Seine lange Hand wies auf den Rathausturm. Dann wandte er sich herum zu Hans mit den Worten: „Na, warte nur,"

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