Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 22 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 177 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 177 ff! ÄS* Mn ucler <D ■M ße barba- 0 verdigen Z2T i*M »«jÜfolgendermaßen: „Davon abgesehen, daß die „Lusitania" ein Hilfskreuzer war und große Mengen Munition für England an Bord führte, hatte das Schiff 1300 Kisten Kriegsmaterial für die englische Armee und Flotte an Bord. Deutschland hat das vollste Recht gehabt, in Kriegszeiten ein solches Schiff zu versenken." Das „Morgen-Journal" schließt: „England hat zu sehr an seine See-Herrschaft geglaubt und daher das große Unglück. Für die vielen Opfer der „Lusitania" ist zuerst England zu tadeln, und dann müssen die Passagiere selbst, die die deutsche Warnung nicht beachtet haben, für ihren Lichtsinn getadelt werden." In ähnlichem Sinne sprechen sich alle anderen jüdischen Blätter in New York und in der Provinz aus, Von den Judenverfolgungen durch das russische Heer berichtet ein „Dritter Offener Brief des Feldrabbiners Dr. A. L e v y an The American Hebrew, die bekannte amerikanische Zeitschrift, die s. Z. Rußland in Schutz nehmen zu müssen glaubte. Wir haben einen Auszug davon den Münchener Neuesten Nachrichten zur Veröffentlichung übergeben (Vorabendblatt zum 30. Mai), damit auch das christliche Publikum erfährt, welchen Leiden das jüdische Volk im Osten ausgesetzt ist. Da anzunehmen ist, daß unseren Lesern der Artikel in den M. N. N. nicht entgangen ist, können wir uns mit dem Hinweis begnügen, daß sämtliche von Feldrabbiner Levy festgestellten Tatsachen von solch unmenschlicher Grausamkeit zeugen, um für die Zukunft noch viel Schlimmeres befürchten zu lassen. lm> t0 , 0' ^O^org^Hecht^ In dieser Woche erreichte uns die traurige Kunde, daß Dr. Georg Hecht, ein junger, begabter jüdischer Schriftsteller, der auch zu den Mitarbeitern unseres Blattes gehörte, im Kampf für das Vaterland sein Leben gelassen hat. Georg Hecht wurde am 12. Januar 1885 in Schwersenz geboren. Er besuchte das Gymnasium in Posen und studierte hernach Medizin in München, Breslau und Leipzig, wo er sein Studium beendete und als Neurologe bei Professor Köster arbeitete. Während seiner Universitätszeit war Hecht schon literarisch tätig. 1911 ging er ganz zur Literatur über. Er entwickelte als Schriftsteller großen Fleiß und hat in wenigen Jahren neben zahlreichen Essays in den verschiedensten Zeitschriften eine Anzahl tüchtiger Werke geschrieben. Der Entstehung nach: Gereimtes Zeug (zusammen mit E. Mondt), 1910; der neue Jude, 1911; Herbert Eulenberg oder ein Traktat über Kritik, 1911; die Dichtkunst, Essay über Rainer Maria Rilke, 1912; Gerhart Hauptmann oder ein Traktat über Kunst und Pathos, 1912. Außerdem hat er übersetzt und herausgegeben: die portugiesischen Briefe der Nonne Marianne di Alcoforado, den Briefwechsel Thomas Carlyle-Goethe und Stendals „Denkwürdigkeiten über das Leben Napoleons". Im Jahre 1913 hat Georg Hecht „die Geschichte der jüdisch-deutschen Literatur" von Dr. M. P i - n e s, nach dem französischen Original bearbeitet, im Verlag Gustav Engel in Leipzig erscheinen lassen, eine Arbeit, mit der er sich bei dem Mangel einer zusammenhängenden Darstellung der Jargonliteratur in deutscher Sprache Verdienste erworben hat. Georg Hecht war seit dem 2. August 1914 in der Front und bis zuletzt den Gefahren des Krieges entgangen. Am 14. Mai 1915 traf ihn bei einem Sturmangriff in La Vaux Fery ein verspätetes feindliches Artilleriegeschoß und machte seinem Leben ein unerwartetes, schnelles und schmerzloses Ende. Feuilleton Jakoble komm Aus dem literarischen Nachlaß von Georg Hech t.*) Im Westen des Städtchens glitt der niedrige Hügelhang mit seinem nassen, weichen Lehmboden, glitschig und steil zu einem kleinen sumpfigen Teich herab. Das war die Mellzuche. Im Munde der Leute hieß es, daß die Mellzuche nicht nur tiefer wäre als der große See auf der andern Seite des Städtchens, sondern auch Jahr für Jahr ein Menschenopfer verschlang; denn immer noch, so lange die ältesten Leute zurück denken konnten, hatte man im Laufe einer gewissen Zeit Verunglückte aus dem Teiche gezogen; die toten Körper waren bleich und gedunsen, ihre Haut war brüchig und hing in Fetzen von den steifen Gliedern herab, daß man nacktes, weißes FJeisch sehen konnte. Grauenerregend war es und man mied nachts diese Gegend. Gerade war Jakoble im Begriff ein großes Stück Lehm, so groß es seine Hände fassen konnten, in den Teich zu werfen. Die beiden Knaben hatten erst versucht, kleinere Kügelchen, die sie aus Lehm formten, so zu schleudern, daß die Oberfläche des Teiches mindestens zweimal getroffen wurde. Dieses schöne Spiel, das Hansens älterer Bruder ihnen zeigte, als er letzthin in den Ferien zu Hause war, mißlang aber; die Lehmkugeln, so platt sie auch geknetet sein mochten, plumpsten unhörbar immer gleich ins Wasser. Im Unmut darüber hatte Hans mit seinen Füßen ein großes Stück härteren Lehms aus dem Boden getreten und es weit in den Teich geworfen. Das plumpste hinein; es gurgelte, schluckste und gluckste, aber so unsagbar geheimnisvoll, daß sie abwechselnd nur noch große Stücke in den Teich warfen und gespannt und neugierig auf das gurgelnde Wasser hörten. Jetzt also war Jakoble an der Reihe. Er zögerte. Denn Hans hatte ihm gerade erklärt, daß da tief unten jemand säße, der die Lehmstücke verschlucken müsse. Das wäre ganz gewiß; denn drüben im Teich hätte er sein Haus und das Grüne obenauf wäre das Dach. Jakoble war das nicht ganz gewiß; aber es konnte doch wirklich jemand im Teich wohnen — er zögerte, und in demselben Augenblick kreischte die Stimme der Frau Schmalzen: „Jakoble, Jakoble komm!" ... Er ließ den Stein fallen und blieb unbeholfen stehen. Die Frau Schmalzen kam mühselig und atemlos herab, sie nahm jedes Kind an eine Hand und ging wortlos übers Stoppelfeld zur Stadt. Alle eilten vor die Tür auf den Markt, als die Nachricht kam, daß Jakoble und Hans, die beiden Nachbarskinder gefunden waren und nun kämen. Auf dem Marktplatz sah es aus wie Zerstörung. Kisten u. Kasten standen herum, 'Bretter u. Stangen lagen überall. Hier war noch das Gerüst einer Bude, dort flatterte das leichte Segeltuch *) Diese Erzählung schildert ein Erlebnis des Verfassers in seinem Geburtsort Schwersenz.