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Das jüdische Echo · 1915-06-04 · 22 (4.6.1915) · p. Seite 176

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
22 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 176 (sequence 4)
Language
German
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176 Das Jüdische Echo Nr. 22 gegeben, einst nach dem Friedensschluß, vielleicht schon vorher kann der Bauer wieder die Erde bestellen. Dem Juden nimmt die Flamme das letzte; die Ware ist sein Arbeitszeug. Ihn ruiniert der Krieg allein völlig. Und in Szawle sitzen Tausende von Juden und klagen. * * * E j a g o r a. Der Sabbat naht. Hinter den letzten Häusern der Stadt hocken Menschen, die unsern Juden aus Unterfranken und Hessen aufs Haar gleichen, Typen, die sich vielleicht nur dadurch unterscheiden, daß ihre Kleidung etwas anders und schlechter, bettelhafter ist. Ich gehe vorbei. Ein Mädchen von sechs Jahren kreischt laut auf und läuft davon. Die Mutter geht schützend davor. „Hast du Moire?" sag ich laut. Die Kleine sieht sich um und noch mehr die kleine Gemeinschaft. „Seid Ihr a Yid?" fragt mich ein alter Mann. „A Yid, a Yid", wiederholt, als ich nicke, die Umgebung. Und es ist, als ob eine große Freude durch alle gehe. Und die einen von ihnen, stellt sich heraus, sind aus den Orten geflohen, die die Deutschen verbrannten und die andern aus solchen, die die Russen anzündeten. „Herr, wenn ich hierbleibe, zeigen uns die Polen und die Letten als Spione an. Wir sind hier Fremde. Und der Russe haßt uns. Dort unten haben sie sieben Juden gehängt, weil sie Spione gewesen sein sollten. . . Wenn die Deutschen an einem Orte bleiben würden. Heute sind sie zum dritten Male hier, ebenso oft die Russen. Und wir? Können wir nach Deutschland? Man läßt uns nicht herein. Können wir ins weite Rußland? Ihr wißt, es ist uns verboten. Bis wohin werden die Deutschen noch dringen? Sollen wir vorwärts, zurück? Können wir bleiben?" Und ich erörtere die Lage, aber ich komme nicht weit. Was kann ich raten, was kann ich sagen? Nur der eine Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf. Diese arme, gehetzte Masse, die für ihr Leben u. das der Ihrigen zittert, soll spionieren? Sie wissen, daß jede Bewegung von ihnen, jedes Gespräch mit Deutschen von den Polen genau beobachtet wird, daß die Russen nur auf die Gelegenheit passen. Ich grüße sie und will etwas Jüdisches zum Schluß sagen. Es fällt mir nur ein: „Massel und Broche". Da schütteln zwei Greise den Kopf, wehren mit der Hand ab und setzen sich resigniert auf die Erde. Müd und stumm. Lalle. Nur ein paar Juden im Ort. Eine Wirtschaft, die von Russen und Deutschen ausverkauft, ausrequiriert oder ausgeplündert ist. Kein Stück zum Essen mehr da. Truppen, immer wieder Truppen ziehen vorbei, halten an, sehen nach, ob noch etwas in den Schränken sich findet, was zu essen ist. Truppen, deren Nachschub selbst nur mangelhaft nachkommt. Wir sprechen von den Fliegerbombardements, die in den volkreichen Juderistädten nicht die Russen für das Bewerfen offener Städte bestrafen. Kowno, Grodno. Wer kennt nicht die Größe der jüdischen Gemeinden. Wir sprechen vonf Leben der Juden in Lalle. „Wir sind ,Am Haarez'," sagen sie zu mir. „In Kielmy, wo Sie durchgekommen sind, war eine große und schöne Gemeinde. War. Was nach dem Brande sein wird? Wer weiß," Hinten im Zimmer ist ein großer russischer Ofen. Da kriechen kleine Kinder, die sich um uns nicht gekümmert haben. u „Täte", ruft das eine, „gebt mir a Broit (Biot). , Mamme", ruft nun ein zweites, „mir aaen. „Seit acht Tagen haben wir keines , sagt die Mutter. Mein Bursche ist schon hingst weg, der vielleicht noch eines hatte. Ich habe nichts bei mir und muß auch allmählich den Truppen nach. Ich kann nichts geben. . Ich verabschiede mich hastig, und als ich schon gehe, höre ich immer, wie die Kleinen fragen: „Wann wird kimmen dos Broit? Und im Winde verklingt das Schreien und das Jammern der Kinder. Eine junge Mutter weint leise. (m-> Zeitungs-Echo Die New-Yorker Jüdische Presse über das Versenken der „Lusitania". Die jüdische Presse in New-York mit einer täglichen Zirkulation von nahezu 1 Million beurteilt das Versenken der „Lusitania" in ganz anderer Weise wie die englische Presse und bekundet dabei ein großes Verständnis für nüchterne Tatsachen und politische Gerechtigkeit. Das führende Organ der hiesigen jüdischen Presse „Die Wahrheit", mit einer Auflage von 100 000 täglich, sagt in ihrem Leitartikel vom letzten Sonntag, 9. Mai, über die Katastrophe folgendes: „Wenn die Haltung der New-Yorker Presse zu der von der deutschen Botschaft herausgegebenen Warnung eine schmachvolle ist, ist die Haltung der Cunard Line Co. einfach deshalb ein Verbrechen, weil sie ganz unschuldige Passagiere auf ein Schiff genommen hat, das Kriegs-Konterbande führt und Gefahr lief, versenkt zu werden. Auch die englische Regierung, die heute um die amerikanischen Opfer der Katastrophe so lamentiert, hätte der Cunard Line Co. nicht erlauben dürfen, Passagiere auf ein Schiff zu nehmen, das Kriegs- Konterbande führte, aber England wolle nicht offiziell zugeben, daß es deutsche Unterseeboote fürchte. Nach alledem ist es klar: die Schuld an dem schrecklichen Tode so vieler Menschen muß der Cunard Line Co., der englischen Regierung, und bis zu einem gewissen Grade auch der New- Yorker Presse zugeschrieben werden. Unschuldige Passagiere auf ein Schiff zu nehmen, das Kriegsmaterial führt, ... ist einfach eine barbarische Tat, und wenn die Amerikaner nicht verblendet sind und die wirklichen Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen, werden sie sich an die Cunard Line Co. und an die englische Regierung wenden." Der „Vorwärts", sozialistisch, Auflage 216 000, sagt, „Nicht aus Lust zu morden, nicht aus Rache und nicht aus Blutdurst hat Deutschland das große Schiff versenkt, sondern Deutschland hat es getan, weil es eine Kriegsnotwendigkeit war. . . . Es hegt in Deutschlands Interesse zu zeigen, daß es englischen Schiffen und englischen Gewässern gefährlich werden kann, es liegt in Deutschlands Interesse zu demonstrieren, wie weit seine Herrschaft zur See geht und es liegt ferner in Deutsch- . lands Interesse zu zeigen, daß es mit der englischen See-Herrschaft zu Ende ist. Außerdem aber hegt es im Interesse Deutschlands ein Exempel zu statuieren, damit die amerikanischen Kapitalisten furchten, ferner den Gegnern Deutschlands Kriegs- Matenal zu schicken." mnnnn ^'Morgen"Journa1"' mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren, äußert sich zu der Katastrophe

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