Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 22 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 175 und so den Boden vorbereitet für einen Vernichtungskampf gegen drei Millionen polnischer Juden. Ein dauernder nationaler Friede zwischen Polen und Juden ist nur dann möglich, wenn im zukünftigen freien Polen der großen jüdischen Minderheit außer bürgerlicher Gleichberechtigung auch die national-politische Gleichberechtigung bei den Wahlen in der Stadt- und Landesverwaltung gewährleistet wird:, ebenso müssen auch den Juden nationale Rechte in der Gemeinde, in Schule und Sprache und die Selbstverwaltung ihrer eigenen nationalen Angelegenheiten gewährt werden." Whitechapel im Kriege Von L. Leonhard. L. Leonhard, dem erst vor kurzem aus England die Rückkehr nach Oesterreich gestattet worden ist, entwirft in der Frankfurter Zeitung vom 28. Mai ein Bild von „London im Kriege", aus dem die folgenden Abschnitte interessieren dürften. Im Ostend wird jetzt besonders durch die Herstellung von Uniformen viel Geld gemacht. Aber die zumeist aus Rußland eingewanderten, vom sogenannten „Schwitzsystem" ausgebeuteten jüdischen Arbeiter haben trotz der heutigen Allianz Großbritanniens mit dem Reiche der Pogrome ihre Leiden im Lande des Zaren noch nicht vergessen. Auch die Zionisten fühlen sich innerlich zerrissen. Die Juden dürfen ihren tiefen Abscheu vor dem Bündnis Themsebabels mit der Newastadt nicht offen äußern; wer jedoch näheren Einblick in die Verhältnisse des Lastend gewinnt, der merkt bald, wie tief die Erbitterung gegen Rußland seht. Den russischen Versprechen wird nicht im entferntesten getraut. Daher geht es mit dem Rekrutenwerben im Osten Londons sehr flau. Der jungen, in England aufgewachsenen Generation gebricht es zwar keineswegs an Patriotismus und Kampfgeist. In den Kinohallen und Tingel-Tangeln des Lastend kommt es allabendlich beim Anblick von Dreadnoughts, Schlachtenbildern und deutschen Karrikaturen, beim Anhören naiver Werbelieder zu geräuschvollen Kundgebungen. Doch finden die neuen Rekrutenfang-Versammlungen, die jetzt mit vielem Bimbam in allen öffentlichen Gärten Londons abgehalten werden, im Osten Babylons nicht den rechten Widerhall. Nicht viel besser steht es um die Nichtjuden des Eastend. Auch macht es den Eindruck, daß keine Macht der Erde die Tausende und aber Tausende von beruflichen Müßiggängern, den „Loafers", dieser besonderen Spezialität von Verkommenen, dazu bewegen könnte, sich anwerben zu lassen. Da die Juden nach der Auffassung patriotischer Briten, die selbst zu Hause bleiben, nicht genug für „King and country" leisten, macht sich in der letzten Zeit eine Strömung gegen sie bemerkbar. So wird zum Beispiel Israel Zangwill jetzt fortwährend an den Kopf geworfen, er könne nie und nimmer wie ein Engländer fühlen, er sei eben nur ein „alien Jew" („eingewanderter Jude"). Zangwill, den ich seit acht Jahren kenne, sei hier keineswegs verteidigt. Obzwar der Sohn eingewanderter russischer Juden, ist er gänzlich anglisiert und allgemein als einer der gefeiertsten Literaten des Inselreichs anerkannt. Seine bei Ausbruch des Krieges; seltsam berührenden Aeußerungen gegen Deutschland nimmt er jetzt zurück. Noch knapp vor meiner Abreise erklärte er mir in einer langen Unterredung, daß für sein Gefühl ein Sieg Rußlands das größte Unglück für die ganze zivilisierte Welt bedeuten würde. Er bedauert die Allianz Großbritanniens mit dem Zarenreich aufs tiefste und erblickt darin eine bedeutende Gefahr für die Zukunft. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Werk erscheint, das Rußland auf Kosten Deutschlands in den Himmel hebt, und worin der betreffende „Kenner russischer Verhältnisse" den Leser zu überzeugen versucht, daß Rußland alles Böse, wie die Tyrannei, das Gefangenensystem Sibiriens, die Unterdrückung Finlands, die Pogrome, nur aus Germany importiert habe. Das eigentliche Rußland aber bestünde aus den aufgeklärtesten, humanitärsten Männern, die je die Welt gekannt. Besonders der marktschreierische Journalist und Wichtigtuer Stephen Graham hat ein Buch herausgegeben, in dem er Rußland als ein aus heiligen Männern bestehendes Reich schildert und den russischen Juden angelegentlichst ans Herz legt, mit Kind und Kegel nach Amerika auszuwandern. (Die Nachrichten von den skandalösen Verhältnissen der Juden in Rußland werden von der englischen Zensur systematisch unterdrückt.) Zangwill läuft gegen diese frömmelnde, heuchlerische „Toleranz" Sturm. Auch er erklärte mir, Rußland werde das Britenreich finanziell in den Abgrund reißen. Dieser gefeierte Mann, um dessen Beiträge sich sonst die ganze englische Presse riß, findet im Augenblick keinen einzigen Herausgeber, der den Mut hat, seine Meinungen über das heilige Reich 'des Zaren zu veröffentlichen. Zangwill zeigte mir auch eine ganze Reihe von Briefen führender Literaten, die ihn wegen seiner antirussischen Haltung des Verrates zeihen und offen beschimpfen. Seit Monaten wird gegen ihn eine Hetzkampagne voll von hysterischen Lügen und Entstellungen inszeniert (übrigens befürchtet man auch, daß Fanatiker — auf keinen Fall die Regierung — George ßernard Shaw wegen seiner überaus kühnen Haltung erschießen könnten). Zangwill sieht sich daher gezwungen, seine Publikationen amerikanischen Preßorganen zu übergeben. Er sagte mir, er sei fest entschlossen, sich nicht mundtot machen zu lassen. Von der Ansicht, daß England nur wegen der belgischen Neutralitätsverletzung das Schwert gegen Germany gezogen habe, läßt er sich jedoch nicht abbringen. Huf dem Marsche nach Rußland Von Felix A. T h e i 1 h a b e r. T e 1 z i. Auf dem Marktplatz Juden. Der Ort ist sonst so leer. „Warum seid Ihr nicht geflohen?", frage ich die Herumstehenden,. „Herr, wir sind geflohen. Die Deutschen haben für die Greuel der Russen Revanche geübt, haben die russischen Grenzorte vernichtet. Da sind die Häuser von vielen, vielen Juden verbrannt. Dasi nackte Leben haben wir aus Tauroggen gerettet. Bis hierher sind wir gekommen. Auch hier gibt es nichts zu essen. Wohin sollen wir jetzt?" Und arme, zerlumpte Menschen drängen sich um uns. Ich bin so ratlos wie meine Brüder in Rußland. Wohin soll ich ihnen raten, sich zu wenden. * * * S z a w 1 e. Vor der Flucht haben die Russen die Stadt angezündet. Eine jüdische Stadt, keine russische. Und den Händlern verbrannte ihr letztes. Mag die Kriegsfurie den polnischen Bauern Haus und Hof, die Ernte zum Teil vernichten, der Boden, der wahre Besitz, bleibt. Die Zukunft ist