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Das jüdische Echo · 1915-06-04 · 22 (4.6.1915) · p. Seite 174

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
22 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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174 Das Jüdische Echo Nr. 22 Deshalb ist der Plan eines alljüdischen Kongresses, mit dem sich die jüdische Publizistik in Deutschland, wie uns scheint, aus übergroßer Vorsicht noch gar nicht beschäftigt, mit Nachdruck zu befürworten. Die maßgebenden Stellen werden, wenn wir dies aussprechen, darin sicher nicht etwas erblicken, was als unerlaubt gedeutet werden kann. Denn sie wissen nur zu genau, daß die Judenfrage nicht nur für uns tiefster Schmerz, sondern für die Entwicklung Europas eine dauernde und zunehmende Gefahr ist. Vielmehr werden sie, geleitet von dem Bewußtsein der deutschen Mission für die Gesittung der Welt, gerne ihre hilfreiche Hand bieten, sofern wir selbst Anstrengungen machen, die Menschheit von der Schande der Judenfrage zu befreien. Gewiß haben in erster Reihe die amerikanischen Juden die Sorge, Verpflichtung und Verantwortung, alles vorzubereiten, damit der rechte Augenblick nicht verpaßt werde, an dem sich die glücklichere Judenheit für die Rechte ihrer rechtlosen Brüder einsetzen muß. Aber so unerläßlich eine jüdische Vertretung bei den zukünftigen Friedensverhandlungen ist, von der wir uns leider nicht allzu viel versprechen können, so belanglos wäre die geplante alljüdische Tagung, an deren Zusammentritt in dem oder jenem Umfange kaum zu zweifeln ist, wenn sie sich nur auf die harrende diplomatische Aufgabe für das jüdische Volk beschränken wollte. Die amerikanische Judenheit, die sich fast ausnahmslos für die Veranstaltung des Kongresses einsetzt, wird sich darüber klar werden müssen, daß die Verhältnisse es erfordern, überhaupt die Maßnahmen zu beraten, die erforderlich sind, um der bisher im ganzen genommen wilden, unorganisierten jüdischen Auswanderung Sinn, Richtung und Ziel zu geben. Und wenn die Beratungen darüber nicht in das Programm aufgenommen werden sollten — vorläufig verlautet noch nichts davon —, so sind wir dessen gewiß, daß die Versammlung von sich aus die Erörterung dieses Punktes veranlassen wird. Denn er ist u. E. von allen Gegenständen der wichtigste. In blindem Egoismus, der sich mit LinderungspHästerchen genügen lassen wollte, schufen wir bisher Gesellschaften auf Gesellschaften mit kulturellen und wirtschaftlichen philanthropischen Zwecken und glaubten damit, der Wirklichkeit nicht offen ins Auge sehen zu müssen. Ging die eine oder andere zum Teil dazu über, sich mit der Wanderungsfrage zu befassen, Auskunftsbureaus zu errichten, Unterkunftshallen zu bauen, für koschere Kost zu sorgen und dergleichen unzureichende Dinge mehr, so wurde uns die Einsicht in die Notwendigkeit dieser Unternehmungen von den harten Tatsachen des jüdischen Lebens mühselig abgerungen. Heute müssen wir uns, wenn wir ehrlich sind, gestehen, daß all unser bisheriges Tun mit einer großzügigen sozialpolitischen Auffassung nicht zu vergleichen ist und trotz der hohen Summen, die es verschlang, am unrechten Ende ansetzte und Flickwerk war, weil vor allem anderen eine Arbeit zu leisten wäre, den jüdischen Massen im Osten, wo sie rettungslos verkommt, zu einer neuen Heimat zu verhelfen. Beschreiten wir unbeirrt und klaren Blickes diesen Weg der Selbsthilfe (denn wenn wir Juden die Lösung der Judenfrage nicht dem „Fortschritt" überlassen, sondern sie selbst in die Hand nehmen, können wir von Selbsthilfe reden) dann allerdings wären wir sowohl der Achtung als auch der Mithilfe der anderen, wie uns angesagt, gewiß. N. W. Die amerikanischen Juden und die Polen Am 6. Mai d. Js. fand in New York, in Cooper Union, eine Massenversammlung der New-Yorker Juden statt. Die Versammlung drückte ihre Sympathie für den Kampf des polnischen Volkes um seine Befreiung und Selbständigkeit aus, protestierte aber gegen die unmenschliche Behandlung der polnischen Juden und stellte die Grundsätze fest, nach denen die rechtliche Regelung des zukünftigen Gemeinwesens in Polen vorgenommen werden sollte. Die Resolution wurde einstimmig von der Versammlung, in der ca. 4000 Juden anwesend waren, angenommen. Viele Tausende mußten, da der Saal zu klein war, draußen bleiben. Die Resolution, die eine Reihe von beachtenswerten Anregungen brachte, hat folgenden Wortlaut: „Obgleich die feindlichen Beziehungen großer Teile des polnischen Volkes, polnischer Organisationen und polnischer Zeitungen zu der jüdischen Bevölkerung in Polen, die ihren Ausdruck gefunden haben in Boykotts, Unterdrückungen und Denunziationen in der Kriegszone und blutige russische Militär-Pögrome zur Folge haben,-eine tiefere Verbitterung geschaffen haben bei den Juden der ganzen Welt gegen die polnische Gesellschaft, so identifizieren wir doch nicht das polnische Volk als solches mit den finsteren Kräften des polnischen Chauvinismus, und ändern nicht unsere .sympathische Haltung zum Kampf des polnischen Volkes für seine Befreiung, Wiedervereinigung und Selbständigkeit, Aber zugleich müssen wir konstatieren, daß die polnischen Parteien es ablehnen, der jüdischen Bevölkerung im zukünftigen Polen rechtliche Garantien für ihre nationale Existenz zu gewähren, und daß diese Parteien die polnische Freiheit auf nationaler Rechtlosigkeit und Assimiherung djer jüdischen Minderheit aufbauen wollen. Die Weigerung, den Juden nationale Rechte zu gewähren, macht die Bereitschaft der Polen, den Juden bürgerliche Gleichberechtigung einzuräumen, wertlos. Denn die systematische Agitation der polnischen Parteien gegen die Anerkennung der Juden als Nation hat eine Atmosphäre des Hasses gegen die Juden geschaffen,

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