Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 21 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 171 Daß dieses Buch ganz voll ist von Gestalt und Ereignis, braucht man, bei einem Dokumente dieser Zeit, nicht erst zu sagen, wenngleich es erst dadurch zu der freudigen und gegenständlich reichen Lektüre wird, die es ist. Alle Gelegenheiten des Krieges und alle Anlässe des Judentums treten zusammen, Ueberfall und Jörn Kippur, Eisernes Kreuz und Chanukahlicht, Granaten and Tefillin im Brotbeutel, requirierte Gänse und requirierte Rödelheimer Gebetbücher; und alle Gestalten, die dieser Krieg dem Juden gibt, sind da: der deutsche Unteroffizier, der Feldrabbiner, der galizische und polnische Ostjude, der jüdische Arzt, der jiddischschreibende Gemeine, der österreichische Leutnant, der französische Chasan. Von allen aber unvergeßlich ist jener jüdische Viehhändler einer kleinen bayerischen Stadt, Vater dreier Kinder, der sich zwei Nächte lang in der Bibel Rat holt, ob er auch, ohne die religiöse Pflicht zu verletzen, die staatsbürgerliche leisten dürfe, und dann ins Feld zieht und jenen ergreifenden Brief hinterläßt, mit dem das reiche und tiefe Buch erschütternd beginnt. A. Z. Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße 4ju Telephon 23 804. Feuilleton Der jüdische Proselyt Von Dr. S. D. S t e i n b e r g , Zürich. Unser Mitarbeiter hat vor ungefähr zwei Jahren der Universität Zürich eine Dissertation vorgelegt: „Die Proselyten der Stadt Zürich", die als „Beitrag zur Geschichte und Psychologie des Ueberläufers" gedacht ist. Es wird darin der Versuch gemacht, die Erscheinung des Ueberläufers auf psychologischem Wege der zufälligen Zutaten zu entkleiden und nur in ihrem Wesen leuchten zu lassen. Die Untersuchung erstreckt sich über drei Jahrhunderte und hat zum Ergebnis die Einsicht, daß „sich der Egoismus mit der Gestalt des Proselyten zu einem lebendigen Symbol verbunden zu haben scheint.'" Der Umstand, daß heute deutsche Juden und Christen im Auslande sich unter mannigfachen Vorgaben zu unseren Feinden schlagen und die Taufseuche unter gewissen Juden genau so wie im Frieden blüht — seit September zählen wir in Berlin ungefähr 50 Austritte — veranlaßt uns, durch Heranziehung der Studie deutlich auf das Motiv zur Fahnenflucht hinzuweisen. Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers machen wir unsere Leser mit dem Kapitel bekannt, das sich in streng objektivem Geiste mit dem jüdischen Proselyten befaßt. * * * Wenn wir die Psychologie des jüdischen Proselyten erfassen wollen, müssen wir einen Rückblick werfen auf die dumpfe und bedrückende Enge der Verhältnisse, aus denen heraus er geboren wurde. Die Geschichte der Juden im Mittelalter stellt sich als eine lange Reihe dunkler Bilder dar, von denen das eine wie das andere in denselben trüben Farben leuchtet; Verfolgung und brutalste Verquälung sind die beiden harten Zeichen, unter denen . die Juden als zerstreute, uneingesessene Fremdlinge durch die langen Jahrhunderte gehen; sie sind, vom Jahre 135 n. Ch. an die Geduldeten, an denen jederzeit sich der brutalste Haß und. die fanatische Wut des Volkes auslassen darf, und die Jahre 1294, 1348—49 und 1401 leuchten aus diesem langen Leidensweg nur in besonders roten Farben auf. Das Mittelalter, dem der Geist kastenhafter und korporativer Absonderung in hohem Maße eigen war, schloß den Juden in die dumpfen, winkligen Gassen eines besonderen Viertels, dessen harte Grenzen ihm die Welt mit tausend Riegeln verschlossen; von hier aus führte keine Brücke hinüber zu den anderen Menschen; so lebt der Jude einsam, unter Ausnahmegesetzen stehend, hinabgeduckt unter die traurigen Lasten, die ihm der wahnwitzige Fluch, Gottesmörder, Brunnenvergifter und Kindesschlächter zu sein, auferlegte. Es ist klar, daß die fünf Jahrhunderte, die der Jude innerhalb der öden Trostlosigkeit eines festen und gewaltsam abgeschlossenen Bezirkes verbringen mußte, auf seine geistige Entwicklung als ein ungeheuer drückendes Gewicht herablasteten. So hat sich denn der Jude auch entwicklungslos durch die fünf Jahrhunderte gelebt, und sein Geistesleben war in einen Zustand der Stagnierung eingetreten und jeder Bewegung und Aenderung entwöhnt worden. Die innersten Werte im Judentum hatten sich nicht mehr modifiziert und waren die langen Jahrhunderte hindurch hart und gleichgeformt geblieben, und keine neuen belebenden Ströme waren von draußen her eingedrungen. Zu dieser Einpferchung in einen hart abgegrenzten Raum kam dann noch die Einschränkung der beruflichen Tätigkeit. Vor der Zeit der Kreuzzüge war der Handel fast ausschließlich in den Händen der Juden gewesen. Jene Züge aber brachten den Westen mit den östlichen Völkern in nahe Berührung und wirkten befruchtend auf den allgemeinen Handel ein. Ein weites Handelsnetz begann sich auszudehnen, und feste Organisationen begannen alle die Fäden, die sich vom Osten zum Westen spannen, zu vereinigen; von diesen mächtigen Zentren, die den Handel allmählich zu ihrem Monopol machten, blieb der Jude naturgemäß ausgeschlossen. Es ist klar, daß diese Absonderung ins Ghetto und die aufgezwungene soziale Sonderstellung dem Juden einen einseitigen Charakter anerziehen mußten und ihm das Verständnis für Dinge und Leben außerhalb der Ghettomauern unterbanden; der Ring, der ihn umzog, das schwere Fallgitter, das ihn und seine Gasse von der Schönheit, vom Naturerlebnis, von der Kunst abschnitten, diese harte Absonderung ließ naturgemäß allmählich in ihm, dem grausame Willkür und rohe Gewalt den freien Himmel raubten, jedweden Sinn für das Außenliegende, jedwedes Gefühl für das Erhabene, das nicht in seinem eigenen Ritus und Glauben lag, verkümmern und absterben; so schwand ihm jeder Gefühlswert, der sich nicht auf ihn selbst oder die Seinen bezog, und es blieb ihm nichts übrig, als sich auf sich selbst zurückzuziehen und durch die Tätigkeit seines Verstandes möglichst viel der Welt, die ihn so hart behandelte, abzuringen, durch Klugheit und Schlauheit sich vor gänzlicher Ausbeutung zu wahren. So wird der Jude im Ghetto zum Rationalisten; er, in dessen Volk von jeher, wie dessen Ausflüsse, die Religion und anderes mehr zur Genüge zeigen, die Verstandesmomente das Primäre bildeten und der dem Methaphysischen im letzten Grunde fremd gegenüberstand,, dem die Mystik, im Sinne einer contemplativen unio mystica mit Gott abging, er wird nun noch zum Rationalismus gezwungen. Die stete Angst vor dem Verfolger ward ihm zur