Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 21 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 169 Die Judenfrage auf dem Frauenkongreß. In der letzten Sitzung des internationalen Frauenkongresses, der vor kurzem im Haag stattfand, trat Fräulein Birnbaum aus Antwerpen mit einer scharfen Rede gegen die Judenverfolgungen in Rußland und Polen hervor. Nachdem sie eine genaue Schilderung der schwierigen Lage der Juden gegeben hatte, endete die Rednerin: Bevor wir die Erweiterung des Rechtes einer gewissen gesellschaftlichen Klasse verlangen, müssen wir die Gleichberechtigung für eine ganze unterdrückte Nation — für die Juden verlangen! Diese Rede machte einen starken Eindruck und von allen Seiten hörte man Ausrufe wie: Richtig! Es ist eine Schande für die Kulturwelt! Polen und Juden. In den amerikanischen Zeitungen wird gemeldet, daß das polnische Zentralhilfskomitee in die verschiedenen Städte Polens Zirkulare mit der Aufforderung versendet, daß die Komitees auch die Juden unterstützen sollen, welche durch den Krieg gelitten haben. Diese Aufforderung beweist, daß die Polen sich jetzt von der starken Opposition beeinflussen ließen, welche sich in Rußland und anderen Ländern gegen ihre Politik erhoben hatte. Die Polen fürchten, daß man ihnen die zugesagte Autonomie nicht geben wird mit der Begründung, daß sie einen großen Teil der Bevölkerung im eigenen Lande nicht gerecht behandeln können. Gleichzeitig meldet man aus verschiedenen polnischen Städten, daß sich die Polen in grausamer Weise gegen ihre Mitbürger — die Juden verhalten. Die Polen verklagen die Juden nicht bloß als Verräter vor der russischen Macht, so daß sie ins Gefängnis kommen, sondern treiben auch offene antisemitische Agitation. Wissenschaftliches Echo München. Bei der argen Zersplitterung, die im jüdischen Bibliothekwesen Münchens besteht, ist es angebracht, auf eine ebenso große wie wenig benutzte Sammlung hinzuweisen, die eine Unmenge von wertvollen Materialien für Leute aufgespeichert hat. die den Anteil und das Wirken von Juden auf den Gebieten der Literatur, des Theaters und der Musik kennen lernen wollen. Wir meinen das Keller-Steiningersche Musik- und Theaterchiv in der Barerstr. 74. Es besteht aus zwei Millionen Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitten, die bis in das 18. Jahrhundert zurückgehen, und wird in aufopferndster und liebevollster Weise von seinem Begründer. Herrn Musikschriftsteller Otto Keller, verwaltet und ausgebaut. Ueber jüdische Musik ist zwar in der Sammlung nicht viel zu finden, was damit zu erklären ist, daß sich Tageswie auch Fachzeitungen wenig mit diesem Spezialgebiet zu beschäftigen veranlaßt sehen. Immerhin fanden wir auch darüber einige wenig bekannte interessante Artikel. Dagegen enthält das Archiv über Bearbeitungen jüdischer Motive oder über jüdische Persönlichkeiten wie Schriftsteller, Dichter, Schauspieler und Musiker so viel Stoff, daß man oftmals aus einem Staunen ins andere geraten mag. Hier ist — ganz allgemein gesprochen — eine Arbeit geleistet, die von ejnem einzigen Menschen bewältigt zu sehen Respekt herausfordern muß. Die Leistungen des Herrn Otto Keller werden nach unserem Empfinden viel zu wenig gewürdigt. Die Inanspruchnahme des Archivs steht zu seiner Bedeutung in keinem richtigen Verhältnis und dient als aufdringlicher Beweis dafür, wie weit die Organisierung wissenschaftlicher Arbeit von ihrem Ziele entfernt ist. Denn wer auf den genannten Gebieten Studien machen will, ohne das Keller- Steiningersche Archiv zu benutzen, ist genötigt, entweder selbst Folianten von Zeitschriften zu wälzen und somit bibliographische Vorarbeiten zu verrichten, die längst getan sind, oder auf die Kenntnis von Materialien zu verzichten, die für eine gründliche Darstellung oder vielleicht sogar für eine methodisch-kritisch einwandfreie Darstellung erforderlich sind. Herr Otto Keller ist nicht nur gerne bereit, seine Schätze von jedermann besichtigen zu lassen, sondern stellt sie auch in uneigennütziger Weise allen Interessenten zur Verfügung. Gemeinden-Echo Laudenbach b. Karlstadt. Am Schaboth, Parschath Noso wurde eine neue Sefer Torah ihrer Bestimmung übergeben. Die Chevrah Gemilath Chasodim hat nach kaum zwanzigjährigem Bestände durch monatliche Beiträge von 20 Pfg. neben ihren allgemeinen Wohltätigkeitszwecken auch diese Wohltat ausgeführt. Herr Levi in Altengronau hat das Sefer geschrieben. Die Einweihungsfeierlichkeiten beschränkten sich in Rücksicht auf die schweren Kriegszeiten lediglich auf die synagogale Weihe. Sie war erhebend und eindrucksvoll. Die Damen der Gemeinde haben die Synagoge wie das Lehrerhaus mit stimmungsvollem Waldschmuck geziert. Schweinfurt. Unsere Gemeinde hat einen großen Verlust erlitten. Herr Kommerzienrat Emil Heimann, Magistratsrat und Handelsrichter, der 33 Jahre ihr erster Vorstand gewesen, hat das Zeitliche gesegnet. Der Verblichene, der als Industrieller im Kreise seiner Fachgenossen hohes Ansehen genoß, so daß er viele Jahre das Amt des Kassiers im Verband deutscher Schuh- und Schäftefabrikanten bekleidete, hatte sein Fabrikunternehmen aus kleinen Anfängen zu ansehnlicher Höhe emporgeführt. Ein rühmenswerter Gemeinsinn zeichnete ihn aus und für weite Kreise?u wirken war ihm Freude und Genugtuung. Dieses sein öffentliches Wirken wurde von höchster Stelle durch Verleihung des Michaelsordens anerkannt. Prinz Ludwig, unser nunmehriger allergnädigster König, zeichnete den Verblichenen durch die Annahme einer Einladung zu einem Souper aus, als er im Jahre 1902 anläßlich des Landwirtschaftlichen Kongresses in Schweinfurt weilte. Als Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde war der Verblichene bestrebt, in peinlicher Gewissenhaftigkeit allen berechtigten Anforderungen des konservativen Teils der Gemeinde Genüge zu leisten, wiewohl er selbst liberal gewesen. Die Gemeinde verdankt ihm die Errichtung ihrer Leichenhalle und ihres Verwaltungsgebäudes. Die Beerdigung gestaltete sich zu einer großen Ovation wahrer Verehrung und dankbarer Liebe. Nach dem Distriktsrabbiner Dr. Stein sprachen der 1. Bürgermeister Hofrat Söldner, Landgerichtspräsident Höchstätter, Kultusvorstand R. A. Dr. H o m m e 1 und viele andere Redner, die sämtlich eine spezielle Seite der Tätigkeit des Verblichenen beleuchteten. Emil Heimaniis Andenken wird noch lange hier fortleben; die israelit. Kultusgemeinde zumal wird ihn nicht vergessen,