Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 21 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 167 „Und was andere unentwickelte Länder betrifft: wenn selbst das selbstbewußte und opferwillige deutsche Volk mit der mächtigsten militärischen Organisation, die je in der Weltgeschichte da war, nicht vermocht hat, sich ein geeignetes Land für seine Auswanderer zu sichern, so kann ich . . . nicht sehr hoffen, daß das jüdische Volk bei seinem Mangel an Selbstvertrauen, Opfermut, Rüstung und Organisation ein Auswandererland erwerben kann. Obwohl wir also an der Schwelle eines großen Exodus stehen, kann prophezeit werden, daß dieser Exodus nicht, nach einem Itoland-Stattfinden wird; und selbst wenn das Sch'icksal es fügen sollte, daß die geprügelten ' und gebläuten Israelssöhne wieder ins heilige Land zurückkehren sollten, so werden sie dort keine Heimstätten finden." Man sieht: Zangwill hat vor dem Weltkriege an die Uneigennützigkeit der ^Großmächte, besonders Englands geglaubt. Der Weltkrieg mußte kommen, um diesen seinen Glauben zu erschüttern. In seiner Mutlosigkeit schüttet er das Kind mit dem Bade aus und erklärt .den Bankerott aller jüdischen Kolonisationspolitik. Aber seine Begründung der Aussichtslosigkeit der palästinensischen Ansiedelungsbestrebungeri ist mehr als fadenscheinig. Interessant aber schief ist der Analogieschluß von den deutschen auf die jüdischen Kolonisationsbestrebungen. Die Stellung der übrigen Mächte zum deutschen Reich ist offensichtlich von änderen Interessen diktiert, als ihre Stellung zu den Juden, was einer näheren Ausführung nicht bedarf; aus Landneid ist von den Mächten bisher den Juden die Wiederbesiedelung Palästinas sicher nicht verwehrt worden. Was aber am meisten überrascht: derselbe Zangwill, der seinen Glauben an die Uneigennützigkeit der Menschen und sogar Englands im Krieg verloren hat, glaubt ehrlich, daß Englands Kriegsführung den uneigennützigen Zweck mitverfolge, den russischen Juden zu helfen. Zangwill hat aber noch eine Ueberraschung für den Leser. Eben noch erklärt er jegliche Bestrebung, ein jüdisches Territorium zu gewinnen, wegen der Eigennützigkeit und der nationalistischen Engherzigkeit der Völker für aussichtslos und tut so nebenbei den Zionismus mit ab; mit kühnem logischen und geographischen Sprung aber setzt er dann hinüber nach Amerika: „Viel wahrscheinlicher ist es, daß die letzte Zufluchtsstätte die weitere Gegend westlich des Mississippi sein wird, wo schon dank der Fürsorge des Herrn Schiff und der Mitarbeiter der Ito Keime von russisch-jüdischem Gemeinwesen im Entstehen sind." Trotz aller Ernüchterung und alles Kleinmuts ist also Zangwill noch unentwegt auf der Ländersuche. Dr. S. F., München. Der Krieg und das jüdische Schrifttum Aus einem Vortrage des Herrn Rabbiners Dr. H. Ehrentreu, München. (Schluß.) Die Gesetzgebung der Thora kennt zwei Arten der Kriege. Die eine wird m i 1 c h e m e s m i z w o , der gebotene, pflichtgemäße, und der andere vri i 1 - ehernes horschus, der freiwillige, aus politischen Gründen geführte Kampf. Der Krieg gegen die kanaanitischen Völker, die das heilige Land ehemals bewohnten, war ein gebotener Krieg, dem sich Israel nicht entziehen konnte, wenn es überhaupt leben und bestehen. wollte und ebenso der Kampf gegen das grausame Amalekitervolk. Der König von Israel war nicht nur befugt, er war vielmehr verpflichtet, es war seine vornehmste und erste Aufgabe, diese Kriege zu führen. Er bedurfte dazu keiner Zustimmung der Volksgemeinde. Er mußte sie unternehmen kraft seiner königlichen Rechte und Pflichten. Will aber der König eine kriegerische Unternehmung politischer Art i zur Erweiterung seines Reiches beginnen, so wird das, mag diese noch so notwendig und unerläßlich sein, z. B. wenn die Zahl des Volkes gestiegen ist und das vorhandene Land nicht mehr ausreicht,: milehemes horschus, ein eigenmächtiger, freiwilliger Krieg, genannt. Einen solchen anzuordnen ist er allein nicht berechtigt, er bedarf dazu der Zustimmung des Hohen Rates der Volksgemeinde, des aus 71 Aeltesten bestehenden Sanhedrin. Haben auch diese ihre Zustimmung erteilt, dann wurden die Urim we-Tumim befragt, die der Hohepriester als Schmuck auf seiner Brust trug. Der Mizwo-Krieg in seiner' ausgeprägten Form war der Krieg zur Abwehr feindlicher Angriffe, bei dem jeder waffenfähige Mann Gefolgschaft leisten mußte. „Keiner ist frei!" „Und selbst der Bräutigam an seinem Hochzeitstage", heißt es da, „muß Kriegsdienste tun!" Die bei anderen Kriegen gewahrten Ausnahmen (wer eine Frau .gefreit, ehr neues Haus gebaut, einen Weinberg gepflanzt) haben in diesem Kriege keine Geltung. Der Abwehrkrieg ist ein heiliger Krieg. Gilt es doch,, den heimatlichen Herd zu verteidigen, das Leben der Frauen und Kinder zu schützen, für Gott und1 sein Gesetz zu kämpfen. Bei der Unterscheidung zwischen gebotenen und nicht gebotenen Kriegen gelangt im Talmud Traktat Sota eine Frage zur Erörterung, die für uns heute von besonderem Interesse ist; die Frage des Präventivkrieges, des Krieges, der geführt wird, um dem Feinde zuvorzukommen. Man "befürchtet einen feindlichen Angriff und beeilt sich,' loszuschlagen, noch bevor der angriffslüsterne Gegner seine Zurüstungen vollendet hat. Es entsteht die Frage, ob ein solcher Krieg als Abwehrkrieg anzusehen ist und zu den gebotenen zählt' oder nicht. Die maßgebende Ansicht geht dahin, diese Frage zu verneinen; nur ein wirklicher Ab-; wehrkrieg kann als Mizwo-Krieg angesehen werden. Wer die politische Lage Europas in den letzten Jahrzehnten prüfenden Geistes beobachtet hat, der weiß, daß Deutschland oft genug Gelegenheit gehabt hätte, einen solchen Präventivkrieg^ unter den günstigsten Bedingungen zu führen. Es hat auch nicht an Stimmen gefehlt, die im Hinblick auf die aggressiven Absichten unserer Feinde dringend dazu geraten haben, die Gelegenheit zu benützen, bevor die Feinde ihre Rüstungen gegen uns vollendet haben. Die leitenden Männer haben diesen Rat verschmäht, sie haben mit Selbstverleugnung und mit Versöhnlichkeit den Frieden zu wahren gesucht, so lange es mit der Ehre und mit der Wohlfahrt des Reiches vereinbar war. Und stellen wir die Frage, welche Bezeichnung diesem Kriege gebührt, den unser Reich zu führen hat, so können wir mit voller Ueberzeugung antworten, es ist ein gerechter, notwendiger Krieg, ihm gebührt die Bezeichnung milehemes mizwo im Sinne der Thora. Es ist ein Abwehrkrieg, ein Verteidigungskrieg im wahren Sinne des Wortes. M. M.