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Das jüdische Echo · 1915-05-28 · 21 (28.5.1915) · p. Seite 166

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
21 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 166 (sequence 2)
Language
German
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166 Das Jüdische Echo Nr. 21 Mächtekonferenz zu vertreten? Zweitens: w e 1 - che Interessen sind zu vertreten? Auf beide Probleme gibt es aber nur eine praktische Antwort, die sich in dem einen Wort : „Einigkeit" zusammenfassen läßt. D i e Vertreter der jüdischen Interessen müssen Vertreter des gesamten jüdischen Volkes sein. Und wiederum: nur solche Interessen-.dürfen ver^ treten werden, die Interessen des gesamten jüdischen Volkes sin.d. , Diese Problemstellung ist freilich sö abstrakt und formal,, wie der kategorische Imperativ Kants; aber sie spannt die Diskussion in den festen Rahmen, dessen sie bedarf, um zu einem praktisch brauchbaren Ergebnis zu gelangen. Die einzelnen Richtungen müssen die Selbstüberwindung besitzen, ihre Lieblingswünsche in den Hintergrund treten zu lassen. Die gesamte Judenheit muß sich, bevor sie ihre Wünsche den Mächten mitteilt, einig sein darüber, was sie wünscht. Denn nur ein Programm, hinter dem die gesamte Judenheit steht, die West-Juden und die Ost-Juden, Assimilanten und Nationalisten, Proletarier und Bourgeois, die jüdische Philanthropie, der jüdische Geist und die jüdische Geldmacht, nur ein solches Programm hat Aussicht, überhaupt Beachtung zu finden und vielleicht — durchzudringen. Und man sollte glauben: über zwei Hauptwünsche könnten wohl alle Juden sich einigen: für die notleidenden Ostjuden muß etwas Großzügiges geschehen und eine jüdische Kolonisation im Großen muß ermöglicht werden. Auf Sonderwünsche über das Wie und Wo und Wann darf sich keine Richtung jetzt festlegen. Sonst haben die Mächte den besten Vorwand, auch diesmal wieder nichts zu tun: „Die Juden wissen ja selbst nicht, was sie wollen". (Theodor Herzl hat eine solche schmerzende Absage in einem der hoffnungsreichsten Augenblicke seines Lebens hören müssen.) Ob dann jüdische Vertreter offiziell an den Verhandlungen, den Ausschußsitzungen usw. teilnehmen dürfen, oder ob ihre Hauptarbeit hinter den Koulissen oder auf einem parallelen alljüdischen Kongreß stattfindet — die Form für ein Wirken ergibt sich von selbst, wenn die Macht zu wirken vorhanden ist. Eine Macht sind die Juden aber nur dann, wenn sie einig sind. Das ist die Arbeit, die schon heute, nur heute, nur vor Friedensschluß zu leisten ist: Die Schaffung eines gesamt-jüdischen Programms. Wenn die Mächte an die Neugestaltung der Dinge gehen, muß das jüdische Programm schon fertig sein. Diese Arbeit kann freilich heute nur geleistet werden mit Hilfe der Juden der neutralen Länder. Eine vielleicht nie mehr wiederkehrende Gelegenheit, im Großen jüdische Politik zu machen, ist nunmehr für das jüdische Volk gekommen. Wird die große Zeit ein starkes Geschlecht finden? Zangwilliana Zu denjenigen, denen der Kriegssturm die Augen geblendet und den Atem verschlagen hat, gehört auch Israel Zangwill (dessen politisches Verhalten allerdings bisweilen auch' schon v o r .Kriegsausbruch unser Erstaunen erregt hat). Er unterlegt dem russisch-englischen Bündnis einen Zweck, dessen sich die Schöpfer des Bündnisses sicher nicht bewußt waren, und erwartet eine Wirkung von diesem Bündnis, die es vermutlich nicht haben wird: die Emanzipation der russischen Juden. In der amerikanischen Zeitschrift „Jewish Exponent" (5. März) greift Benjamin Segel in einem oitenen Briefe unter dem Eindruck der von den Russen gegen die Juden verübten Greuel Zangwill, den Verteidiger des englisch-russischen Bündnisses, heftig an. Zangwill entgegnet gereizt in derselben Zeitschrift (2. April): Nach seiner Ueberzeugung sei der Krieg „made in Germany"; der preußische Militarismus sei eine Bedrohung der Menschheit; Grey habe die ernsthafte Absicht, den russischen Barbarismus zu beseitigen. Vermittelnd bemerkt die Redaktion: sie teile den Optimismus Zangwills zwar nicht, verüble ihm aber seine Stellungnahme nicht, da er, der stets freimütig gegen den Jingoismus in jeder Form sich gewendet habe, jetzt pflichtgemäß zunächst englischer Patriot sein müsse, erst in zweiter Linie Jude; überhaupt sei ein Streit zwischen den Schriftstellern der verschiedenen feindlichen Nationen nutzlos und kleinlich, weil sie durch derartige Auseinandersetzungen weder sich selbst gegenseitig, noch auch Neutrale überzeugen können. In einem Aufsatz „Die Ito und der Krieg" in „The American Hebrew" (20. März) bespricht Zangwill die Aussichten der verschiedenen kolonisatorischen Bestrebungen nach dem Weltkriege. Er klagt zunächst, daß infolge des Kriegsausbruchs die geplante Itokonferenz in Zürich gescheitert sei und daß die Beiträge seiner 6000 Anhänger in Ungarn, wo die Itobewegung außerordentliche Fortschritte gemacht habe, ihm nicht mehr zukamen. Weiter aber klagt er, daß seit Kriegsausbruch sein Glauben an den guten Willen der christlichen Staaten und an die Aufrichtigkeit diplomatischer Versprechungen angesichts des neidischen Landhungers und der gegenseitigen Eifersucht der Mächte vollkommen erloschen sei. „Sogar England, das von den europäischen Mächten am ehesten noch für uneigennützige Abenteuer zu haben war („the most quixotic of the European powers"), wird den Juden nur Hilfe gewähren, wenn es dadurch seinem eigenen Interesse nicht schadet. Der heutige Barbarismus betrachtet ein leeres Stück Territorium wie ein überfütterter Hund einen Knochen betrachtet, den er umknurrt, aber keinem andern gönnt." Zangwill tadelt die Australier, die — ihren „Kontinent" mit einem „Land" verwechselnd — nach dem Grundsatze „Australien den Australiern" lieber ihr Land menschenleer haben wollen, als Menschen fremder Rassen, die die Löhne drücken und die Reinheit des Blutes gefährden, hineinzulassen.

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