Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 20 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 163 Rahmens oft auch noch viel neues Material auf den mannigfaltigen Spezialgebieten gebracht hat. Besonders sind die Einzeldarstellungen der jüdischen Kolonien zu erwähnen und die Behandlung der Landarbeiterfrage. Gerade heute, wo man über das Schicksal Palästinas besorgt ist, hat das Buch seine große Bedeutung. Die Arbeit ist gelähmt. Vielleicht auch verwüstet noch der Brand des Krieges das junge Werk. Dies zu verhüten wurde das „Hilfswerk für Palästina" geschaffen. Wie nötig es ist, darüber kann das Buch Nawratzkis alle Zweifler belehren._R. M. Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße 4/i. Telephon 23 804. Nach Schluß der Redaktion erreicht uns die erschütternde Kunde, daß sich die junge Gattin Hugo Zuckermanns, des in den Karpathen verwundeten und dem Typhus erlegenen jüdischen Dichters, am Grabe ihres Mannes in Eger, nachdem sie es mit Blumen geschmückt, das Leben genommen hat. Feuilleton Drei Feldpostbriefe Münchener Juden*) Metz in Kriegszeiten. Aus einem Brief des Feldrabbiners Dr. B a e r w a 1 d. Das hätte ich nicht gedacht, daß meine erste Tätigkeit in diesem Feldzug mit der eines Detektivs viel mehr Aehnlichkeit haben würde als mit der eines Feldgeistlichen. Mit welchen Schwierigkeiten es verknüpft ist, den Truppenteil zu finden, den man erreichen soll, das erinnert an die Arbeit eines Sisyphus: denn wenn man nach endlosen Fragereien den gesuchten Ort endlich festgestellt hat, dann ist, wenn man hinkommt, das Nest ausgeflogen; bei dem Schieier des Geheimnisses, in das die Truppenbewegungen gehüllt werden, fängt die Arbeit von neuem an, und bei dem Schneckentempo, in welchem die Lokal- und besonders die Militärzüge fahren, ist der Zeitverlust ein recht beträchtlicher. So kam es, daß ich am Vorabend des Rauschhaschonohfestes, statt bei unseren braven bayerischen Truppen das Rauschhaschonohfest zu begehen, erst in Metz angelangt war. Es war interessant genug, diese Stadt gerade in Kriegszeiten kennen zu lernen; ihr Charakter als Festung und die Nähe der Grenze brachten doch den Krieg um vieles deutlicher zum Bewußtsein, als wir es im übrigen Reich gewohnt sind. Die Einwohner müssen viele Beschränkungen^ z. B. im Telephon- und Reiseverkehr, in Kauf nehmeVi. Darum aber ist es besonders erfreulich zu sehen, wie die Bewohner dieser Stadt, in der die meisten Bekanntmachungen deutsch und französisch erscheinen, nicht nur diese *) Sie sind dem vor einigen Tagen erschienenen Buche „Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden", dessen kritische Besprechung wir uns für eine spätere Nummer vorbehalten, entnommen. Die Sammlung wurde von Dr. EugenTannenbaum im „Neuen Verlag", Berlin W. 15, herausgegeben. Kein 8°. 155 S. M. 2.50. Beschränkungen und die Unbequemlichkeiten zahlreicher Einquartierung .gern auf sich nehmen und darüber hinaus den durchziehenden Soldaten mit offenen Händen Liebesgaben spenden. So sollen besonders unsere bayerischen Truppen beim Durchzug mit Eßwaren, Tabak und Wäsche geradezu überschüttet worden sein. So hat Metz, trotzdem man auf der Straße manches französische Wort hört und viele französische Firmenschilder liest, sich doch als gute deutsche Stadt bewährt. Daß ich auch in den Gemeinden viele ähnliche Beweise des Patriotismus und der Fürsorge für unsere Soldaten sehen konnte, hätte mich doch nicht ganz damit aussöhnen können, daß ich selbst am Fest untätig bleiben mußte; allein auch hierfür wurde mir ein kleiner Ersatz gewährt, ebenso dem Kollegen Chone, Konstanz, den ein ähnliches Mißgeschick wie mich auf der Suche nach seinem badisehen Armeekorps in Metz festgehalten hatte. Ein ungewohntes Bild bot der Festgottesdienst. Wenn jemand über dem Ernst des Festes den Ernst der Zeit hätte vergessen können — die große Zahl der Soldaten hätte ihn an das blutige Ringen draußen erinnert. Mindestens 200 Soldaten aller Waffengattungen waren hier zum Gebet versammelt. Vom jüngsten Rekruten bis zum bärtigen Landwehrmann, teils Neueingekleidete, teils Verwundete, teils solche, denen man die Strapazen langer Märsche und der Schützengräben ansah. Wahrhaft herzerfreuend und erhebend aber war es, wie am Schluß des Gottesdienstes jeder, aber auch jeder Soldat eine Einladung zum Essen erhielt. Einzelne Gemeindemitglieder hatten es sich nicht nehmen lassen, eine größere Anzahl von Soldaten einzuladen, so daß kein Soldat wegging, dem nicht Gelegenheit geboten war, den Festabend in einem Haus zu verbringen. Dieser schöne Beweis von Gastfreundschaft wiederholte sich mit gleich herzlicher Selbstverständlichkeit am ersten wie am zweiten Tag; ich hörte es von mehreren Soldaten, wie dankbar sie anerkannten, daß ihnen in dieser schweren Zeit ein Ersatz für das Familienhaus geboten wurde. Die Metzer Gemeinde hat sich hierdurch ein Recht auf die Dankbarkeit auch der Angehörigen ihrer Gäste erworben, denn sie können das Bewußtsein haben, daß ihre Lieben zwar fern der Heimat, doch auch von Fürsorge und Festtagsstimmung umgeben waren. Einen anderen Beweis der Fürsorge, den die Metzer U. O. B. B.-Loge (Lothringer Loge) auch im Frieden den Soldaten ihrer Garnison angedeihen läßt, konnten wir am zweiten Festtag beobachten. Am Vormittag hatte Kollege Chone auf Einladung des Herrn Oberrabbiners Dr. Netter, unter Zustimmung der Gemeindevertretung, die Kanzel bestiegen und als Feldrabbiner insbesondere an die wieder zahlreich versammelten Kameraden zündende Worte gerichtet. Am Nachmittag führte eine Einladung der Lothringer Loge die Kameraden noch einmal bei Kaffee und Kuchen im Soldatenheim zusammen. Dieses Soldatenheim, vor etwa drei Jahren von der Loge gegründet, bietet jedem Soldaten allsonntäglich einen angenehmen Aufenthalt. Neben dem schönen Logensaal gelegen, direkt von der Straße aus zugänglich, enthält es zwei größere Räume, in denen die Soldaten lesen und spielen können, und wo ihnen Erfrischungen gereicht werden. Außerdem steht ihnen ein Schreibzimmer und ein Billard zur Verfügung. Hierhin hatte die Loge die Soldaten am Nachmittag eingeladen, und mehr als 200 konnten hier von ihren Strapazen ausruhen. Da auch ein großer Teil der liebenswürdigen Gastgeber mit 4