Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-05-21 · 20 (21.5.1915) · p. Seite 159

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
20 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9114953--00338-9073165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 Das Jüdische Echo 159 Henry Morgenthau unter den allerersten, die seine Bedeutung erkannten. Er gehörte einem Komitee von sieben Personen an, das in der demokratischen Partei die Aufstellung Wilsons zum Präsidentschaftskandidaten durchsetzte. Als ihm der Botschafterposten angeboten wurde, zögerte er. Sein Instinkt weckte in ihm Bedenken, ob er gut daran tue. als „Outsider" in die Welt der Diplomatie einzutreten. Aber auf Zureden seiner Freunde entschloß er sich, die Probe zu wagen — und sie gelang. Sie gelang weit besser als er selbst, als seine Freunde, als — vor allem — seine Kollegen vom diplomatischen Korps erwartet haben mochten. Der hier skizzierte Lebenslauf Mergenthaus läßt erkennen, daß er in hohem Maße das besitzt, was man eine „glückliche Hand" nennt. Er kommt als Knabe nach Amerika, tritt ins Leben ein, und wo er zugreift, blüht ihm der Erfolg entgegen. Familienglück, Gesundheit, Ansehen und Reichtum sind ihm beschieden. Er richtet in späteren Jahren sein Augenmerk auf die Politik — und sogleich gelangt er in die nächste Umgebung des künftigen Präsidenten der ihm den Weg zum Botschafterposten ebnet. Er tritt diesen Posten an — und in anderthalb Jahren hat er sich ein Maß von Achtung und Vertrauen erworben, wie kaum ein amerikanischer Botschafter vor ihm. Kluges Urteil, ungewöhnliche Arbeitskraft, geduldige Beharrlichkeit erklären den Erfolg, der Morgenthau beschieden war, nur zum Teil. Das Vertrauen, das ihm durch seine Berufung auf den Botschafterposten bewiesen wurde, galt auch seiner Güte, seiner Zuverlässigkeit und vornehmen Gesinnung. Diese Güte, die sich immer wieder mit einer selbstverständlichen Gelassenheit, ohne Pose, ohne Anspruch auf Dank, in edelster Einfachheit kundgibt, muß ihm viele treue Freunde geworben haben. Sie ist es, die sein ganzes Wesen durchwärmt und von allen seinen Handlungen untrennbar ist. Morgenthaus geistige Welt ist nicht die des „Intellektuellen" im europäischen Sinne — dieses Intellektuellen, der allzu oft nur ein Vielwisser, ein Vielkenner, ein An-, Mit- und Nachempfinder ist, dem die frische Farbe der Entschließung, Gefühl für das Einfache und ein starker Glaube an sich selber fehlt. Morgenthau ist ein „Intellektueller" im amerikanischen Sinne, ein Mensch, dem die Ideale der Humanität kein Feiertagsgewand und auch kein „überwundener Standpunkt", sondern natürliche Gebote sind, die es auf irgend eine Weise in praktische Wirklichkeit umzusetzen gilt. Der jüdischethische Zug seines Wesens verstärkt und verinnerlicht sein Humanitätsempfinden, gibt ihm die Richtung auf das höchste soziale Ideal des Judentums: Gerechtigkeit. Das ist der Mann, der von sich selber sagt: „Ich glaube, daß die Türken Vertrauen zu mir haben, weil ich mich bemühe, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen." Und wirklich hat er es verstanden, mit der türkischen Regierung die freundlichsten Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Die türkischen Minister fühlen, daß dieser Botschafter ein gerecht denkender, gütiger Mensch ist, der es immer zu vermeiden sucht, ihnen Ungelegenheiten zu bereiten und immer bestrebt ist, bei der Wahrung der ihm anvertrauten Interessen auch den türkischen Standpunkt gelten zu lassen. Wie er für die Juden der Türkei, besonders für die Juden Palästinas eingetreten ist und täglich eintritt, ist so häufig gesagt worden, daß es sich erübrigt, Einzelheiten aufzuzählen. Gewiß verbinden ihn mit dem Judentum Empfindungen besonderer Art, aber eben weil er im besten Sinne Jude ist, ist er ein Mensch von Mitgefühl und zarter Fürsorge für alle Leidenden und Bedrückten. Morgenthau, der immer betont, daß er Jude ist, liebt es nicht, über sein Verhältnis zum Judentum viele Worte zu verlieren. Und es bedarf dessen auch nicht, denn wer den Menschen kennt, kann seine innere Beziehung zum Judentum fast erraten. Als er einmal hierüber befragt wurde, erwiderte er nach kurzem Besinnen: „Ich stamme von Juden, ich suche dies nie zu verbergen, sondern ich bin stolz darauf." Die Einfachheit dieses Ausspruches ist sehr bezeichnend. Morgenthau hat sich nie über den „Sinn des Judentums" den Kopf zerbrochen. Um sich selbst, um sein Judentum zu begreifen, bedarf es für ihn keiner Definitionen und keiner Abhandlungen über das „Wesen" oder das „Verhältnis" von jüdischer Rasse, Religion und Nation. Er weiß und fühlt sein Judentum, weil er als Jude geboren ist, sein Leben lang die Augen offen hielt und ein warmherziger Mensch ist. Wie sollte er, der in Amerika Eingewanderte, nicht empfinden, was ihn mit den zweieinhalb Millionen Eingewanderter verbindet? iVlorgenthau ist kein Zionist, will sich nicht auf Programme festlegen. Aber er meint (in echt amerikanischer Ausdrucksweise), man müsse „den Zionisten den Weg frei geben, damit sie zeigen, was sie können". Den jüdischen Kolonien in Palästina, die er besucht hat, bringt er starkes Interesse entgegen, er wünscht ihre Entwicklung und Ausbreitung, weil sie ihm als ein Stück echten und gesunden jüdischen Lebens erscheinen. Doch will er auf keine Weise den Propheten spielen. Als er gefragt wurde, was er von den Zukunftsaussichten des Zionismus halte, wies er auf eine der uns wohlbekannten Schwierigkeiten hin, fuhr dann aber fort: „Ich gebe kein Urteil ab, ich unterstütze

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.