Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 19 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9114952--00333-9073160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 19 Das Jüdische Echo 155 tischen Behörden gestatteten Ausnahmen gesperrt wurde. Aus Ungarn, Schlesien und der Steiermark werden sie nach Böhmen befördert. Wie lange wird man sie dort belassen? Und was beabsichtigt man mit ihnen wohl nach dem Kriege? Zeifungs-Echo In Nr. 13 des „Zeit-Echo" schreibt der bekannte jüdische Sozialist Gustav Landauer über die Zukunft der Nationen u. a. folgendes: „Staat, Etat, Stand, Zustand ist nicht eine Oertlichkeit oder ein Landgebiet, sondern eine Art und Weise. Die Interessen, die der Staat den Menschen befriedigen soll, sind weder an Landesfürsten (bei dem ursprünglich der Fürst Landesherr im wörtlichen Sinne, Eigentümer des gesamten Bodens ist), noch an Länderbeherrschung gebunden, sind überhaupt nicht lokal, sondern modal. Es ist die große Entdeckung oder Erfindung, die der Menschengeist der Natur hinzugefügt hat, daß es über den Räumen und Zeiten, über dem Wo und Wann noch die Modalität oder das Wie gibt. Dem Wo entspricht hier das Bodenmonopol; dem Wann die geschichtlich gewordene autoritäre Gewalt; dem Wie entspricht der Sinn, der Zweck und die Bezeichnung. Der Staat soll nicht mit Ländern und ihrer Beherrschung und Eroberung, sondern, da es sich schon längst nicht mehr um der Kultur gewonnenes, urbares Land inmitten Wildnis, sondern um zivilisierte und in Sicherheit wohnende Menschen handelt, mit deren Verhältnissen und Zwecken zu tun haben. . . Die scheußliche Verwirrung, die in den Ländern mit gemischter Bevölkerung oder einem solchen Erdstrich wie dem Balkan von der Verkoppelung zwischen Nation und Staat hervorgebracht wurde, hört sofort auf, hört aber auch erst dann auf, wenn die öffentlichen Angelegenheiten jeder Nation nicht einem Staat abgetreten, sondern von der Nation selbst als Nation erledigt werden. Jede Nation kann dann so viele Schulen, Universitäten, Akademien, The.ater und sonstige echt nationalen Einrichtungen gründen, als sie durch ihren Zusammenschluß und ihre Beharrungs- und Expansionskraft eigens und lediglich für die Zwecke dieses Geist- und Sprachverbandes Mittel aufbringt. Und hinsichtlich des Geistes, der in den Schulen herrscht, der Methoden, nach denen unterrichtet wird, wird es innerhalb der Nation die größte Mannigfaltigkeit je nach Gemeinden, Gegenden und besonderen Schulgenossenschaften geben. So sehr der Nationalverein nach außen in Sachen seiner Zwecke wie eine einheitliche, uneinnehmbare Festung wirken wird, so sehr wird er im Innern Selbständigkeit und mannigfaltige Gliederung aufweisen; und der Fall könnte sogar mehr als einmal vorkommen, daß einem Vater die Sprache nicht so wichtig ist wie der Geist, der sich in ihr ausdrückt, und daß zum Beispiel ein Tscheche sein Kind in eine deutsche Schule schickt und umgekehrt. Für alle solche Anschlüsse und Ausscheidungen wird im Zweckverband der Nation Freiheit herrschen, und zwischen Gemeinden, Genossenschaften und Nationalzentrale wird über das Verhältnis von Zentralisation und Dezentralisation der Mittel eine freie Verständigung erfolgen müssen." Im Märzheft des Cicerone, Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers u. Sammlers, veröffentlicht Ernst Lemberger eine Abhandlung über Johann Michael Siegfried Lowe als Beitrag zur Geschichte der Miniaturmalerei. Lowe wurde als Moses Samuel Löwe am 24. Juni 1756 geboren. Den fachlich und kulturgeschichtlich fesselnden Aufsatz begleiten fünf Abbildungen, zwei Selbstbildnisse und eine beredte Radierung, die David Friedländer darstellt. Bühnen-Echo Die Journalisten, Lustspiel in vier Akten von Gustav Freytag. Erstaufführung im Münchener Volkstheater am 6. Mai 1915. Das ajlte gutgebaute Lustspiel wurde recht befriedigend aufgeführt. Der Piepenbrink des Direktors Beck war von einer breiten, spießbürgerlichen Behaglichkeit. Ihm sekundierte Marie Ii o f f m a n n als seine aufgedonnerte Frau trefflich. Bellmaus, der schüchterne Dichterjüngling wurde drollig von Herrn Herbst gespielt. Auch der Gast, Herr B i r r o n , verlieh dem Konrad Bolz Frische und Rundheit, wenngleich an manchen Stellen mehr innere Festigkeit und Ernst hätten durchschimmern dürfen. Die Gestalt des jüdischen Journalisten ist seit den Zeiten des jungen Deutschland stereotyp geblieben. Die Rolle des Schmock bietet schauspielerischen Möglichkeiten ein reiches Feld. Ein satyrisches Zerrbild, als bloße Nebenfigur gedacht, wirkt es mit sentimentalen Zügen und Situationen trotzdem als stärkste Rolle des Stückes. Herr Marie verkörperte diese fragwürdige Gestalt des armseligen und jüdischen Lohnschreibers, der sich aus der Literatur in ein besseres Geschäft hinüberrettet, ganz ausgezeichnet: melancholisch und linkisch, spähend und „unanständig" und in der entscheidenden Szene mit Adelheid mit starker Betonung des Gefühlsmäßigen und wirksamen Tönen von Rührseligkeit, die den Beifall des Publikums auf offener Szene hervorriefen. W.-St. Vereins-Echo Berlin. Der Verband der Deutschen Juden versendet zum Schowuausfest, wie er es zu Chanuka und zu Pessach getan hat, ein Heft als „Gruß an die jüdischen Soldaten im deutschen Heer" ins Feld. Das Heft enthält außer Bibel-, Talmud- und anderen Stellen von der Offenbarung zwei Aufsätze, den einen von Herrn Rabbiner Dr. B a e c k aus Berlin, dem Feldgeistlichen beim Oberkommando der 1. Armee: „Du sollst", und den andern von Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann in Wien „Unsere Thora" sowie einige Gedichte. Die Schrift wird gewiß allenthalben von den jüdischen Soldaten draußen mit Freude begrüßt werden, wie dies nach zahlreichen Briefen aus dem Felde bei den beiden vorangegangenen Heften der Fall gewesen ist. — Gemeinden und anderen Körperschaften, sowie allen, die an Angehörige im Heer Exemplare versenden wollen, stehen solche auf Wunsch im Bureau des Verbandes der Deutschen Juden — das sich jetzt Berlin W. 35, Steglitzerstraße 9, befindet — zur Verfügung. Günzenhausen. Zur Organisierung der Palästinahilfe in dieser Gegend hat das „Hilfswerk für Palästina" hier eine Vertretung errichtet. Spenden nimmt entgegen Herr Julius Gutmann, Günzenhausen, Bahnhofstr. 14. München. Mittwoch, den 5. Mai, wiederholte Herr Rabbiner Dr. Werner für die „Münchener Ostpreußenhilfe" (Geschäftsstelle: Weinstraße 7) seinen Vortrag über das Thema: „Der Weltkrieg und das alte Testament", dessen Inhalt schon seiner Zeit in diesen Blättern mitgeteilt