Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 19 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Das Jüdische Echö Nr. 19 Herzl hat sich einmal geäußert: „Der Zionismus gibt den Völkern das Mittel an die Hand, die Zahl ihrer Juden nach dem Bedürfnis zu regulieren." Möglicherweise wird dieser Ausspruch sich auch in dem Sinne bewahrheiten, daß die Judenheit bei der Regelung des Verkehrs zwischen Orient und Okzident, auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete, zur Trägerin einer hohen Mission vom Schicksal auserkoren ist. Unsere Thora Von Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n in Wien.*) Wer kennt sie nicht, und wer wagt zu sagen, daß er sie kenne? Diese Fragen gelten der Thora. Sie scheinen einander zu widersprechen, aber in Wirklichkeit besteht kein Widerspruch zwischen ihnen. Denn die Thora ist, um ein oft auf sie angewandtes Wort aus dem Buche Hiob zu erwähnen, eine unübersehbare Ebene, deren Grenzen immer mehr in die Ferne rücken, je näher man ihnen zu kommen glaubt, oder sie ist wie das Meer, dessen Horizont die Unendlichkeit ist. Und wieder ist die Thora, wie sie selber von sich sagt, einem jeden unmittelbar nahe, in seinem Munde und in seinem Herzen, sie auszuüben und an sich zu erfahren. Mit dem Kinde spricht sie wie ein Kind,'mit dem Jüngling, dem Manne und dem Greis führt sie die Sprache ihres Alters, alle finden in ihr sich selbst wieder, allen zeigt sie ihr Spiegelbild. Worauf beruht diese Doppelgestalt und Doppelwirkung der Thora, ihre Vielseitigkeit oder vielmehr Allseitigkeit? Darauf, daß sie das getreue Abbild des Lebens ist, daß sie das Leben in sich aufgenommen hat und zurückstrahlt. Die Thora ist kein Produkt der Studierstube, keine mühsam zusammengestellte gelehrte Konzeption, /säe ist nicht von einem weltfremden Denker oder Dichter aus der Tiefe seines Geistes heraufgeholt und wie ein Erratblock in die Einsamkeit hingestellt, sie lehnt sich nicht an eine frühere ähnliche Schöpfung, an ein Vorbild an, dessen Konturen sie nachgezeichnet hätte, sondern frisch und unmittelbar, eigenartig, ursprünglich und urwüchsig ist sie, wie das Leben selbst. Aber bei all ihrer Natürlichkeit und Einfachheit, oder vielmehr eben deshalb, ist die Thora ein Kunstwerk, ein Gedicht, wie es vor ihr keines gegeben hat und nach ihr keines geben wird. Die erhabensten Kunstgebilde alter und neuer Zeit müssen bescheiden zurücktreten, um ein Wort Heines zu gebrauchen, vor den Menschenpyramiden, die Mose gemeißelt hat und die in der Thora aufgestellt sind, und nie hat ein Sänger seinem Instrument solche Töne entlockt, wie sie durch die Blätter der Thora rauschen. Das Lallen des in ein Kästchen gebetteten, in den Wellen des Nils sorglos schaukelnden Kindes, der Angstruf wie der Freudenschrei der Mutter, das Stöhnen der Sklaven, der Siegesjubel des befreiten Volkes, das Rollen und Grollen des welterschütternden Donners, unter dem das Reich der Tyrannei, des Trotzes und Uebermutes zusammenbricht, — das alles vereinigt sich in der Thora zu einer Sphärenharmonie, die keine Einbildung der Phantasie wie die pythagoräische war, sondern die auf den Höhen des Sinai einst wirklich gespielt und von dem Volke Israel vernommen wurde. „Als ich auftrat, hat die Welt gezittert," *) Aus dem vom Verband der Deutschen Juden an die jüdischen Soldaten verschickten Schowuausheft (s. Vereins-Echo). kann die Thora mit dem Dichter sagen. „Es horens die Völker, sie beten, Zittern ergreift die Bewohner Peleschets. Da erschrecken die Stämmfürsten Edoms, die Mächtigen Moabs, sie beben, vor Angst autgelöst sind alle Bewohner Kanaans." So lautet der Nachhall der Katastrophe, die Pharao ereilte und die alle Welt begrub, während Israel auf ihren Trümmern die Fahne der Freiheit und Erkenntnis, des Rechts und der Sittlichkeit aufpflanzte, eine Fahne, auf der die Worte erglänzten: „Gott ist mein Panier", und die Israel sich vom Sinai heruntergeholt hatte, um sie der Menschheit als das Unterpfand göttlicher Gerechtigkeit und Liebe zu übergeben. Das Zittern überlief bloß diejenigen, die sich für die Welt h i e 1 te n , die Tyrannen, die Gewaltmenschen, die Menschenverächter, deren Urbild Pharao ist mit seinem Ausspruch: „Wer ist Gott, daß ich auf seine Stimme hören sollte!" Aber die große Masse der Verzagten und Bedrückten, welche die eigentliche Welt ausmachten, atmete erleichtert auf bei dem frischen Luftzug, der von der Thora ausging, der die Herzen erhob und die Gemüter befreite. Die Thora ist ein Frühlingskind, und einen Menschenfrühling hat sie herbeigeführt. Wie von lauen Wänden getragen kamen die erlösenden Worte vom Sinai herab auf die Menschenwelt. „Eine Sprache, die ich bisher nicht gekannt habe, vernehme ich." So schildert der .Psalmensänger den Eindruck der Lehre von dem einig-einzigen Gott, dem Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde, der sich als Befreier ankündigte und als Anwalt der Armen und Fremden, der Witwen und Waisen eine neue Weltordnung verhieß, in der es nur freie Menschen, Kinder Eines Vaters, geben sollte. Es waren in der Tat bis dahin unerhörte Worte, welche die Thora verzeichnet. „Einen Fremden sollst du nicht kränken und nicht bedrücken, denn Fremdlinge wart ihr in Aegypten." „Keine Witwe und Waise sollt ihr bedrücken." „Wenn er (der Arme) zu mir schreit, so werde ich hören, denn ich bin erbarmungsvoll." „Ewiger, Ewiger, Gott, barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue, der die Huld bewahrt bis ins tausendste Genchlecht, Schuld, Missetat und Fehl vergibt, doch straflos hingehen läßt er nicht." „Liebe deinen Mitmenschen als deinesgleichen, liebe den Fremden als deinesgleichen." Die reiche Blütenfülle göttlicher Liebe und Barmherzigkeit, die in diesen und zahlreichen ähnlichen Aussprüchen enthalten ist, ward nicht in einem Treibhause gezogen, sondern in einer Wüste, aus unbesätem Boden brach sie hervor. Aber das Volk Israel war der sorgsame Gärtner, der die zarten Blüten aus.dem Wüstensande ausgrub und in ein Erdreich verpflanzte, das es selbst angebaut, gehegt und gepflegt hat. Das ist der einzige Grundsatz, aus dem man das Volk Israel nicht hat vertreiben können, aus dem, wie aus dem Paradiese, die befruchtenden Ströme der Erkenntnis und Menschlichkeit hervorbrachen und über die Menschenwelt sich ergossen, die ohne sie heute noch eine Wüste wäre. Israel freilich hat den angestammten Grund seiner Thora auf andere Weise bewässert. Ströme von Tränen und Blut hat es für sie vergossen und buchstäblich über sie ausgegossen, denn wie die römische Matrone ihrem in den Kampf ziehenden Sohn den Schild mit den Worten übergab: „Kehre mit ihm zurück oder auf ihm," so schärften einst (Einst! Anm. d. Red.) die jüdischen Mütter ihren Söhnen, für die ja das ganze Leben ein ununterbrochener Kampf war, die Mahnung ein, nicht von der Thora zu lassen,