Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 19 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 151 Jordanien haben die Juden festen Fuß gefaßt. Jüdische Plantagenbesitzer, Bauern und Arbeiter bemühen sich um die Wette, dem Jahrhunderte hindurch vernachlässigten Erdreich neue, segenspendende Kräfte abzugewinnen. Und so scheint sich hier beinahe das Wort zu erfüllen, das einst Kaiser W i 1 h e 1 m II. an den Begründer des Zionismus, Dr. Theodor HerzL. richtete, als er ihn während seiner Palästinareise im Jahre 1893 empfing: „Es ist ein Boden, der lacht, wenn der Pflug des Arabers ihn kitzelt". Allerdings, der Fellache bringt dieses Kulturwerk nicht zustande. Es bedurfte der hingebungsvollen Arbeit jüdischer Pioniere, die im Schweiße ihres Antlitzes dieses großartige Werk vollbrachten, einzigartig dadurch, daß hier Städter zu Bauern wurden und mit ungeahntem Erfolg die Scholle bearbeiteten. Gewiß, ohne die Begeisterung, welche die zionistische Idee der „Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" in jenen Pfadfindern erweckt hat, wäre wohl niemals solche Leistung Wirklichkeit geworden. Aber die Resultate der jüdischen Kolonisation in Palästina liefern den vollgültigen Beweis dafür, daß die anfänglich als Utopie bezeichneten zionistischen Bestrebungen von Erfolg begleitet sind und das alte Volk der Juden noch Schöpferisches zu leisten imstande ist. Es sind schon früher Zahlen und Tatsachenmaterial zur Genüge angeführt worden, um die Fortschritte des „neuen Jischub" (im Gegensatz zum „alten Jischub", der in Jerusalem und in den anderen Städten ansässigen strengorthodoxen und unproduktiven jüdischen Bevölkerung) nachzuweisen. Wir können uns deshalb darauf beschränken, zu untersuchen, welche Begleiterscheinungen die zionistische Kolonisation für die deutschen Interessen bisher gezeitigt hat, um daraus für die Folge Schlüsse zu ziehen. Die Wirkungen, die wir nach dieser Richtung feststellen können, sind sämtlich erfreulicher Natur. Das erfahren wir beispielsweise aus den Berichten unserer konsularischen Vertreter in Palästina, die von dem sehr schönen Nutzen handeln, den die deutsche Industrie schon nach wenigen Jahren aus der Siedlungstätigkeit der Juden erzielen konnte. So werden u. a. fast alle landwirtschaftlichen Maschinen — und man bedient sich jüdischerseits der modernsten technischen Errungenschaften — durch Vermittlung des zionistischen Palästina-Amtes in Jaffa aus Deutschland bezogen. An der Spitze des Palästina-Amtes, das als Vertreterin fast aller zionistischen Finanzinstitute (die zum Teil in Deutschland registrierte Gesellschaften sind) den. Brennpunkt der gesamten jüdischen Kolonisationsarbeit darstellt und dessen Agronomen, Ingenieure und Architekten höchstes Ansehen genießen, steht ein scharfsinniger Jurist und Nationaökonom, der Reichsdeutscher ist. (Gemeint ist Dr. Arthur Ruppin, der Leiter des zionistischen Palästina-Amtes. Anm. d. Red.) Es ist auch kein bloßer Zufall, daß die Leitung der zionistischen Weltorganisation in Berlin ihren Sitz hat und die führenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung größtenteils deutsche Juden sind. Daß diese Männer von politischem Weitblick und praktischem Verstände zugleich zu den treuesten Söhnen des deutschen Vaterlandes zählen, das haben sie — wenn es noch eines Beweises bedurft hätte — in der gegenwärtigen Zeit bewiesen. Es ist nur die Fortsetzung des von dem verstorbenen Zionistenführer, Dr. Theodor H e r z 1 in Wien, übernommenen Gedankenganges, wenn es in dem Feldpostbriefe eines deutschen Zionisten („Jüdische Rundschau" Nr. 50, 1914) heißt: „Der deutsche Zionist, als Angehöriger eines der ersten Kulturstaaten der Erde, wird, wenn er als Kulturpionier nach Palästina geht, deutsche Errungenschaften des Geistes und der Technik mitnehmen, um sie im Lande Israel nutzbar zu verwerten. Er wird als Jude ins Land der Väter gehen, sein deutsches Land wird er aber dort nie vergessen." Daraus mag man ersehen, von welchen Absichten die Zionisten in bezug auf das Deutschtum beseelt sind und was das deutsche Volk von einer Erweiterung der jüdisch-kolonisatorischen Bestrebungen in Palästina zu erwarten hat.-- Die Juden sind, was bisher nicht allgemein bekannt ist, seit Ausbruch des europäischen Krieges eine vielumworbene Gemeinschaft .... Die Wanderbewegung unter den Juden wird —■ darüber ist kein Zweifel möglich —. bald nach Beendigung des Krieges in gewaltiger Ausdehnung neu einsetzen. Die galizisch-jüdischen Flüchtlinge einerseits, Tausende jüdischer Familien aus Russisch-Polen anderseits werden aus ökonomischen Gründen genötigt sein, eine neue Heimat zu suchen. Diese Katastrophe wird für die europäischen Länder wie für Amerika eine schwierige Situation schaffen. Inwieweit der Orient, insbesondere Palästina und Syrien, für die Auswanderer aufnahmefähig ist, läßt sich heute schwer beurteilen. Auf welcher Seite die Sympathien der selbstbewußten Juden liegen, ersieht man ohne weiteres aus der Stellungnahme des offiziellen Organs der zionistischen Organisation in Amerika, die jetzt während der kriegerischen Verwicklungen die Fürsorge für das palästinensische Kolonisationswerk auf ihre Schultern geladen hat. Das betreffende, in New York erscheinende Blatt ergreift unverhüllt und uneingeschränkt für Deutschland, Oesterreich und die Türkei Partei, und der amerikanische Gesandte Mor genthau hat als einer der wärmsten Freunde der Türkei und Palästinas bei der Versorgung der jüdischen Bevölkerung des Heiligen Landes mit Lebensmitteln im Einvernehmen mit der amerikanischen Judenheit hervorragend mitgewirkt. Die zionistische Weltorganisation hat von jeher auf ihren Kongressen und Tagungen die unverbrüchliche Treue und Anhänglichkeit an das türkische Reich feierlich bekundet und es weit von sich gewiesen, irgendwelche Separationsgelüste, die der Integrität des türkischen Staates zuwiderlaufen könnten, jemals zu verfolgen. Das Heil der jüdischen Kolonisation in Palästina ist mit dem Wohle und der Selbständigkeit der Türkei untrennbar verknüpft. Dieser Ueberzeugung wurde seitens der zionistischen Organisation auch dadurch Ausdruck verliehen, daß ihre Anhänger in großer Zahl die ottomanische Staatsangehörigkeit erwarben und sich während des Balkankrieges ruhmvoll für die Türkei geschlagen haben. Unmittelbar nach der türkischen Kriegserklärung an Rußland sind noch fünftausend russische Juden türkische Staatsbürger geworden. Fast jeder russische Jude aber versteht Deutsch, ist doch das Yiddisch-Deutsch seine Muttersprache. So präsentiert sich vom Standpunkte der deutschen und türkischen Interessen, die ja eine Einheit bilden, die Förderung der jüdischen Siedlungsarbeit in Palästina, die dem Lande zu einem großen Aufschwung verhelfen kann, als eine höchst beachtenswerte Aufgabe. Die Juden, als Mittler zwischen Orient und Okzident, sind vielleicht berufen, noch eine große, historische Rolle zu übernehmen. Das Judentum, im Anschluß an das Deutschtum, könnte wahrhaft Großes für die Menschheit leisten.