Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 19 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9114952--00328-9073155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
150 Das Jüdische Echo Nr. 19 So wird durch diese volksfremden Elemente, denen das Judentum nicht viel mehr als eine wissenschaftliche Materie ist, die Frage nach dem „Wesen des Judentums" zum Ausgangspunkte der kardinalen Judenfrage. Diese sinnlose Wucherung einer fast sinnlosen Frage hat so viel Verwirrung in unserer jüdischen Welt angerichtet, daß heute jeder Gelehrte, Artikelschreiber und Versammlungsredner mit viel pathetischem Tiefsinn mit der Frage beginnen zu müssen glaubt: was ist Judentum? Diesen rethorischen Fragestellern scheint die rustikale Motivenkette unserer scholosch regolim gänzlich entgangen zu sein, und die historische Bedeutung dieser Feste verallgemeinern sie so lange, bis sie kaum noch etwas für sie als Juden Verbindliches enthält. Die Darbringung der Gerstenerstlinge bei der Pessachwallfahrt lebt nur noch reminiszenzenhaft in ihrem Bewußtsein, und von der historischen Bedeutung des Pessachfestes abstrahieren sie eine Freiheitsidee, die sie allen Völkern zu bringen sich berufen fühlen, nur dem eigenen nicht. Der jom habbikkurim ist ihnen nur ein verwelktes Kranzgewinde um das riesenhafte Monument der mosaischen Gesetzgebung, die sie als den Geburtstag des allmenschlichen Kulturgedankens begehen; wobei sie vergessen, daß an jenem Tage vor allem das jüdische Volk zu einer Kulturnation wurde, die ihre Träger für ewige Zeiten verpflichtet. Wir jungen „Romantiker" aber beginnen einzusehen, daß eine Erkenntnis des jüdischen Wesens ohne ein neuesErleben nicht möglich ist, daß der Begriff „Judentum" von Haib¬ und Viertelsjuden nicht erschöpfend definiert v/erden kann, und daß wir erst dann wieder fähig sein werden, unser Leben von dem toten Punkte der Gegenwart fortzubewegen, wenn wir alle Kräfte unserer Vergangenheit in uns erneuert haben, wenn Schowuos seinen alten, unmittelbaren Offenbarungssinn wieder erlangt hat und wenn die Freude an der Darbringung des von uns selbst geernteten Weizens wieder eine wirkliche, naive Natur — und Gottesverehrung wird, wenn wir wieder den tausend Möglichkeiten kraftloser Ahasverüberhebungen eine einzige blutvolle Wirklichkeit vorziehen, wenn wir wieder zu ahnen beginnen, daß die Motivenkette unserer Wallfahrtsfeste uns mehr Aufschluß über jüdisches Wesen gibt als Kompendien einseitig-kosmopolitischer Auslegungen und allmenschlicher, zu nichts verpflichtender Redensarten. Die Leser werden gebeten, die inserierenden Firmen bei Einkäufen in erster Linie zu berücksichtigen und dabei auf das „Jüdische Echo" Bezug zu nehmen. Die Zukunft Palästinas und die Judenfrage Von Berthold.Bürger.*) Die Beteiligung der Türkei am Weltkriege hat unsere Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf Palästina gelenkt. Niemals hat ja das Heilige Land aufgehört, allen Religionen und Völkern Gegenstand heiliger Verehrung und ein Zielpunkt ihres Strebens nach Machtentfaltung zu sein. Und wenn die Bevölkerung Palästinas beim Beginn des Krieges, aus Mangel an den regelmäßigen Einfuhrobjekten und vor allem ohne die gewohnten finanziellen Zuschüsse der außerpalästinensischen Organisationen, eine Teuerung und wirtschaftliche Krise traurigster Art bedrohte, so zeigt gerade dieser Umstand deutlich, daß Palästina bis auf den heutigen Tag in wirtschaftlicher Hinsicht ganz unselbständig und von der Fürsorge Europas und Amerikas abhängig geblieben ist. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Unvollkommenheit der Wirtschaft Palästinas hatte England sich seit Jahren bemüht, auf den verschiedensten Gebieten immer mehr Einfluß im Lande zu gewinnen, und auch Frankreich hat kein Hehl daraus gemacht, daß ihm eine Steigerung der französischen Machtsphäre in Palästina und im benachbarten Syrien in hohem Grade willkommen sein würde. Wer arbeitet heute in Palästina? Dies muß man wissen, will man auch nur annähernd darzustellen versuchen, in welcher Weise sich — soweit menschliche Berechnung ein Urteil ermöglicht — nach Beendigung des Krieges die Verhältnisse entwickeln mögen und das Land der Bibel und der Propheten vielleicht einen Verjüngurigsprozeß erleben könnte. Bei Gruppierung der im Lande wirkenden Kräfte fällt unser Blick aus naheliegenden Gründen in erster Linie auf die rein deutschen landwirtschaftlichen Siedlungen, wie z. B. Wilhelma und Sarona. Hier haben sich fleißige und tüchtige schwäbische Bauern seit Jahren niedergelassen und nicht nur bescheidenen Wohlstand erworben, sondern es auch verstanden, dem deutschen Namen Achtung und Ansehen zu verschaffen. Sodann betrachten wir die zwar nicht sehr zahlreichen, aber immerhin nicht bedeutungslosen Stützpunkte, die dem Deutschtum in den Schöpfungen und Einrichtungen der deutsch-katholischen und deutsch-protestantischen Kirche, wie Schulen, Klöster und Spitäler, erstanden sind. Auch das palästinensische Schulwerk des H i 1 f s v e r - eins deutscher Juden ist in diesem Zusammenhange zu erwähnen. Sehen wir uns weiter im Lande um. Niemand, der sein Augenmerk auf den Handel und Wandel des.modernen Palästina richtet, wird an einer Erscheinung achtlos vorübergehen, der wir für die Neugestaltung der Verhältnisse vom Standpunkte der deutschen und türkischen Interessen außerordentliche Bedeutung beimessen möchten. Es ist die jüdische Kolonisation Palästinas, die unter den Auspizien der zionistischen Bewegung immer weitere Kreise zieht. Ein Kranz blühender jüdischer Dörfer erstreckt sich über Judäa, Galiläa und Samaria. Aber auch in Trans- *) Dieser Aufsatz ist am 15. April in der bekannten Wochenschrift Fried r. Naumanns „Die Hilfe" erschienen. Er ist hier wiedergegeben bis auf einen kleinen Teil, welcher von der unseren Lesern wohlbekannten Stellung Englands und Rußlands zur Judenfrage während des Krieges handelt.