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Das jüdische Echo · 1915-05-07 · 18 (7.5.1915) · p. Seite 142

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
18 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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142 Das Jüdische Echo Nr. 18 Berliner Leitung des Hilfsvereins dadurch begangen hat, daß sie auf ein gemeinsames Zusammenwirken mit dem Hilfswerk der übrigen Palästinaorganisationen (Bezalel, Esra, Kulturverband, Gesellschaft für sanitäre Interessen, Zionistische Vereinigung usw.) verzichtete. Wir wollen dies als ein immerhin erfreuliches Zeichen für die Erkenntnis der Aufgaben unserer Tage gerne verzeichnen. * * * Für Donnerstag, den 27. April, hatte das Rabbinat und die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde München gegen 170 Personen zu einer Versammlung eingeladen, die über die Durchführung einer Hilfsaktion in München für die kriegsgeschädigten Juden zu beraten hatte. Nach den Begrüßungsworten durch Herrn Justizrat A. 0 f n e r nahm Herr Rabbiner Dr. Werner das Wort. Er führte in einer eindrucksvollen Rede ungefähr folgendes aus: „Wir leben in einer Zeit, die täglich Anforderungen an uns stellt, denen wir unverdrossen nachkommen müssen, wie die Soldaten, die im Felde ihre Pflicht erfüllen. Manche Aufgabe wird an uns als Staatsbürger noch herantreten. Aber wenn wir es auch als heilige Pflicht erachten, die Sorgen des Vaterlandes zu mildern, haben wir doch als Juden noch besondere Aufgaben zu leisten und zwar deshalb, weil ein großer Teil unserer Glaubensgenossen in dieser Zeit auch in seiner Eigenschaft als Juden bedrängt worden ist. — Der Osten ist immer das Land gewesen, wofür die Tränen flössen und wofür das jüdische Herz stets geschlagen hat. Er ist doppelt heimgesucht. Es ist überflüssig, das darzustellen, da die allgemeinen Zeitungen davon voll sind. Dafür will ich ihnen Bilder aus meiner eigenen Erfahrung geben. Wenn ich die Gefangenenlager besuche, so höre ich dort Dinge, die, wenn sie auch nur zum Teil wahr wären, schrecklich genug sind. So stand ich neulich in Ingolstadt an dem Bette .eines Schwerverwundeten aus Pinsk. Der sagte zu mir: „Hier geht es mir noch gut. Ich habe einen Fuß verloren. Wenn ich aber zurückkomme in mein Vaterland, ob wir siegen oder verlieren, werden wir Juden die ersten Opfer sein. Ich zittere vor der Heimkehr." Ebenso hörte ich in Puchheim Leute, die sagten: „Wenn Rußland siegt, wird man uns als deutschfreundlich bezeichnen, wenn es verliert, als Verräter und uns die Schuld zuschieben. —■ Deshalb müssen wir als Juden für die Juden, gleichviel ob sie in dem nicht minder schwer bedrängten Qalizien oder in Rußland wohnen, soweit es deutsch geworden ist, nach Kräften zu sorgen trachten. Später auch für die anderen. — Das zweite Gebiet, das unsere Hilfe benötigt, ist Ostpreußen, wenn auch für Ostpreußen viel getan wird. In Königsberg hat sich ein Hilfskomitee für die Juden in Ostpreußen gebildet. Ganze Gemeinden sind aufgelöst, andere existieren nur in Fragmenten. — Das dritte Land ist die Türkei, die uns immer wohl wollte und gezeigt hat, soweit es staatsrechtlich möglich ist, daß sie gewillt ist, den Juden ein sicheres Heim zu geben. Man weiß, daß sie jetzt eine große Anzahl ausländischer Juden naturalisiert hat, um das Hindernis der fremden Staatsangehörigkeit für ihr Verbleiben im Lande wegzuräumen. In Palästina sieht es furchtbar aus. In Jerusalem stirbt die Bevölkerung auf der Straße vor Hunger. Auch dahin muß sich unser Blick wenden. — Es ist selbstverständlich, daß bei einem solchen Werk ein einzelner Verein oder eine einzelne Gemeinde nichts leisten kann. Die Arbeit muß zentralisiert werden. — Da sind wir dabei, sollen und wollen dabei sein, damit unsere Gemeindemitgheder ihr Herz und ihre Hand öffnen. — Soviel Unglück der Krieg gebracht hat, das größte ist im Osten und in Palästina zu finden. Wir Zurückgebliebenen müssen glücklich sein, wenn wir nur einen Teil der Schmerzen, des Kummers und der Sorge tragen können, der jene getroffen hat, die wir unterstützen müssen." Nachdem die Angelegenheit der Sammlung nach allen Seiten besprochen und beschlossen worden war, einen Teilbetrag daraus gesondert dem „Hilfswerk für Palästina", unternommen von den in Palästina tätigen Organisationen Deutschlands, zuzuführen, wurde ein aus 15 Herren bestehendes Komitee gewählt, das die Aktion durchzuführen hat. Es wird sich dieser Tage mit einem Aufruf an die Münchener Judenschaft wenden, der bei ihrem bekannten wohltätigen Sinn gewiß einen guten Widerhall finden wird. Vom russischen und englischen Antisemitismus Von Dr. phil. 3. D. S t e i n b e r g in Zürich. Ganz am Anfange des Krieges, als die Menschen mit tiefverwirrter Seele vor dem nie erschauten und nie erfühlten Ereignis standen, das über sie hereingebrochen war, da gab es unter unseren östlichen Brüdern noch seltsame Schwänner, die fremdartigste Hoffnungen in den blanken Tag hineintrugen; sie glaubten an die Gleichberechtigung der Juden Rußlands, die diesen aus dem Kriege erwachsen werde, sie sahen, traumhaft befangen, das schimmernde Tor der Freiheit weit offen in jenem Lande aufleuchten, das dunkel, faul, in starrer Gebundenheit und von seltsamen Träumen geschüttelt sich jenseits der Weichsel dehnt und dehnt. Aber alle diese Hoffnungen sind wie dünnstes Glas in der Faust des asiatischen Riesen zersplittert, und der Haß und die Verfolgung gegen den Juden war nie größer, als heute, da in der russischen Armee 400 000 jüdische Männer für ihr „Vaterland" verbluten, durch eine tieftragische Entwicklung gezwungen, für etwas zu kämpfen, das von dunkler Kindheit an ihr Feind und ihr grausamster Verfolger war. Dem russischen Juden, der verwundet zurückkriecht, wird das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons verweigert, und während das Paßwesen im Innern Rußlands für alle Nationen und Klassen der Bevölkerung abgeschafft werden soll, bleibt es, wie der Gesetzentwurf vom 18. Februar (russi Stils) dieses Jahres besagt: „für Juden, Zigeuner undBettler" bestehen. Wie ungeheuerlich die Flut von Verleumdung und Haß angewachsen sein muß, die sich gegen den Juden Rußlands in diesen Tagen anwälzt, erhellt die Tatsache, daß drei bedeutende Schriftsteller Rußlands es nötig fanden, in der „Börsenzeitung" einen offenen Brief abdrucken zu lassen, folgenden Inhalts: „Die tragische Lage der Juden in Rußland ist Euch bekannt; Ihr wißt, daß die Juden stets regen Anteil an unserem Kulturleben genommen haben und Ihr wißt ebenfalls, daß' sie in diesen schweren Tagen für unser Land eintreten, ohne ihr Leben zu schonen. — Diese uneigennützige Teilnahme an der Verteidigung unseres Landes sollte die schamlose Entwicklung der antisemiti-

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