Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 17 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Das Jüdische Echo Nr. 16 daß auch in Polen die Juden fast nur in jüdischen Betrieben (auch da nicht überall) aufgenommen werden, und die Zahl dieser Betriebe beschränkt ist. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die jüdischen Arbeiter durch organisierten Klassenkampf, zumeist unter Leitung des Bundes, ganz bedeutende ökonomische Verbesserungen, insbesondere die Verkürzung der Arbeitszeit, erzielten. Aber es unterliegt auch keinem Zweifel, daß die Grenzen des ökonomischen Kampfes für die jüdischen Arbeiter durch die spezifizierten rationellen Bedingungen beschränkt und verengt werden. Auch der „Bund1" mußte einsehen, daß der ökonomische Kampf der jüdischen Handwerker, ja selbst ihre Proletarisierung nur durch nationale Befreiung möglich ist und verficht deshalb die Forderung der nationalen Emanzipation der Juden. Für die meisten „Bundisten" ist freilich die nationale Befreiung nicht „Selbstzweck", sondern nur ein Mittel zur Beseitigung der Bedingungen, die die Entwicklung der jüdischen Arbeiterklasse hemmen, aber es besteht im „Bund" auch eine Strömung, die auch die Forderung der kulturellen nationalen Autonomie für Juden vertritt, und nicht nur als Mittel zur Organisation der Massen, sondern aus dem nationalen Prinzip heraus. Diese Strömung im „Bund" ist zwar nicht die maßgebende, aber sie findet die Sympathien der Arbeiter. Und kein Wunder: die jüdischen Arbeiter sind in ihrem Wesen national und müssenes sein: verfolgt von allen Seiten, in enge Schranken eingezwängt, können sie nur in einer Organisation Halt finden, die neben dem Klassenkampfe und sozialistischen Idealen auch die berechtigten nationalen Forderungen anerkennt. Die ökonomische Lage der polnischen Juden hat sich in den letzten Jahren noch wesentlich kompliziert durch den Boykott der Polen. Diese antisemitische Bewegung, die seit drei Jahren unter dem Losungswort: „Polonisierung der Städte" geführt wird und die selbstverständlich keinen psychischen, sondern rein ökonomischen Gründen entspringt, hat die polnischen Juden schon zum großen Teil ruiniert. Dieser Boykott berührt nicht nur den Handel, sondern auch die Arbeiterschaft. Die jüdischen Arbeiter sollen in keiner polnischen Werkstätte beschäftigt werden. Und so befinden sich die Juden in Polen im zweifachen „Ansiedlungsrayon": der Möglichkeit beraubt, durch Wanderung in andere Teile Rußlands (Binnenauswanderung) ein Absatzgebiet für Handel und Arbeit zu finden, sind sie in Polen selbst von dem allgemeinen industriellen Leben ausgeschlossen und in das mit Mühe durchbrochene Ghetto zurückgeworfen. Und so findet dieser Krieg, der die von Juden so zahlreich bewohnten Gebiete getroffen hat, die jüdische Bevölkerung schon ganz verarmt. E r gibt ihr den letzten Stoß. Und diese furchtbare Not findet keine Abhilfe. Die polnische Gesellschaft ist selbstverständlich nicht geneigt, jetzt den Juden zu helfen. Auch die russische hat jetzt etwas anderes zu tun. Zwar wurde . in Warschau von dem offiziellen russischen Zentralhilfskomitee eine jüdische Sektion gebildet, aber man kann von ihr nicht viel erwarten. Die Juden in Polen sind erschöpft, und es wäre Pflicht und dankbare Aufgabe ihrer glücklicheren Volksgenossen, wie auch der großen jüdischen Organisationen, der „Je a", des „H i 1 f s v e r e i n s" u. a. hier Linderung zu schaffen. Daß diese philantropische Hilfe nur eine momentane Linderung, aber keine Losung bringen kann, ist selbstverständlich. Eine prinzipielle Aenderung der Lage der Juden in Polen kann nur eine vollständige Umwälzung in den gegenwärtigen politischen Verhältnissen in Polen bringen. Ist diese Umwälzung zu erwarten und was kann der Krieg den polnischen Juden bringen? allrussischer und allpolnischer Hntisemitismus Von Dr. H. K a d i s c h , Lovrana. Der nun acht Monate währende Weltkrieg, in welchem das jüdische Volk Hekatomben von Blutopfern gebracht hat, ist für die Juden der Habsburgermonarchie und Deutschlands nicht bloß ein vaterländischer, sondern auch ein jüdischer Nationalkrieg gegen das reaktionäre, sich immer antisemitischer zeigende Allrussentum. Bereits in Fliedenszeiten war die russophile antiösterreichische Wühlarbeit in Galizien, Bukowina und Nordostungarn begleitet von einer wüsten antisemitischen Hetze; seit der russischen Invasion in diesen Gebieten wird aber ein wahrer Vernichtungskrieg gegen das jüdische Volk daselbst geführt. Am symptomatischsten ist in dieser Hinsicht die Kundmachung der russischen Heeresleitung, daß nicht bloß jene Juden, welche der Hilfeleistung zugunsten der Deutschen und Oesterreicher verdächtig seien, sondern sogar unschuldige jüdische Geiseln zum Tode verurteilt werden. Dieser Schandtat steht würdig zur Seite das Zusammentreiben von 1500 jüdischen Familien zwischen Kamionka und Tyszenieniezany, welche in den Bereich der österreichischen Kanonen abgeschoben werden sollten. Der echt russische Judenpogrom wurde nur durch den energischen Protest des österreichischen Kommandanten verhindert. Unter solchen Umständen ist die Lage der Juden, besonders in den von den Russen okkupierten Gegenden Galiziens furchtbar. Nach Erzählung des Vertreters der Jüdischen Kolonisationsgesellschaft, Herrn Fainberg, ist besonders in Lemberg die Not sehr groß. 1500 Familien erhalten täglich ein Brot im Werte von 13 Kopeken, andere 1500 Familien bekommen 6 Rubel monatlich pro Familie, die übrigen täglich bloß wenige Kopeken — trotz der unglaublichen Teuerung in Lemberg. Geradezu verzweifelt ist aber seit Kriegsausbruch die Lage der russischen Juden. Das Vermögen vieler Juden wurde von den Behörden konfisziert. Die den Ansiedlungsrayon verlassenden Juden werden von den russischen Polizeiorganen ununterbrochen durch Strafexpeditionen gequält. Da der Krieg ausschließlich im russischen Ansiedlungsrayon geführt wird, und die jüdische Bevölkerung dessen Konsequenzen am drückendsten spürt, so versuchte sie in den ersten Kriegsmonaten, in die inneren Gouvernements zu flüchten, wurde aber daran von den russischen Behörden mit den unglaublichsten Mitteln gehindert. Man verschickt sogar aus dem Kriegsdienst entlassene verwundete und invalide jüdische Soldaten in den Ansiedlungsrayon. Am schlimmsten ist die Lage auf dem Kriegsschauplatz in Russisch-Pol-m. Zeitungsberichterstatter sahen auf den Straßen lange Züge von Frauen, Greisen und Kindern, welche von sich zunickziehenden russischen Truppen nach Warschau getrieben werden.