Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 17 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Das Jüdische Echo 135 „S'chor le Abraham", das eine verbesserte Raschierklärung zur Tora enthielt, zusammengestellt nach verschiedenen Handschriften und mit Anmerkungen und Erklärungen versehen. Es erschien im Jahre 1865 und machte in der Gelehrtenwelt großes Aufsehen. Die Universität Leipzig verlieh Berliner auf Vorschlag der Professoren Delitzsch und Fleischer den Doktortitel der Philosophie honoris causa. Der ausgezeichnete Ruf dieses Buches verschaffte ihm später Zutritt zu der Bibliothek des Vatikan. 1865 wurde er als Lehrer in Berlin angestellt. Dort kam er bald in Verkehr mit bedeutenden jüdischen Gelehrten und hatte die Möglichkeit, Vorlesungen über Geschichte an der Universität zu hören. Er wurde der Nachfolger von Dr. Michael Friedländer als Dozent für Bibelkunde. Damals war er es auch, der den „Reformern" durch eine Artikelserie in der „Israelitischen Wochenschrift" scharf zu Leibe rückte. In seinen „Briefen aus Berlin" deckte er die ganze Haltlosigkeit moderner jüdischer Reformbestrebungen auf. Besonders wandte er sich gegen die Gewalttätigkeit, mit der die „Reformer" den Orthodoxen ihren Willen aufzwingen wollten. Damals schloß er enge Freundschaft mit Dr. Israel Hildesheimer, der ihn einen „Granit des Judentums" nannte. Er beteiligte sich auch an der Abfassung der Statuten der „Adas Isroel", ebenso wie er das Memorandum an Kaiser Wilhelm l. ausarbeiten mithalf. Zum Danke für seine segensreiche Arbeit bei der Ordnung der Synagogenangelegenheiten der neuen Gemeinde und der Gebetsordnung wurde er 1873 zum „Parneß" gewählt. Trotz seiner praktischen Tätigkeit vergaß er nicht seine wissenschaftlichen Arbeiten. 1873 gründete Dr. Hildesheimer das Rabbinerseminar. Berliner wurde Dozent für jüdische Geschichte und Literatur. Auch wurde er zum Leiter der Seminarbibliothek ernannt. Bis zum Jahre 1876 war Berliner noch zahlendes Mitglied der großen Gemeinde. Seine tolerante Geislesrichtung machte es ihm schwer, sich von ihr zu trennen. Aber ein unerhörter Vorfall (die Gemeindeverwaltung erlaubte es nicht, einen Mann nach den Wünschen seines Testaments zu beerdigen) zwang ihn zum Austritt. Auch nach seinem Austritt aus der großen Gemeinde bezahlte er seinen Beitrag zur Unterstützung der Armen und für das jüdische Krankenhaus weiter. Im Jahre 1873 unternahm er seine erste Studienreise nach Italien, wo er Tag und Nacht in den verschiedenen Bibliotheken alte Handschriften durchsah. Schon 1871 hatte er ein bedeutendes Werk veröffentlicht: „Aus dem inneren Leben der deutschen Juden im Mittelalter", welches seinen Ruf als Historiker begründete (2. Auflage 1910; das Buch erschien auch hebräisch im Verlag „Achiassaf", Warschau). Dieses Buch veranlaßte den preußischen Staatsminister Falk, Berliner 600 Mark aus der Staatskasse als Subvention für eine Studienreise nach Italien zukommen zu lassen. 1876 gab er den Kommentar Chananels heraus, den er in Rom aufgefunden hatte. Nach seiner ersten Reise unternahm er noch zwanzig Studienfahrten nach italienischen Städten, Paris, Oxford, London, Leyden u. s. f. Großen Eindruck machte sein Werk: „Die hebräische Grammatik in Talmud und Midrasch", das er 1879 veröffentlichte. 1880 gewährte ihm die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften eine Unterstützung von 1500 Mark zur Drucklegung seines großen Werkes: „Targum Onkelos zur Tora etc." Ueber seine erste Italienreise schrieb er in der „Jüdischen Presse" eine Artikelserie mit dem Titel: „Sechs Monate in Italien", die beweist, daß er nicht nur ein Mann der Bücher war, sondern auch das Leben zu beobachten verstand. Für seine „Geschichte der Juden in Rom seit den Uranfängen bis auf den heutigen Tag" (3 Teile mit vielen Illustrationen, 1893) erhielt er von der italienischen Regierung den Titel eines cavaliere della corona italiana. Seine übrigen Schriften und Aufsätze sind zahlreich. 1874/5 veröffentlichte er das „Magazin für jüdische Geschichte und Literatur, eine Monatsschrift in deutscher Sprache." 1876—1893 gibt er zusammen mit Dr. H o f f m a n n dieselbe Zeitschrift unter dem geänderten Titel: „Magazin für die Wissenschaft des Judentums" heraus. 1889 erschienen seine „Zeugnise des Papstes Klemens XIV." gegen das Ritualmordmärchen. 1903 feierte Berliner seinen siebzigsten Geburtstag, wobei ihm die Schüler des Seminars eine Gedächtnisschrift in hebräischer Sprache überreichten. 1899 wurde Berliner vom Großherzog von Baden in dreiviertelstündiger Audienz in St. Moritz empfangen. Berliner war das Vorbild eines jüdischen Gelehrten, dessen Auge auch im hohen Alter nicht getrübt war und dessen Kraft immer jung blieb. m. m. Die Juden in Polen Von Dr. phil. Sonja Rabinowitz, München. (Schluß.) Da die polnischen Juden zumeist Stadtbewohner sind, treibt ein großer Teil von ihnen Handel, aber es besteht in Polen auch ein bedeutendes jüdisches Arbeiterproletariat. Die offizielle Statistik gibt leider keine Auskunft über die Berufsstellung der Erwerbstätigen (ob selbständig, ob Angestellter oder Arbeiter) und man ist in dieser Beziehung auf private Untersuchungen angewiesen. Der „Bund"1) zählte 1903 in der Stadt Warschau 30 000 jüdische Arbeiter. Die jüdischen Arbeiter in Polen arbeiten in mehr fabrikmäßigen Unternehmungen als in Lithauen, wo sie vorwiegend Handwerker sind, aber auch hier sind sie in Gewerben und Werkstätten beschäftigt, in denen die Konzentration des Kapitals und der Arbeit verhältnismäßig geringer als in den polnischen Betrieben ist. In Warschau sind sie am meisten im Schuhgewerbe, in Tabakfabriken, in Leder- und Bekleidungsindustrie beschäftigt. In Lodz in den Lederfabriken und Webereien. Als Weber arbeiten sie aber zumeist im Zwischengewerbe, d. h. in kleinen Werkstätten, die von den großen Fabrikanten Rohstoff bekommen. In den großen polnischen und deutschen Webereien in Lodz sind die Juden in der Regel nicht beschäftigt. Es ist klar, daß infolgedessen die jüdischen Arbeiter auch auf dem Gebiet des ökonomischen Kampfes beschränkt sind. Wo der natürliche Prozeß der Konzentration der Betriebe und der Proletarisierung der Handwerker vor sich geht, kann der Untergang der Kleinbetriebe dem Handwerker im allgemeinen nur zum Wohl dienen: er wird Fabrikarbeiter, das Feld des ökonomischen Kampfes erweitert sich für ihn, er gewinnt auch die Vorzüge der Schutzgesetz^ebung, die in Rußland dem Handwerker nicht zugute kommt. Das trifft aber auf den j ü - di sehen Arbeiter in Rußland und zum Teil auch in Polen nicht zu. Die Proletarisierung der jüdischen Arbeiter in Polen wie in Rußland wird durch zwei Bedingungen erschwert: 1. dadurch, daß die Juden auf den „Ansiedlungsrayon" angewiesen sind, müssen sie in einem beschränkten Verdienstgebiet sich konzentrieren; 2. dadurch, *) Dje jüdisch-sozialistische Arbeiterpartei,